Heidelberger Zeitung — 1865 (Juli bis Dezember)

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Mlage M Heidellrerger Zettung.

M 271 Freitag, den 17 November 18«S.

DeutschlanV

Karlsruhe, 13. Nov. Die Vrrordnung
uom 8. d. M.. die weltiiche Feier der Sonu-
und Festtage betressend, lautet: Friedrich, von
Gottes Guaden Großherzog von Baden, Herzog
von Zähriugen. Aus den Vortrag Unsere»
StaatsministerinmS haben Wir bezüglich chcr
weltlichen Feier der Sonn- nnb Festtage auf
den Grnnd des § 89 Ziffer 2 des Polizeistraf-
gesetzbuchs beschlossen, zu vervrdnen: ^ 1. Dei
weltlichen Feier unterliegen: 1) alte Sonntage,
2) alle den beidcn christlichen Consessionen ge-
meinsamen gebotenen Feiertage, 3) die beson-
deren Feiertage einer christlichen Confesston in
den Geincinden, in welchen dicse Conscsfivn
allein Pfarrrechte hat. § 2. Als'kirchlich ge-
botene Feiertage gellen wie bisher: 1) in bei-
den christlichen Kirchen: Neujahr, Ostermontag,
Christihiminelfahrtstag, Pfingstmontag, Christ-
tag und StephanStag; 2) in der katholischen
Kirche: DreikönigStag, Mariä Lichtmeß, Zo-
sephStag, Mariä Verkündignng, Frohnleich-
namstag, Peter nnd Paul, Mariä Himmelfahrt,
Mariä Geburt, Allerheiligen, Mariä Empfäng»
niß; 3) in der evangelischen Kirche: Grnndon-
nerstag, Charfreilag. § 3. An Sonn- und
Feiertagen (§1) sind nntersagt: 1) alle öffent-
lichen oder durch ihre Bornahine an solche«
Tagen öffentlicheS Acrgerniß erregenden oder
geräuschvollen Arbeiten. Jn dringenden Fällen,
namentlich bezüglich der Erntearbeiten in un-
günstigen WitterungSverhältnisscn oder der Ar-
beiten der Weinlese, kanii die OrtSpvlizeibe-
hörde Nachsicht ertheilen; 2) aller Handel auf
Straßen odcr öffentlichen Plätzen, Messen oder
Jahrmärkten können an Sonn - nnd Feiertagen
sortdauern, jedvch dürfen die Bnden erst nach
Schfiiß deS vormittägigen HauptgotteSdienstes
geöffnet werden. Nach oer gleichen Zeit ist auch
der Verkauf von Obst oder sonstigen Eßwaaren
auf öffentlichen Plätzen gestattet; 3) das öffent-
liche AuSlegen oder AuShängen von Waaren
in dcn Läden d-r Kans- und Gcivcrbsleute.
An den gewöhnlichen Sonn- und Feiertagen
beschränkt sich dieseS Verbot jedoch anf dte Zeit
des vormittägigen HauptgotteSdiensteS. Am
trsten WeihnachtStage, Oster- nnd Pfingstsonn-
tage, jowie in Orten, in welchen die katholisch«
Confession allein Pfarrrechte hat, am Frohn-
leichnamStag, und in Orten, in welchen die
kvangelische Confessivn allein Pfarrrechte hat,
aiii Charfreitag und Buß- und Bettag, erstreckt
sich dasselbe anf den ganzen Tag; 4) die Ab-
haltuiig »on Treibjagden und ösfentlichen Ver-
steigerungen; 5) daS AnStreiben von Vieh-
herden anf die Wcide. Abweichende Uebungen.
können durch ortSpolizeiliche Vorschrift beibe-
halten wcrden, nur darf daS Anstreiben nicht
Ivährcnd deS vorinittägigcn HauptgvtteSdienstcS
geschehen; 6) öffentlichc Schau- und Vorstel-
lungen, Aufzüge, Uebungsn nnd Lustbarkeiten
vor Schkuß des vormittägigen HanptgotteSdien- -
stes. Bei öffentlichen Auszügcn und Uebungen
kann die Ortspolizeibehörde unter besonderen
UAständen AuSnahmen gestatten; 7) alleS lär-
inStivc Zechen nnd Spielen, wie überhanpt alle
geräujchvollen Belustigungen in öffentlichen
Wirlhschastcn vor der gleichen Zcit (Siffer 6)
nnd während des nachmittägigen GotteSdienstcS.
An den untcr Zisfer 3 Äbsatz 3 gcnanntkii
höchsten Fciertagen, so wie in dcr Charwochc
sind die unter Ziffer 8 genannten öffkntlichen
Schau- nnd Vorstellungen rc. ganz Mi nnter-
lassen. Doch dürsen, anSgenommen an den 4
letzten Tagen der Charwoche (Mitkwoch bis
Samstag), Conccrte und in Städten mit stän-
bigen Theatern Stücke ernstcii JnhalkS gegeben
werhen. § 4. Die Stunden des vormittägi-
gcn HauptgotteSdiensteS (§ 3 Ziffer 2, 3, 5,

8 und 7), so wie des nachinittägigen GottcS-
dienstes (§ 3 Ziff. 7) hat die OrtSpolizeibe-
hörde bckanut zn machen. § 5. Jn solchen

Gcmeinden, in welchen beide christliche Confes-
stonen Psarrrechte haben, sind an den beson-
dcren Feiertagen der einen Confefsion (§ 2
Ziff. 2 und 3) alle geräuschvollen Beschäfti-
gungen nnd Handlungen verboten, wodurch der
Gottesdionst oder andcre religiöse Feierlich-
keiten jener Confession gestört würden. § 8.
Unter dcn V-rboten deS § 3 Ziff. 1 nnd 2,
bezw. deS § 5 stnd nicht begriffen: 1) Noth-
arbeitcn; 2) solche Gcschäfte, wclchc durch daS
tägliche B-dürsniß deS PublikumS crforderl wer-
dcn, z. B. daS Herumtragen von Fleisch, Brod
und Milch in den Kundenhäujern, daS Feil-
bieten von LebenSmitteln anf den Eisenbahn-
stationen, daS Gejchäft der Miethkntschcr und
Dienstmänner; 3) solche Arbeiten, welche wie
bei Hochöfcn, Kohlenmeilcrn, Papicrmühlcn mit
Holländerwerken, GaSfabrikcn, sowie hinstchtlich
dcS Reisenden- nnd GüterverkehrS ihrer Natur
nach, oder ohne allzu großen Nachtheil keinc
Unterbrechung zulassen, Jnjoweit die Arbciten
bei andcrn Fabriken, industriellen Werken, Be-
trieben und bei Bauten unter daS Verbot dcS
§ 3 Ziff. 1 sallen, aber ohne crheblichen-Nach-
thcil nicht unterbrochcn werden können, steht
eS den BczirkSpolizcibehörden zu, Nachsicht zu
ertheilen. Der Betrieb der Getreidemühlen ist
nur an dcn höchsten Feiertagen (§ 3 Ziff. 3),
und zwar bis AbendS 9 Uhr einzustellen. Lie-
gen diesclben jedoch innerhalb eines OrteS, so
können sie durch ortspolizeiliche Vorschrift auch
an andern Sonn» und Feiertagen während deS
vormittägigenHanptgotteSdiciistcs eingestcllt wer-
den. Wo in größeren Städlen wegen Bejrie-
digung deS Fleischbcdarss daS Schlachten durch
die M-tzger an Sonn- und Feiertagen nicht
unterbrochen werden kann, dars dieS durch orts-
polizeiliche Vorschrist nnter Bczeichnung der im
Jnteresse der SonntagSseier nöthigen Beschrän-
kungen zngelaffcn werbcn. § 7i Alle früheren,
aus die Feier der Sonn- und Festtage bezüg-
lichen Vcrordnungcn, insbesondere jene vom
21. Nov. 1804 (Regbl. 180s, Nr. 1) treten
außer Kraft. (Schluß folgt.)

Konstanz, 13. Nov. Heute Morgen wnrdc
im Saalc dcS StadthauseS die erste Sitzung
der Kreisversammlnng dcS KreiSverbandeS Kvn-
stanz cröffnet. Der Herr Kreishauptmann,
Oberamtmann Stöffer von Konstanz, bewill-
kommncte die Versaminlnng Ramens der Re-
giernng. Bei der Wahl eines Vorsitzenden
fielcn von 37 abgegebenen Stimmcn 36 auf
Se. Großh. Hohcit den Prinzen Wilhelm von
Baden, welchcr die Wahl anzunehmen erklärte.
Zn Secretären wnrden jodann mit großcr
Mehrheit die Herren Stromeyer anS Konstanz
und O.-A. Hatz von Stockach g-wählt. — Der
dnrchlauchtigste Prästdcnt dankte in längerer
Ansxrache.

Hr. Baron v. Hornstcin brachte ein dreifaches
Hoch aus Se. Königt. Hoh. den Großherzog,
in wclchcS die Versammlung krästig einstimmte.

Der Hr. KreiShanptinann beglcitete nunmehr
die einzelnen Vorlagcn mit einigen Erläute-
rnngen. Dieselben beziehcn stch 1) anf die
Geschäftsordnnng, 2) daS Sitzungölokal, 3)
endgültige Feststcllung d-r Wahlbczirke, 4) end-
gültige Feststcllung der Zahl der BczirkSräthe,
S) die VorschlagSliste skr Ernennung der Be-
zirksräthe, 6) Voranschlag der KreiSvcrbandS-
kosten nnd zu erhcbende Umlagen. Weiter sind
auS Radolfzell zwei Anträge eingegangen, bett.
die Aachkorrection nnd Herstellnng bezw. Un-
tcrhallung der Aachbrücke bei MooS.

Hiernach wird mit Bcrathung dkr Wünsche,
welche die Versammlung zu der vo» der Re-
gierung provisorisch erlaffenen GeschästSordnnng
zn machen hat, bkgonncn. Dieselbe war nm
halb 2 Uhr, wo die Versainmlung bis halb 4
Uhr vertagt wurde, noch nichl beendigt.

(Konst. Z.)

Stuttgart, 10. Nov. Heute wurde vor
d-m köiügi Kriminakaintc in eincm Saale des

hiesigen RathhauseS ein sehr intereffanter Preß-
prozeß öffentlich verhandelt. Kläger war daS
Königl. evangelische Conflstorium für sich und
für verschiedene seinsr Unt-rgebencn, Beklagter
dcr srühere alleinige Rcdakteur, jetziger Mit-
arbeiter der „Schwäb. VolkSztg.", der Schrift-
stcller Paul Hoffmann. Hoffmann hattc in
seinem Btatte vom Monat Mai bis Ende Au-
gusk d. I. eine Reihe scharser Artikel erscheinen
lassen, in denen er unsere Consistorialverfaffung,
ihre Wohldienerci nach Oben, ihre Bedrücknng
nach Unlen, ihre Vergewaltigung freistnniger
Geister im Kirchen- und Schulfache einer scho-
nnngSlossn, allcrdings nicht immcr sehr maß-
vollen Kritik unterzog. DaS Conststorium wurde
hiergegen wegcn fortgesetztcr und erschwerter
Ehrcnkränkung klagbar und stellte hente durch
seinen Anwait, den RechtSconsulenten Walcher,
den Strafantrag anf drei Monate FcstungS-,
50 fl. Geldstrafc nnd Verurtheilung in die
Kosten. Die Parteivorträge hatten ein ungc-
heureS Publikum herbeigezogen. Sie waren
theilweise s-hr interessant. Zwar entbehrte Hr.
Walcher jeder Schärfe und jcden SalzeS, da-
gegen war der Vortrag HoffmannS von um
so größerer Wirkung. Er erzählte aus seiner
Erfahrang — er war früher selbst evangelischer
Pfarrer — einc Reihc von Beispielen grasser
Bedrückungen, erklärie, daß die niederen Geist-
lichen einem höchst unwürdigen Spionirsystem
auSgesetzt seien und suchte überhaupt darzule-
gen, daß daS württembcrgische Confistorial-
System voll innerer Unwahrheit und faul von
A bis Z j-i. Aus dcr Universilät, sagte er,
seien alle unsere großenKirchenlichtcrSchleier-
macherianer, Hegelianer und Abtheisten, und
später, als Dekane, Prälaten und Conststorial-
räthc verpflichten ste die Pfarrer auf die Augs-
bnrgische Confcsflvii, an die sic selbst nicht
glaubten. Anckdotcn heitercr und ernster Na-
tur, welche die Skandalosa mannichfachster Art
schonungsloS aufdeckten, waren in diese Ver-
theidigungSrcde gemengt, welche damit ichloß,
daß der Angeklagtc sagte: Der ganze Prozeß
sci nichtS, al« daß ein Schlag gegen die freie
Pressc versucht werde, denn daS Constftorium
könnc nicht crtragen, daß man seine Verhält-
nisse östentlich diskutire. „Sctzen Sic mich auf
den Asberg," rief er auS, „waS Sie dadurch
erreichen, ist höchstens, daß Sie mich auf eine
Zeitlang meiner Familie cntrcißen, und daß
Sie einen Liieraten, dcr scin Brvd mit sciner
Feder vcrdienen muß, cines schönen StückeS
Gsld berauben, abcr zum Schweigen bringen
Sie mich damit nicht, denn ich werde stets sort-
sahren, dieseS System der Unwahrheit, daS
jede freic Rcgung in Kirche und Schule des-
potijch niederhält, anzugreifen. Bessern im
Sinile der Anklage werden Sie mich nicht."
Am Schlnsse dieser Rcde erschvll Bravo, sv
daß der Gerichtspräfident, Oberjustizrath Gerold,
drohte, dcn Saal räumen zu lassen. Um halb
12 Uhr Bormittags ivurden die Verhandlungen
abgedrochen nnd um b Uhr NachmitlagS daS
Urtheil verkündigt. Dasselbc lautete auf zwdi
Mvnate Fcstungsarrest, 50 fi. Gcldbuße und
Tragen der Kosten. (N. Fr. Z.)

Mannheim, 14. Nov. Die hiesize tkreisversamm-
lunq wtrd am Montag^.^den 20. A^laiaale

ocrbaudeS bewMigl werdei/ sollen. 0) Dle Erdöhung
der Mitgliederznhl dcr Kreisversammlung auk 30. 6) Dle
endgilllge Feslstellung der Wahlbezirke. 7) Beschluhsaf-
snng über die Zaht der BezirkSralhSmllglledcr. 8s Alts-
stclluug der Borschlagsliste sür die Erneurrnng der Bc-
jirtSrSlhe. 9) «nsstellung eiues Boranschlages sür d-n
Kreisverband. 10) Wahl des Kreisausschusi'es, Kreis-
cassierS und RevisorS und endlich die LooSziebuvg über
deu AuStritt der Kreis- und Temeinbeabgeotdnelen.
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