Heidelberger Zeitung — 1865 (Juli bis Dezember)

Seite: 490
DOI Artikel: DOI Seite: Zitierlink: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/hdtz1865a/0490
Lizenz: Public Domain Mark Nutzung / Bestellung
0.5
1 cm
facsimile
und das Beschlofsene rasch und energisch durch-
führen.

Meinc Hcrrn! Jch betrachte es a!S eine
der glücklichften Seiten deS neuem JuftitutS
der Jntceesienverwaltung, daß dasielbe von der
politischen Verwaltung nahezu ganz abgelöst
ift, daß sich hier ein Gebiet eröffnet, auf dem
alle politijcheiz Parteien sich zu friedlicher Thä-
tigkeir die Hand reichen können. Wir sehen
hier Männer dcr verschiedensten politischen
Richtungen versammelt, welche ganz gewiß alle
dem Landc den Beweis liefern merden, daß —
soweit es sich um die Pflege der ihnen anver-
trauten materiellen Zuteressen handelt — kei-
ner dem andern an gutem Willen uud an
opferbereiter That nachsteht. Zur Verhand-
lung politischer Anträge, von Fragen der
innern Staatsverwaltung dagegen ist die Kreis-
versammlung nnch vem klaren Ausspruch des
Gesetzes nicht befugt, und kann es nicht sein,
da sie nur mit Rücksicht auf die Jnteressen-
pfiege eiues kleinen Kreises zufammengesetzt ist,
über die ieitenden Grundsätze der Staatsregie-
rung aber allein die Factoren der Gesetzgebung
ein maßgebendeS Wort mitzureden haben. Ge-
statten Sie mir daher den dringcnden Wunsch,
daß diese Neutralität des Bodeus, auf dem
wir uns zu bewegen haben, von allcn Seitcn
geachtet und den Vcrtretern der Staatsbchörde
die peiuliche Aufgabe erspart werdcn möge,
gegen eine Ueberschreitung der durch das Ge-
setz gezogenen Schranken Verwahrung einlcgen
zu müssen.

Einen Gegenstand freilich finden Sie auf
Jhrer TageSordnung, der für die innere Staats-
verwaltung von großer Bedeutung ist und
Jhnen Aulaß zu eincr politischen Arbeit gibt;
ich meine die Aufstellung der Listen der zu
BezirkSräthen vorzuschlagendcn Einwohner dcS
KreiseS. Auch in dieser Frage darf ich Jhnen
empfehlen, dcn Gegenstanv nicht als eine po-
litische Parteisache aufzufassen. Ueber das Jn»
stitut der Bezirksräthe, seine Bedeutunz und
seine Wirksamkeit, liegen jetzt gcnugsame Er-
fahrungen vor, um die Ueberzeugung zu be-
gründen, daß dasselbe seinem Zweck, die Ver-
waltung volksthümlich zu machen und sie dem
Verständniß deS Volkes nähcr zu bringen, voll-
kommen zu entsprechen vermag, wenn nur die
rechten Männer dazu berusen werden, — Män-
ner, welche, wie das Gesetz sich ausdrückt,
„durch Kenntnisse, Tüchtigkeit und Gemeinsinn
ausgezeichnet" sind. Wo immer jolche Män-
ner sich finden, da mögen sie zu diesem Ehren-
dienste vorgeschlagen nverden, einerlei, welcher
Parteistellung sie angehören, sofern nur eine
loyale Mitwirkung in der Anwendung und
AuSsührung der bestehenden Gesetze von ihnen
erwartet werden kann.

Meine Herren! Sie sind im Begriff, den-
jenigen Theil unserer Verwaltungsorganisation
in das Leben einzuführcn, wekcher seither nur
erft auf dem Papier stand. Die KrciSver-
bände und Kreisvcrsammlungen, in, benachbar-
ten Staaten in ähnlicher Form längst einge-
führt und als ein mächtiges Beförderungsmit-
tel der allgemeinen Wohlfahrt hochgehalten,
können bei uns die gleichen Dienste leisten,
wenn Sie, meine Herrn, mit aufrichtigem
Willen, mit voynrtheilsloscm Bttck, mit frischer
Kraft nnd rücksichtsloser Energie ans Werk
gehen. Weir entfernt an cinem glücklichen
Erfolg zu zweifeln, finde ich in den Namen
der MLnner, die hier ein öffentliches Ehrenamt
verwalten, in der Summe der Erfahrungen,
die in Jhrer Versammlung vereinigt sind, und
vor Allem iu dem frischen, lebendigen, für
Alles Große und Gute empfänglichen Geist
dcr herrlichen Pfälzer, welcher auch hier sich
bewähren wird, die sichere Bürgschast, daß die
Kreisversammlung ihre Aufgabe glänzend lösen
wird. — Möge der Allmächtige Jhre Arbeit
segnen! Jch erkläre die Kreisversammlung
des Kreises Heidelberg für eröffnet.

§*Heidelberg, 6. Novbr. Wiederum ist
auf der Eisenbahn zwischen hier und Mann-
heim ein großes Unglück abgcwendet worden,
indem zwei Züge auf dem nämlichen Geleise
sich entgegenfuhren, jedoch zu gehöriger Zeit
noch zum Stillstand gebracht werden konnten,
bevor der vernichtende Zusammenstoß erfolgte,
der unter Umständen das Leben vieler Menschen

gcfordert hätte. Dieser wiederholte Mangel an
strenger Ueberwachung veranlaßl uus, das schon
zu öfteren Malcn angeregle dringende Bcdürf-
niß eines doppclteu Schicnengeleises zwischen
hier und Mannheim öffentlich zur L-prache zu
bringen. — Wir auerkennen zwar mit Bereit-
wjlligkeit dic Sorge der Direction der Ver-
kehrsanstalten für pünktliche und möglichst ge-
sahrlose Beförderung auf dem Schienenwege —
allein bci dem bekanntlich außergewöhnlich groß-
artigen Verkehr zwischen den ^ivei Schwester-
städten ist ein doppeltes Geleis eine unauf-
schiebbare Vtothwcnoigkeit, wenn nicht Leben
und Gesundheit der Reisendcn in drohender Gesahr
siHweben sollen. Jn vorliegeudem Falle müssen
nnr übrigens unjere Vcrwunderung aussdre-
chen, wie es möglich war, daß einZugmeister
„aus Versehen" mit einem Zug den Bahnhof
Mannheim verlassen konnte. Unseres ErachtenS
und soweit unsere Kenntniß reicht, muß jeder Zug-
meister vor der Abfahrt bei dem Slationsvor-
stand oder dessen Stellvertrelcr sich melden uud
die Erlaubniß zum Abfahren cinholen. Die
Jrrung des Zugmeisters lag nun entweder
darin, daß er sich in einem unzurcchnungs-
sähigen Zustand ^befand und solches HLtte der
betreffcnde Lorgesetzte erkennen müssen — oder
in einer unrichtigcn Ordre. Bei regclmäßigen
Verhältnissen, und wenn daS Dienstperjonal
noch im Stande war oen Vorgang zu beur-
theilen, so mußte wenigstenö irgeno ein bei dem
Zuge beschästigter Conducteur, Locomotivführer,
Heizer u. s. w. die Gefahr crkennen, der man
durch das zu frühe Abfahren des Zuges ent-
gegeneile und solche möglichst abzuwendensuchen.
Wir wiederholen nochmals, daß wir im Zn-
lcresse der beiden Städte Heidelberg und Mann-
heim, sowie deS gesammlen reisendcn Publi-
kumS die baldige Ersüllung eines schon oft
und dringend geäußerten Wunsches fordern,
und auch nicht daran zweifeln, daß die näch-
stens zusammentretenven Ständekammern die
nöthigen Mittel dazu bewilligen.

-j-j-Hei-elberg, 6. Nov. Vorgestern fand
dahicr durch die ordentli'chen Professoren hie-
siger Universität die Wahl eines Abgeordnelen
zur 1. Kammer Stalt. Obgleich sich in ciner
vorberajhenden Versammlung sämmtliche Stim-
men auf den sruheren Vertreter unserer Hoch-
schule Hrn. Geheimcrath Bluntschli vereinigten,
so äußerte derjelbe dennoch den Wunjch, den
früheren Abgcordneten Hrn. Miniftcrialrath
Jolly wieder zuwählen, um dieje tüchtige und
erprobte Krafl auch ferner unsercm Landlage
zu erhalten. Das Ergebniß der Wahl fiel da-
hin auS, daß Hr. Jolly von 31 mit 28 Stim-
mcn auS der Wahlurne hervorging, während
Hr. Oberhofrichler v. Marjchall in Mannheim
3 Stimmen cryiell. — Die Herren v. Vangerow,
Bluntschli, Helmholtz, Bunsen, Kirchhoff und
Erlenmeyer sind mit russ. Orden decorlrt worden.

Freiburg, 5. Nov. Der Streil wegen
deS Religionsunterrichts in dem Erziehungsin-
stitut Adelhausen ist in ein neues Sladium ge-
treten. Der Herr Erzbischof hat mittelst Hir-
tenbriefes aus die Petilion der Freiburger Bür-
ger erklärt, daß cr aus principiellen Gründen
den Religionsunterrichl zu Adelhausen durch
keinen andern als durch den Beneficiaten Beckerl
ertheilen lassen könne. Das heißt also, die
Eltern müffen ihren Kindern von Beckert den
Religionsunterricht ertheilen lasfen, sie mögen
zu ihm Vertrauen haben oder nicht. — Wie
wir ferner vernehmen, so hal das Ministermm
des Jnnern in obiger Sache einen Beschluß
hieher gesendet, wonach dem Bencficiaten Beckert
erlaubt seiu solle, außer der Schulzeit in der
Klofterkirche zu Adelhausen Religionsunterricht
zu ertheilen. ES wird sich nun darum han-
deln, ob die Eltern ihre Kinder den Winter
über außer der Schulzeit in die kalte Kirche
schicken werden. Um dem unfreundlichen und
barschen Wesen Beckerts vor den Kindern nicht
immerwährend auSgesetzt zu sein, haben die be-
treffenden Lehrfrauen zu Adelhauftn um die Er-
laubniß nachgesucht, künfttghin bei dem Reli-
gionsunterricht BeckertS nicht anwesend sein zu
müffen.

Aus Vaden, I.Nov., schreibtder „Schw.
Merk.": Jn Bezug aus die Versetzung oder
den Austritt von Kuies und das fernere Ver-
halten unserer Regierung kann ich aus bester

Quelle FolgcndcS mittheilen: Dic Versetzung
von KnieS bedeutet durchaus keinen System-
wechsel in Bczug auf Schulreform. sondcrn
sie erforgle wescutlich auS persönlicheu Grün-
dan. So lange Lamey am Ruder bleibt, ist
nicht im Geringsten zu besorgen, daß andere
Prinzipien der Regierung auftretcn. Warum
sollte die Regierung daS liberale Systcm wech-
seln, welches unter dem Einflusse der Kammern
uud deS Volkes entstand und jetzt durch die
Wahlen für die KrciSversammlungen Und die
Wahlmännerwahl für die zweite landständische
Kammer ganz im Sinne des Fortschritts ge-
sichert ist! Der persöuliche Charakter Lamey's
garantirt für das liberalc System, und eher
ist dieser Vorstand des Ministeriums des Jn-
nern bereit, abzutretcn, als seinem Prinzip
untreu zu werden. Die kirchliche ultramontane
Partei muß man kcnnen, die wäre nie mit
etwas zufricden; die muß das ganze hierarchi-
sche Systcm mit den geeigneten Trägern haben,
um zufrieden gestellt zu wcrden, und das wäre
der Umsturz allcr Einrichtungcn im Lande.

Frankfurt, 5. Nov. Die preußische De-
pesche in Veranlaffung der Erwiderung deS
Frankfurter Senats auf die Note vom 6. Okt.
ist datirt vom 28. Oktobcr- und an den hiesigen
preußischen Vertreter gerichtct, auf dcsscn Be-
richt vom 22. Oktober im Eingange Bezug ge-
nommen wird. Es heißt darin, die Antwort
deS ScnalS sei offenbar untcr dem Eindrucke
von Beschlüssen abgefaßt, welche von unberu-
seneu Versammlungcn ergangen waren. Es
jei dies ein ncuer BewciS von der Nichtigkeit
der prcußischen Auffassungcn und dcr Noth-
wendigkeit dcS gcmcinschaftlichen Schrittes. ES
bedürfe nicht erst der Bemerkung, daß Preußen
seinen Standpunkt unvcrrückt festhalte. Preu-
ßen sei im Begriffe, sich mit Oesterreich über
weitere Maßnahmen zu verständigen. Jndem
weitere Mittheilungen über das Ergcbniß vor-
behalten wcrden, habe doch nicht verhehlt wcr-
den sollen, welchen Eindruck die preußische Re-
gierung von dcr Antwort des Senats empfangen
habe. Der preußische Vertreter wird dies dem
Llteren Bürgermeistcr von Frankfurt mitzuthei-
len ermächtigt.

Worms, 3. Nov. Der Gemeinderath da-
hier hat den ancrkennenswcrthen Beschluß ge-
faßt, der Bürgerschaft die Bildung einer Ju-
gendwehr durch einen Wehrverein zu empfehlen,
deffen Wirksamkeit der Gemeinderath nach
Kräften unterstützen werde.

Hanau, 4. Nov. Heute ist der Kurfürst
nach Kaffel zurückgekehrt. Bei den Besprechun-
gen mit dem Großherzog von Hessen-Darmstadt
handelte es sich wohl hauptsächlich um die Eisen-
bahnfrage. Von einem „Fürstenkongreß" kann
keine Rede sein. Weder der Hcrzog von Nassau
noch gar der Großherzog von Oldenburg haben
an jenen Besprechungen theilgenommen. (Fr.Bl.)

München, 4. Nov. Der einstmalige letzte
Präsident und zuletzt Reichskammer - Richter
(bekanntlich die höchste Würde bei diesem Ge-
richt) bei dem deutschen Reichskammergericht
in Wetzlar, dann k. bayerischer Stäatsminifter
der Justiz und lebenslänglicher Reichsrath, Graf
Heinrich v. Reigersberg, geboren am 30. Jan.
1770, ist heute verschieden.

Breslau, 30. October. In der jüngsten
Stadtverordneten-Versammlung ist mit 90
gegen 5 Stimmen die Confessionslosigkcit der
höhern Lehranstalten und der Mittclschulen be-
schloffcn worden. Der Beschluß stützt sich auf
die Verfassung, die im Art. 24 nur für die
Volksschulen die confessionelle Berücksichtigung
anerkennt und auch in Bczug auf diese in
kleinen Langemeinden gemischter Bevölkerung
die Errichtung confessionsloser Schulen anbe-
fiehlt, soweit es sich nicht um Religionsunter-
richt handelt.

Flensburg, 4. Nov., Mittags. Ein Re-
script des Herrn v. Zedlitz vom 31. Oktober
an das Polizeiamt verbietet, daß die Zeitungs-
redactionen den Erbprinzen Friedrich von Au-
gustenbnrg mit den Souveränctätsattributcn
oper mit einer Zahl, welche die Reihenfolge
der gleichnamigen Landesherrn angibt, oder mtt
den Ausdrücken „derHerzog" oder „T.Hohert ^
der Herzog" bezeichnen. Auch die bloße Ver-
bindung des Namens des Prinzen mil dem
Herzogstitel sei unstatthast. da dieser Tttel m
loading ...