Heidelberger Zeitung — 1865 (Juli bis Dezember)

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Wiesbaden» 22. Nov. Jn der heutigen
Sitzung dcr Ständeversammlung kam die Duell-
angelegcnheit zwischen dem Abgcordneten Dr.
Siebert und Hauptmaun Vogler zur Sprache.
Die Abgg. v. Eck und Hesse sprachcn sich für
die Unverletzlichkeit der Abgeordneten wegen
ihrer Aeußerungen in dem Ständesaal aus.
Die Herzogl. Regierung betrachtet diese Ange-
legenheit als reine Privatangelegenheit und
glaubt nicht, sich einmischen zu könncn. Abg.
Lang ist ebenfalls nicht dafür. daß diese Ange-
legenheit weiter in der Ständeversammlung
verhandelt werde. Ein Beschluß wurde nicht
gefaßt.

BvNN, 18. Nov. Jn UniversitätSkreiscn
begegnet man der Klage, daß die Frequenz der
Hochschule sich in diesem Herbst nicht unwesent-
lich vermindert habe. Der AuSfall trifft vor-
zugsweise die juristische und die philosophische
Fakultät, doch auch die medicinische hat Ein-
buße. ' Das Ott'schc Begebniß und die Zcr-
würfniste, wclche den Abgang Ritschel's herbei-
führten, dürften, wie manchc glauben, nicht
ganz ohne Einflnß gcwesen sein.

Berlin, 20. Nov. Die Reaction feiert in
diesem Augenblicke wieder einen ihrcr höchsten
Triumphe. Der Pairsschub des MinisteriumS
dcr neuen Aera vom 5. Nov. 1861 ist wieder
rückgängig gemacht. Die damals neuernannten
liberalen Mitglieder des.Herrenhauses kann man
freilich nicht wieder hinauswerfen, abcr dic An-
ordnung, durch wclche die Vertretung deS „alten
und bcfestigten Grundbesitzes" von 90 Köpfen
auf 41 herabgesetzt wurde und also successivc,
nach Maßgabe des Aussterbens der betreffenden
Personen, um volle 49 Köpfe vermindert wer-
den sollte. hat man beseitigt. Wie gefährlich
diese Anordnung den Junkern und Hochfeu-
dalen für die Zukunft werden konnte, liegt auf
der Hand. Für jetzt, und besonders unter dem
dermaligen Ministerium, stand freilich noch
Alles gut, aber für die Zukunft stand die
Mehrheit, deren man sich bisher im Herren-
hause crfreut, in Frage. Jetzt ist diese Gefahr
durch Aufhebung jener Anordnung beseitigt,
und nicht das nur — es wird auch erklärt,
daß in dieser Sache auf dem Wege königlicher
Verordnung nicht mehr vorgegangen werven,
fondern zu jeder weitcrn Abänderung die Zu-
stimmung beider Häuser des Landtags, als zu
einem Gesetze, erforderlich sein soll. Also braucht
das HerrcnhauS bei künftigen ähnlichen Ver-
suchcn nur Nein zu sagen, und die Sache ist
abgethan. Jeder künftigen Regierung, jedem
künftigen Herrscher wird hierdurch die Mög-
lichkeit benommen, eine Abänderung zu treffen,
wenn das Herrenhaus, resp. die feudale Mehr-
heit selbst, nicht Ja dazu sägt. Die Sache hat
übrigens auch noch eine andere, eine rechtliche
Seite, und wir zweifeln keinen Augenblick, daß
das Abgeordnetenhaus dieselbe in der geeig-
neten Weise zum Ausdruck bringen wird. (Zum
Ausdruck wohl; ob aber auch zur Geltung?)

(N. K.)'

Hamburg, 20. Nov. DaS schon erwähnte
Antwortschreiben des Herzogs von Augusten-
burg an den Gouvcrneur v. Manteuffel lautet
vollständig:

Nienstädten. den 29. October 1865.

Er ll H "l- »

Altona, 21. Nov. Die ,^Schlesw.-Holst.
Ztg.", dic „Jtzehoer Nachrichten" unddie „Kicler
Ztg." beantworten das vom.Gouverneur von
Manteuffel gegcn sie ergangene Verbot in über-
einstimmender Weise mit der Erklärung, daß
sie ungeachtet finanzieller Verlagsnachtheile das
Landcsrecht unverändert vertheidigen werden,
und daß das Verbot lcdiglich die Schwäche des
preußischen Regiments constatire.

Wien, 21. Nov. Dem „Neuen Fremden-
blatt" zufolge wird die Ankunft des Herrn
Herbet, französischen Bevollmächtigten' für die
Verhandlungen über den Handelsvertrag, näch-
ster Tage crwartct. Ucber die Reise des Her-
zogs von Magenta nach Oesterreich circuliren.
verschiedene Gerüchte.

Oesterreichische Monarehie.

Agram, 21. Novbr. Die Nationalpartei
verlangt die Wiederherstellung der dreisachen
Einigkcit des Reiches. Sie anerkennt im Prin-
zip die gcmcinsamen Jntereffen zwischen Croa-
tien und der Monarchie, und zeigt sich geneigt,
mit einer Deputation des ungarischen Landtags
zu verhandeln.

F- r a » k r e i ch

Paris, 17. Novbr. Der Moniteur ver-
öffentlicht einen Bericht des Marschalls Ran-
don, der sür das Budget von 1866 einen Cre-
dit von 31/2 Mill. zur Aufbesserung des Ge-
haltes der Hauptlcute, Lieutenants und Unter-
lieutenants verlangt.

Paris, 17. Nov. Man schreibt der „Köln.
Ztg.": „Es bestätigt sich, daß Jhr Landsmann
Riedel, Kapellmeister des GendarmerieregimentS
der französischen Garde, die offizielle Einladung
erhalten hat, mit seinem Corps nach Berlin
zu kommen, um dort Concerte zu geben. Man
wird dann Gelegenheit haben, Vergleiche anzu-
stellen, da Niedels Musik unstreitig die beste
ist, welche die französische Armee besitzt, und

diese dahcr in ihrer höchsten Potenz vertrcten
sein wird. JedenfallS wird die Slellung Rie-«
del'S in Berlin eine eigenthümliche sein, da die
französischen 6« musique" Offiziers-

rang (Riedel ift Oberlieutenant) haben.

Paris, 22. Nov. Der „Abend-Moniteur"
erklärt, die Anerkennung Jtaliens Seitens deS
KönigS von Sachsen fei eine Folge des Gastei-
ner VertragS.

Paris, 22. Nov. Das Syndicat des Pa-
riser Exporthandels hat auf heute Nachmittag
3 Uhr cine Versammlung von Kaufleuten ein-
berufen, um über die Blokade der Küsten von
Chili zu verhandeln.

Toulvn, 22. Novbr. Der „Gomer" und
der „Labrador" sind mit dem Rcst des 19.
Linien-Reg., dem 3. Aägerbataillon und zahl-
reichen ausgedienten Soldaten des Occupations-
corps angekommen. Es ist der Befehl einge-
troffen, das Mittclmeergeschwader um 4 Pan-
zerschiffe zu verringern. Das Transportschiff
„la Perdrix" ist mit einer für das Louvre-
Museum bestimmten kollossalen Vase, die aus
dem alten Tempel von Amathunt auf derJnsel
Cypern herrührt, angekommen.

Havre, 22. Nov. Gestern waren die be-
deutendsten Kaufleute des hiesigen Platzes zu-
samm'cngetreten, nm cine Petition an den Kai-
ser zu richten, in welcher sie ihren Dank aus-
sprechen für die zum wirksamen Schutz der in
Chili bedrohten französischen Jntcreffen gege-
benen Befehle, und zugleich den Kaiser ersuchen,
durch seincn hohen Einfluß die Beilegung deS
Streites durch ein internationales Schiedsge-
richt zu bewirken.

^ ir g L ir ri d

Liverpool, 21. Nov. Der secessionistische
Kreuzer „Sheuandoah" ist heute nach Amcrika
abgegangen.

Z t a l i e n.

Rom, 21. Nov. Das „Giornale di Roma"
meldet, daß seit dem 13. Nov. die päpstlichen
Soldaten vier Zusammenstöße mit den Bri-
ganten gehabt haben. Beim crsten Zusammen-
stoß wurden 1 Gendarm getödtet und 3 vcr-
wundet. Beim zweiten, dcr gestern stattfand,
ist der Banden-Chef Tanucci verwundet wor-
den; im dritten Zusammenstoß, der bei Monte
Celma stattfand, und zwar mit der Bande des
Andreozzi, gab es zahlreiche Verwundete und
3 Todte auf dcr Seite der Briganten; 3 Gen-
darmen wurden getödtet, 1 Liniensoldat und
2 andere Gendarmen verwundet. — Mehrere
Jndividuen, welche Waffcn trugen, sind ver-
haftet worden. Seit dem 19. d. M. haben
die Gendarmen Beweise großer Energie gege-
ben. — Jn Corneto kamen keine Cholerafälle
mehr vor. Jn Nom und in den andern Pro-
vinzen des Kirchenstaates constatirt man keinen
Fall.

.. A m e r i k a.

Newyork, 9. Nov. Die Konvention von
Georgia und die Gesetzgebung von Mississippi l
haben den Präsidenten um Begnadigung des
Expräsidenten Davis gebeten. Auch eine De-
putation von Damen aus Baltimore war in

daher Gefahr lief, beschädigt zu werden. Der Me-
nagerie-Besitzer gab sich dte großte Mühe, den
Mann von seinem thörichten Tretben abzuhalten,

nur taube Ohren und benutzte die augenblickliche
Abwesenheit des WärterS, um mit bem Bären
näbere Bekanntschaft zu machrn. Er fuhr ein paar

bezeugung sehr übel, schnappte und erwischte die
rechte Hand des Tolldretsten mit den Zähnen, wäh-
rend er mit der Tatze den Arm erfaßte, um thn
näher an sich zu ziehen. Nur mit Mühe wurde
diese beabfichtigtc gefährliche Umarmung durch einen
zufällig ebenfalls anwesenden Besucher so lange ver-
hindert, bis der Wärter herbeieilte und der Bestie
mit einer Eisenstange die Schnauze aufbrach und
so die Hand des Unglücklichcn befreite. Diese ist
fürchterlich zerbtffen, daS Fletsch buchstäblich von
den Knochen gesckält.

Wunsch liegt der Keim zu einem künftigen Völker-
gerickt. DaS moderne Kriegsrecht ist wesentlich ci-
viliffrt worden. (Die Thätigkeit des Amerikaners
Librr auf diesem Gebiet verheißt große Folgen.
Seine Darstellung des KriegSrechtes wurde von
Ltncoln für das amerikanische Heer im Rebellions-
kriege mit Regierungsautorität bekleidet.) Man
führt jetzt den Krieg mit dem Staat, nicht den
Privaten. Das Vermögen der Privaten ist selbst
im Kriege gewährleistet. Nutzlose Tödtung unsckäd-
lich gemachter Krieger gilt für eine Barbarei, einen
Mord; in früheren Zeiten war fie allgemein. Selbst
der Kriegsgefangene darf nicht mehr gemißhanbelt
werden, auch seine Habe achtet man. Auf der
Genfer Lonferenz 1864 wurde festgesetzt, daß jede
kriegführende Mackt die Verwundeten auch des
feindlichen Heeres mit gleicker Sorgfalt zu pflegen
habe, als dte deS eigenen. Nur Eontributionen
ffnd unter gewissen Umständen gestattet. Auch der
Seekrieg humanisirt fich allmälig. Die neutrale
Tlagge schützt jetzt feindliches Gut, und unter feind-
licher Flagge ist auch das nrutrale Gut geschützt.
Die Blokadeverhältniffe sind verbeffrrt. Jn Kurzem
wird auch das Beuterecht zur Sec, wie in Land-

! schaft (selbst Grotius vertheidigte das Recht des
Siegers über Leben und Tod des Besiegten), son-
! dern der Praxis. Die Wiffenschaft adoptirtc die
menschlichere PrariS einzelner Generale und baute
! darauf ihre Lonsequenzen weiter. Ueberhaupt, schloß
! der Redner, sollen fich Wissenschaft und Praxis stets
^ gegenseitig stützen und fördern. Nur so ist ein ste-
i tiger, unaufhaltsamer Culturfortschritt vollkommen
i gefichert. (B. L.)

Trier, 13. Nov. Heute Morgen ereignete fich
j 1n ber au^ der hiefigen Allerheiligenmesse befind-
lichen Mcnagrrie ein Unglücksfall eigenthümltcher
Art. Ein Einwshner von hier, Fetlenhauer seines
Gewerbes, hatte bei feinem Besuche der Menagerie
die Marotte, fich fortwäbrend den Käfigen der wil-
den Thiere bis auf eine so kurze Distanz zu nähcrn,
' daß er in den Bereich der Krallen und Tatzrn kam,
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