Heidelberger Zeitung — 1865 (Juli bis Dezember)

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Kreisverkiindigiulgsblatt für den Kreis Hcidelberg nnd amtliches Verlündignngsblatt für üic Autts-
fGcrichtsbezirke Heidclbcrg nnd Wicsloch und den Amtsgcrichtsbezirk Neckargemünd.

und Auits-

Rl.- 278.


Samstag. SS November



* Pokitische Umschau.

Nach -epr „Hchw. M." werden die Unter«
handlungen der preuMchen Regierung mit
Wien wegen der Frankfurter Angelegenhcit
sortgesetzt.

Die Bepliner „Boxsenztg." theilt als positiv
mit , daß dic VerhandsWgen wegen des Han-
delspertrags zwischen Prenßcn und Ztalien sich
in ununterbrocheyem Gange befinden, so dH
die Feststellung der Grundlagen des VeNpages
in elwa 14 Tagen zu crwarten sii.

Die „Perseveranza" bemerkt nber den enthu-
siastiichen Beifall, welcher der Thronrede Victhr
Emanuels bei der entschiedenen Sprache gegey-
über von Rom zu Theil wurde, Fplgendes:
„Wenn ich so den Beweis sehe, welcher tiefen
Abneig'ung im Hcrzen der Jtaliener jeder Ge-
danke nicht allein eincr Unterwerfung, sondern
ich möchte iagen, einer Herablassung zum rö-
mischen Hof begcgnet, so srage ich unwillkür-
lich nach dem Warum. Und die Antwort finde
ich mit scharfcn Zügen in unsercr Geschichte
eingegrabcn: in den grausamen," unheilbaren
Beleidiguugen, welche der römische Hof dem
italienischen Gcfühl zugefügt hat, als er, ge-
rechte Strebungen und Bedürfnissc mißkennend,
an einer Vergangenheit festhielt, welche älle
Ztalicner v^rdammeu. Der römische Hof hst
Ztalicn auf's Tiefste belcidigt, Jtglien fühlt es
uud weist jeden verfrühten Gedanken einer Aus-
söhnuna zurück. Wenn ich nach dem Eindrück
urtheilen soll, den das V^les^n der königlichen
Rede gemacht hat. so muß man sagen, daß die
Politik der Versöhnung mit Rom um jeden
Prciö gän.zlich beseitigt ift."

Dcr Nücktritt des holländischcn Finanzmjni-
sters Bctz ist dadurch veranlaßt, daß derselbe
überführt ward, bei den lctzten Wahlen in
Limburg in einem Briefe zugesagt zu haben,
dic Steuercrhöhung in dicser Provinz mcht por-
zuschlagen, wenn die von ikm empfohlenen Can-
didaten gcwählt würden. Dies geschah. Gleich-
wohl brachte er den G.esetzvorschlag.

Die Zolleinnahmen der Vereinigten Staaten
haben seit 1. Januar d. I. die Summe von
140 Mill. Doll. erreicht.

Dic von dem Obersten Bukley gelcitete Ex?
pedition zum Bau des russisch - amerikanischcn
Telegraphen ist bereits bis zur Behringsstraße
vorgedrungen; der Oberst hat Sondirungen
Vorgenvmmcn und die Strecke für das unter-

seeische Kabel günstig befunden. Von Seiten
der Russen war Alles gethan worden, um der
Durchführung deS großen UnternchmenS ent-
gegen zu kommen.

Deurfchland.

Karlsruhe. 22. Nov. Als Vorlagen an
den nachsten Landtag werden jetzt mit aller
Bestinimthcit noch das Vereinsgesetz, dessen
Enlwurf allerdings längst als vorhandcn be-
zeichnct war, das Ministerverantworlichkeitsge-
setz (angeregt durch Häusser's Motion) und
das gesammte Schulgesetz genannt. Somit
würde von den gehegten Erwartungen Uur
jenc über die Reorganisation der crsteu uich
beziehungsw. zweiten Kammer nicht ihrc Er-
. füllung findeu, fxeilich eine der schwierigstcn
Gesetzgebungsarbeiten. Ueber die Tragweite
deS EntwurfS einer Modification der Gemein-
degesetzgebung, dcr ebenfallS als vorhanden be-
zeichnet wird, fehlen zur Zeit die Anhalts-
punkte. (Schw. M.)

Karlsruhe, 20. Nov. Heute sindet be-
reits die siebente Sitzung der hier tagenden
Postkonferenz statt. Die Arbeiten werden un-
ablässig gefördert, und nach allcm was ver-
lautet, hat der Handel und Verkehr große Vor-
thcile von diesen Verhandlungen zu erwarten.
Die große Zahl dcr Staateu deS Postvereins-
gebiets und die daraus entsteheilde große Ver-
schicdenheit der Jnteresscn machen zwar die
Vcrstäudigung nicht immer sofort möglich, allein
es brechen sich immer mehr die allgemeineren
Gesichtspunkte deS freieren Verkehrs Bahn.
Vor"allem hofft die „A. A. Z." demnächst über
wesentlichc Erleichterungen dcr wichtigen Krcuz-
bandsendungen bcrichten zu können.

— Vom Neckar, 22. Nov. Der größte
Stein des Anstoßes für die» Hicrarchische Partei
in dec evang. Kirche ist unserc ncue Kirchen-
veiffassung, von welcher jene Leute mit richligem
Jnstinctc herauSfühleu, daß in ihr dic kräftigste
Abwehr einer Wiederkehr der geistlichen Herr-
schaft liege. Man ist daher unermüdlich in
Angriffen und Verdächtigungen dieser Versas-
sung, und man wird kaum eine Nummer der
Blätter, die als Organe jener Partci dienen,
zvrHand nehmcü könneu, ohne bitterc Bemer-
knugen über irgend eine Verfasiungsbestimmung
darin anzutreffen. „Wo sind die Früchte un-
serer Kirchenverfassung?" ruft man aus, und
glaubt mit dieser spöttelnden Frage alle Hoff-

nungen vertilgen zu köunen, die man sich für
den Aufschwung des kirchlichen LebenS gemacht
hatte. Aber ist es nicht unverständig und thö-
richt, schon Früchte zu erwarten, nachdem die
Zeit der Blüthe kaum begonnen hat? Noch
ist daS zwischeu der verfassunggebenden °Gene-
ralsynode und ihrer Nachfolgerin liegendc ge-
setzliche Quinquennium nicht abgelaufen, noch
haben nicht alle Bestimmungen dc-r Vsrfassung
übcrall Anwendung sinden können, noch ist sie
alS GanzeS kaum recht in'S Lcben getreten,
und schon will man die Früchte pflücken, die
von diesem Baume zu erwarten sindl DaS
^Evang. Kirchen- u. Volksbl." meint freilich:
„Wenn etwas Neues aufgekommen ist, so muß
eS doch wenigstenS in der erften Zeit seines
Daseins seine Lcbenskraft beweisen, so lange
die Begeisterung für dasselbe noch neu und
frisch ist." Nichts ist verkehrter alS diese so-
phistisch-täuschende Phrase, die höchstens für
die subjectivcn GemüthSzustände cine halbe
Wahrhcit in sich schließt, aber auf die Umge-
staltung dcr objectiven Verhältnisse keine An-
wendung leidet. Jm Gegenth(il, alles Neue,
welches sich Bahu zu brechen strebt, hat mit
tausend Schwierigkeiten zu kämpfen, weil die
altcn, verrosteten Zustände sich nicht so plötz-
lich umgcstalten lassen, weil der Mensch mit
einer gewissen Zähigkeit an dem Herkömmlichen
und Gewohuten hängt, und weil die neuen
schöpferischen Jdeen zuerst nur das Eigenthum
begabterer Mcnschen sind uud cine gewisse Zeit
brauchen, bis auch die Maffen davou durch-
drungen sind. Hat denu auch die Rcformation
und hat das Christeuthum selbst „in vicr Jah-
rcn" so glänzeudc Früchtc aufzuweisen gehabt ?
Daun würde erstere keiuen drcißigjährigen Krieg
zu bestehcn gehabt Haben, und die ersten Chri-
sten wären nicht so lange als eine kleine, ver-
achtete und verfolgte Sectc umhergeirrt. Wenn
man aber auf die jetzt schon sichtbare wärmere
Theilnahme der Gemeinden an dem kirchlichen
Leben seit dem Bestand der neuen Verfassung
verweist, so ist das Alles verlästernde „K.- u.
V.-Bl." sogleich bei der Hand, hierin nur ein
„Parteiintereffe" zu erblicken, welches dic „Un-
gläubigen" anzustacheln, die „Gläubigcn" zu
verdrängen sucht. Mit solchen Leuten ist kein Ver- '
ständniß möglich; lasscn wir sie also gehen,
Ms die Entwicklung der Verhältniffe sie eineS
Befferen belehrt, oder sie an dcm Felsen der
Thatsachen sich die Köpfe zerschellen!

Heidelberg. 19- Nov. Dcr gestern von Geh.
Rath Bluntschli im Museum gehaltene Vor-
trag über die Bedeutung und die Fortschritte des
Völkerrechts bot so viel des Jntercssanten, daß
rine Wiedergabc der wicktigstkn Punkte dksselben
willkommen sein dürfte. Der Redner ging davou
auß, daß Recktsgefühl und Recktssinn tirf in der

Männern stärker ausgeprägt, dieses auch bei dcn
Frauen sehr erregbar, beidc selbst bei Kindern in
der Entwickelung begriffen. Er erörterte sodann,
daß das Völkerrecht, obgleich kein Codex desselbrn
da sei, obgleich es keine gesetzgebende Autorität für
daffelbe und kcin Völkergerickt gebe, dock bestehe.
Eelbst bei den halbwtlden Völkcrn finden fick rohe
Anfange drffelben, Beweis dafür die Achtung gegen
Gesandte und daS Gastreckt. Das eigentliche Völ-
kerrecht ist allerdings neueren Ursprungs. Die Hel-
lrnen betrachtetcn jeden Nichtgriechrn als Barbaren,
dte Römer in ibrem Streben nach Weltherrschaft
achteten fremde Nationalitäten nickt, daS Christrn-
thum unterschied zwischen Gläubigen und Ungläu-
bigen, Papst und Kaiser im Mittelalter konnten
auch kein Völkerrecht begründen, der Grstere, weil

! Woltrccht schaffen, binbend für die ganze Mensch-
heitsfamilie, wic daS Strafrecht für die Bürger
eineS etnzelnen Staates. Selbst die heilige Allianz
1815 nahm die Türkct noch nicht in daS große
ruropäische Völkerconcert auf, das geschah erst auf

die ungeheuren Fortschritte deS Völkerrechts in neue-
rer Zeit. Sclaverei, Letbrigenschaft, Hörigkeit be-
stehen seit der Aufhebung der Leibeigenschaft itt
Rußland und der Absthaffiuig der Sclaverri in den
Südstaatm drr Union thatsächlich nicht mehr. Wie
viel Anstrengungrn diese große MenschheitSthat ge-
kostet, ist jrdem GeschichtSkundigen klar. Erst srit
Ludwig XI V. gibt rS frrner rtn auSgebildetes stän-

digcs Gesandtschafts- und EonsulatSwesen. Der
diplomatische Körprr soll gleichsam cine Personi-
ficirung dcs RechtSbewußtseinS ber vcrschiedenen
Völker sein. Der Fremdenschutz ist jctzr in humaner
Weise übcrall anerkannt. Die sogenannten Wikd-
fangs-Heimfallsrechte und die Abzugssteuern find
aufgehobrn. Selbst China und Japan gewähren
dem Fremden, der im Alterthum, fallS er tn der
Ferne ohne Gastfreund war, so gut wie absolut
rechtloS dastand, Sckutz- und Gastrecht. DaS
Kant'sche Ideal des WeltbürgerthumS ist zum TheU
Wahrhrit geworden. Die Meere, die früher ein-
zelnc Nationen in Bescklag nahmen, find frei ge-
worden, noch jüngst 1856 das Sckwarze und der
Marmorasee. Die Mecrzölle (z. B. der dänische
Sundzoll) find aufgehobcn. Die Freiheit der großen
Ströme, die dte Natur eben so wie die Meere der
Menschheit, nicht einzelnen Völker» gegeben, ist
auch außer Frage (1856 wurden die Donaumün-
dungen frei). Im srlben Iahre wurde auf dem
Pariser Longreß wenigstens der Wunsch auSge-
sprochen, ehe zwci Mächte die KrirgSfeindseligkeiten
ervffneten, sollten fie um die scktedSrichterlichen Dienste
riner befreundeten drttten Macht bttten. Jn diesem
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