Heidelberger Zeitung — 1865 (Juli bis Dezember)

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Ueidelbtrgcr Zeilung.

KrelslierkiilidiMiigsblatt für deii Kreis Hcidelberg imü imitliches BerkiiiiSiguiigsblatt siir dic Aints- uud Amts-
Gerichtsbezirke Heidelbcrg und Wicsloch und den Auitsgerichtsbczirk Ncikargciuiiud.

Nl 281


Mittwoch, 29 Rovember I8<»L

* Polilifche Umscbau.

^ Bei Gelegenhcil dcr letzten badischen Kam-
merwahlen ist nicht ein Ultramontaner in die
Kammer gekommen, obgleich diese Partei von
den reichlich ihr zu Gebot stchenden Mitteln
den ausgedehntesten Gebrauch gemacht hat.
Alles ist ersolglos geblieben. Und diese Er-
folglosigkeit stellt sich als eine förmliche poli-
tische Verlegenheit dar; denn die ullramontane
Partci ist boch einmal da, und solltc auch ihre
Vertretung haben. Es erinnert dieser Umstand
in einem etwas andern Sinne an die Verhält-
nisse der 20er Jahre, wo man ebcnfalls in
Verlegcnhcit g^rieth, weil kein Oppositionsdepu-
tirler in der 2. Kammer sich bcfand.

Wahrend bci den Verhandlungen zwischen
Wien und Berlin Preußcn den Nachdruck dar-
auf legt, daß man gerade in Frankfurt den
„Herd der Revolution erfasse", vertritt nach
einer Correspondenz der „Karlsr. Z." Oester-
reich fortgesctzt die Ansicht, daß die Großmächte
unmöglich außcrhalb ihres Gebietcs eine Ver-
einsthätigkeit ächten könnten, welche sie inner-
halb dieses Gebietes unbehelligt gewähren lie-
ßen, und daß eine Ausnahmsmaßregel gegen
einen einzelnen Bundesstaat nicht blos bnndes-
rechtlich unzuläjsig, sondern sogar vollständig
zwecklos fei, insofern die „Revolution," wcnn
man sie in Frankfurt lahm lege, mit unge-
schwächten FondS sich einfach vor den Thoren
von Frankfurt werde etabliren können.

Jn SchleSwig-Holstein hat sich nunmehr ein
Comite zur Sammlung eines Landesfonds für
verfolgtö schleswig - holsteinische Patrioten ge-
bildet.

Die „Wiener Zeitung" zeigt heute die Er-
nennung von vierzehn Damen der ungarischen
Aristokratie zu Palastdamen der Kaiscrin an,
eine Maßregcl, die wohl mit den Vorbereitun-
gen dcr Reise des Hofs nach Ungarn zusam-
mcnhängt.

" Der in Santiago wohnende englische Ge-
sandte hat zu Gunsten des von Admiral Pa-
reja weggenommenen SchisfeS „Mathias Cou-
sino" inlervenirt, und verlangt, daß dies Dampf-
schiff sofort seinem Besitzcr, einem cnglischen
Unterthan, mit einem beigefügten Schadener-
satz von -80,000 harten Piastern zurückerstattet
werde.

Deutschl», nd.

Karlsruhe, 27. Nov. Der Präsident -cs

Finanzministeriums, Staalsrath Vogelmann, ist
nach Erlehigung zahlreicher Geschäfte gestern
von Vevey zurückgekchrt und hat, wie wir
hörcn, die erfreuliche Nachricht mitgebracdt, daß
das Befinden Sr. Königl. Hoheit des Groß-
herzogs vurchaus befriedigend sei.

X Heidelberg, 28. Nov. ES war vor-
auszusehen, daß der Versuch, dem seitherigen
Abgeordneten unserer Stadt, Hrn. Bürgermei-
stcrKrauSmann, das Mandat zur 2. Kam-
mer zu entzichen, nicht ohne Nückmirkung auf
die Urwähler bleiben mußte. Eö war den-
selben von einer politischen Meinungsverschie-
denheit mit ihrcm seitherigen Deputirlcn durch-
aus nichtö bekannt, und die den vorgeschlage-
nen Wahkmännern ertheilten Stimmen erfolgten
von dem allcrgrößten Theile sicherlich uur in
der Unterstellung, daß solche den biSherigen
Vertreler unserer Stadt ivieder wählen würden.
Durch die von einer, allerdings geringen Zahl
Wahlmänner ausgegangene Agitation für einsn
andern Candidaten, deren Erfolg jedoch cin
sehr zweifelhafter sein dürfte, haben nun die
Urwähler hiesiger Stadt sich vcranlaßt gcsehen,
Hrn. Bürgermeister Krausmann ihrerscits den
Dank für seiu bisherigeS entschiedeneS Auftreten
und seine Wirksamkeit als Abgeordneter der
Stadt Heidelberg in verschiedenen Adressen aus-
zusprechen und ihn gleichzeitig zu ersuchen, die
Abgeordnetenstelle wieder anzunehmen, falls die
Wahl auf ihn fallen würde. Die an Herrn
Krausmann überreichten Adressen lauten:

„Geehilester Oberbüigcrmeistcr!

Heidclberg, den 25. Nov. 1865 "

Folgcn 150 Unlerschriften.

Eine zweite Adresse lautet folgendermaßen:
^„Die Urwähler der Stadt Hcidelberg haben mit^Vcr-

Heidelbcrg , den 28. Novbr. 1865."

(Folgen die Unlergcbrincii von einigen Hundert Ur-

Beide Adressen gingen vou verschiedeuen
Seiten auS, ohne daß die Veranstaltcr von der
Existenz^er andern Kcnntniß hatten. Pei der
Eile, nnt wclcher die Circulation erfolgte, war
es vielen Urwählern nicht möglich, auch ihrer-
scits durch Unterzeichnung ihre Ucbereinstim-
mung mit dem Jnhalt derselben zu bckräftigen,
und muß nnr schließlich noch als auffallend
hervorgehoben wcrden, daß die Wahlmänner
sich einmülhig auf den zweilen Deputirlen Hrn.
Dr. Pickford, wölcher erst seit Kurzem un-
sere Stadt alS Abgeordneter vertritt, vereinigten,
wahrend Hr. Kransmann schon durch meh-
rere Landtage des Vertrauens seiner Mandatare
sich würdig gezeigt hat und ein Mißtrauens-
votum in keiner Wcise eine Begründung sindet.

Heidekberg, 26. Nov. Die „B. P.-Z."
schrMt von hier: Jch melde Jhncn vorläufig,
daß die altkatholische Auffassung hier sehr An-
klang findet, so daß ein BezirkSvercin jetzt ge-
gründet wird. Wie ich eben höre, wird
eine Besprechung aller altkatholisch gesinn-
ten Männer zur Vereiusgründung Sonntag,
3. December, .2 Uhr, im Harmoniesaale abge-
halten werden, wozu auch die auswärtigen An-
hänger eingeladen sind.

xx Heidelberst, 27. Nov. Die Lehrer
an den hiesigen Volksschulen haben gestcrn durch
eine Deputativn dem Geh Rath Dr. Knies
ihre Anerkennung für die Verdienste ausspre-
chen lassen, wclche sich derselbe als Direktor
des Oberschulraths in so großem Maße erwor-
ben hat. Auch drückte die Deputation dem
Herrn Geh. Rath Knies den Wunsch auS, daß
dersclbe, als Mitglied der H. Kammer, die
Sachc der Schüler und der Lehrer, wclche bci
den demnächst beginnenden Kammerverhandlun-
gen in Berathung gezogen werden wird, auch
fernerhin unterstützen möge.

F' Aus Baden, 27. Nov. Auf dem Ge-
biete des kirchlicheu Lebens des Katholicismus
tritt eine Erschcinung zu Tage, welche die Be-
achtung aller Freunde des kirchlich - politischen
Forlschrittes verdient; es ist die allmälige Spal-
tung der Mitglieder der römischen Kirche in
Neu- und Altkatholiken. Während die Ultra-
montanen ihre Gegner als Auchkatholiken, d. h.
als Abgcfallenc, nur Katholiken dem Namen
nach, bezeichnetcn, erhoben sich die Führer dieser,
und erklärten, daß sie gerade die wahren An-

** Frankfurt a. M., im Novembcr. Wenn ,
wir- bis Ende dieses JahreS nicht preußisch oder I
österrcichisch sind, so werden wir es nicht mehr. !
Noch vor dem Christkind'chen erscheint Ioseph
Schmölder's „Humoristischer Flascherrkeller, und ,
der leidet cs nicbt"!! Man muß Gelstzenheit haben,
dte Subscribentenliste zu sehen, dte dcr Erschei-
nung vorausgegangen,-um einer solchcn scherzhaf-
ten Aeußerung, die hier im Gange und Schwange
ift, eincn beifälligen Ernst abzugewinnen. Die
bis jetzt bei einer einzigen hiesigen Buchhandlung
hicr eingelaufenen Subscriptionslisten rnüssen durch

Bürger von Wicsbaden, Biebrich, Mainz, Mann-
hrim, auS allen Stänben der Gesellschaft! U.nd waS
Frankfurt betrifft, so wetß ich keine literarische
Arbeit, welche vor ihrem Erscheinen bei einer solch'
^roßcn Anzabl sich Bethetligender zugleich etne solche
Fülle hrrvorragender Männer auS drn chöchsten
Schichten und reichsten Schacbten der Stadt aufzu-

ten anderwärts verschaffte, hat auch in Frankfurt
das Eingangs dteser Zcilen erwähnte, hier circuli-
rende boa mot he^vorgerufen. — Jm leichten Spiel
der Worte deS Volkswitzes liegt ticferer Sinn; auS
dcm Schrrze schaut dte Wahrhett hcraus. Und diese
Wahrheit hcißt im gegenwartigen Fall:

im Publikum Bcifall findet, so lange ist an eine
Vergewaltigung Mitteldeutschlands nicht zu denken,
und so lange wird auch Frankfurt ntcht preußisch und
nicht österreichisch."

München, 19. Nov. Ter Allg. Ztg. wird von
hier folgcndes Stückchen erzählt: „Gestern tst hier
! etn sehr rtgenthümlicheS Grperiment gemacht wor-

donner und Gewehrsalven, und außerdem wurde
in der Nähe des Kugelfangs noch musicirt und
getrommelt. Zu diesem nervenerschütternden Lon-
cert hatte man eine Anzahl Kranker aus dem Mi-
litärspital transportirt, um fie entscheiden zu laffen,
ob dieser Lärm für Kranke erträglich sei, da man
beabsichtige, in der Nähe des Kugelfangs ein neues
Militärspttal zn bauen. Wir wissen nicht, was alS
Criterium ves Nichterträgenkönnens angenommen

zu, und bei^ihm angelangt, warf er den Hut bei
Seite, um kopfüber sich in die Fluth zu stürzen.
Zufällig wurde der lebensmüde Jüngling vom jen-
scittgrn Ufer aus durch^ den Förster beobachtet;

nehmen war bci dcm Selbstmörder in spe etnS.
Er hatte sich wohl mit dem Gcdanken, sich zu er-
tränken, vertraut gemacht — aber fich todt schicßen
zu lassen — daS paßte ihm nicht.
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