Heidelberger Zeitung — 1865 (Juli bis Dezember)

Page: 638
DOI article: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/hdtz1865a/0638
License: Public Domain Mark Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
rung HM g«t gkthan. den Spielpacht nicht
mehr zu krneNern. unbckümmcrl um daS übrige
Deutschland; er frcul sich darüber und lobt sie
dafür, nnd zwar gern, wic immcr, wenn er in
die Lage komme. Er pflege nicht das Werk.
zcug ciner Partei zu sein, dazu lasse cr sich
nicht hcrab. ES liege im Jnteresse der großh.
Ncgierung. dem badischen Volk zu zeigen, daß
sie alle Mittel ergreife, um dem Nachtheil ein-
seitiger Aufhebung ;u begegneu. Daher solle
man nicht zur TageSordnung übergehen, auch
im eigencnLntercsse der Kammer nichl, da einc
Frage. die ganz Deutschland berühre, vorliege.
Man beruse sich stctS auf die herrschcnde >L>trö-
mung, warum sie nicht benützeu und die Segcl
schwcllcn, nm ein so wünschenswerthcö Ziel zu
erreichen.

Nedner widerspricht, die Bemcrkung, ein
StaatSmann müsse nichts untcrnehmen, waS
er uicht ausführen köune, gemachl zu haben,
wcist übrigens auf das Vorgehen der kurzen
ReichSregierung von 1849, und auf daS ener-
gische'Einschreilen der Cenlralgewalt der Schweiz
gegen einzclne BundeStheile hin. Warum solle
in Dcutschland die Entfernung von Uebelstän-
den nicht durchgeführl werden können? — Daß
dieS nur durch Stimmeueinhcit geschehen könne,
davon sei cr noch nicht überzeugt worden.

Geh.-Nath v. Mohl: Seit dem Jahr 1844
sei von kciner Seite am Bund der mindefte
Zweifel erhobcn worden. daß die Aushebung
nm durch Stimmcneinheit geschehcn köune.

Geh.-Nath Blunt s ch li: Die Competenz des
schwcizerischcn BundeSrathes sei viel größer, als
die des deutschen BundeS; dennoch habe er es
nicht gewagt, in der Genfer Spielfrage eiuzu-
schreiten.

Staatsrath Lamey findel dieseS natürlich,
da der Bund sonst gegen Alles einschreitcn
könne; auch andere Einrichtungen köunen sonst
in die Lage dcr Spielbankeu kommen. WaS
die großh. Negierung betreffe. so habe sie gegen
Berathung iu dcr Commijsion dtichts einzu-
wenden; maS aber darauf fvlge, könne nur
Sache ihrer Entschließung sciA. Gewinn ziehe
sie auö der Sache nach kciner Seitc hin; im
Gegentheil^ wenn dic Sache an dcn Bund käme,
würden Kurhessen und Nassau rc. sagen: Jctzt,
wo Jhr Eure Dpielbanken iu Folge der ösfcnt-
lichen Mcinung nicht mehr halten wollt, kommt
Ihr an den Bund und wollt auch unscre ver-
drängen. Nur diese Thatsache, nicht das Sitt-
lichkeitsgcfühl werde eutscheiden.

Der durchlauchtigste Präsident schließt die
DiScussion.

Frhr. v. S.totzingen bemerkt, daß er die
Motion unterstützt und den Antrag gestellt
habe, eine Commission zu wählen.

Geh.-Nath v. Mohl schließt sich dem An-
trag des MinisterialrathS Jvlly, der dem seini-
gen gleichkomme, vollkommen an.

Geh.-Rath Bluntschli: Durch die moti-
virte TageSordnung solle anerkannt wcrden,
daß wir einvcrstanden siud mit Beseitigung der
Spielbanken in ganz Deutschland, daß wir aber
trotzdem an der Schließung der Bauk in un-
serm Land festhalten.

Prälat Holtzmann: Nur unter dieser Vor-
aussetzung könne er für Tageöordnung stim-
men; er glaubc, es solle eine kleine Commission
für die Nedaction gewählt werden.

E» wurde diescm Vorschlage von der Kam-
mer beigetreten, die Commission, bestehend aus
den HH. Gch.-Nath v. Mohl, Graf v. Helm-
statt und Hofrath Dr. Schmidt, sofort gewählt,
und beftimmt, daß die Sache in ciner folgen-
den «Lützung, und zwar in dcr Weise crledigt
werde, daß die Commisston nicht nur die Auf-
gabe haben solle, gerade motivirtc Tagesord-
nung abzufassen, sondern überhaupt nach Gut-
stnden Anträge zu stellen.

Mit der Döahl eincr Commission für den
zunächst der Zweiten Kammer vorgelegten Ge-
setzentwurf über die Einberufung der Nekruten,
welche auf die HH. Oberst Keller, Frhrn. v.
Gcmmingen und Obergerichtsadvokat Dr. Ber-
theau fiel, wurde die Sitzung geschlosscn.

Mainz, 11. Dec. Seit vorigen Montag
halten VLter der Gesellschaft Jesu hier Mijsions-
predigten, zu welchcn Schaaren von Zuhörern
herbeiströmen. meift Frauen und Kinder. Die

ersten Predigtru übtzr Sünde, Ärichtc, Hölle
ilnd Tod entferntrn sich nicht sehr von dcm,
ivaS man von dieser Seite her darübcr za hß-
ren gewohnl ist. Nun abcr hat Pater Hucken-
broich seine Deredsamkcit cinem Thema zugc«
wendet, daS alle Schicktichkeit verletzt Ju sei-
nem Eifer gegen die Sündhaftigkeit der Zcit,
»geuährt durch eiue schlechte Prcfse und eiucn
vcrdorbenen Kunstgcschmack, ein den Ehebruch
verherrlichcndeS Thcater und die Sinnlichkeit
rcizende Ballctte. ȟberschreitct er so sehr alle
Grcnzen des Anstandcs, daß vicle Damen wäh-
rend seiner Prcdigt eiligst die Kirche verließen.
Nach eiuigen einleitenden Bemerkungen über
die Verschlechterung der Sitten in unserer un-
gläubigcn Zcit, — als wenn am römischen
Hofc, (man draucht nur an Alexander VII.
und die Borgias zu crinncrn) oder zu der
Blüthczeit der Klöster größere Sittenreinheit
geherrscht hätte — wcsst er auf Könige hin,
welchc durch öffentlichcn Skandal den Purpur-
mantel in den Koth zögen, so daß man glau-
bcn müffc, die Zeiten ciner Pompabour scien
wieder da. Allcs dieseS sci eine Folge dcS Un-
glaubenS, der die Ehe.zu einem einfachcn bür-
gcrlichcn Kontrakt gemacht, währcnd sie in der
guten alten Zeit für ein Sakrament gegolten
habc. Heute, wo die Zeitungcn über Neligion,
Priester und Jcsuiten schimpften, seicn die Sit-
ten verfallen, und dic Genußsucht, zu deren
Befriedigung man Geld bedürfc, thue das Wei-
tere. Bei der Beichte werde venn das Meiste
verschwiegen. Aber Gott der Herr, der Schwe-
fel und Pech über Sodom und Gomorha reg-
nen ließ, der dic Kananiter auSrottcte und den
Stamm Benjamin vertilgte, werdc auch die
heutigcn Sünder im Pfuhl des SchwefelS und
durch das cwige Feucr strafen. Drum, so
schloß der Pater u. A., darum Fluch den Biblio-
theken, dcn unzüchtigen Büchern u. s. w. —
Die Worte Ires ehrwürdizen PaterS wiederzu-
geben, wird keine Zeitung wagcn, welche sich
achtet; siö könnte es auch nicht, ohne wegen
Verbreitung von Aeußerungen, welche die
Schamhaftigkeit vcrletzen, den Strafgesetzen zu
verfallen. Die Worke tricbcn den Zuhörern
die Nöthe in die Wangcn. Unbcgreiflich bleibt
eS, wie eine protestautische Nrgierung solchen
Unfug dulden mag, der so schr gegen die gu-
ten Sitten verstößt. Den JesuitenpatreS ist
übrigenS beffer alS der Mehrheit ihrer Zuhörer
bekannt, daß die L-itten, seitdem die Einheit
der Kirche gebrochen worden, weit reiner ge-
worden sind und nur in LLndern, in welchen
der UltramontaniSmus waltet und wo andere
Einflüsse als die der Presse sich geltcnd machen,
diejenige SittenverderbPß noch in Wirklichkeit
sehr allgcmcin besteht, gegen welche sie ihre
Beredsamkeit richten. Zn Nom und im rein
katholischen Süden fänden die ehrwürdigcn Vä-
ter ein reiches Feld für dic Bcredsamkeit, welche
sie in dem vergleichungSweise sittenreinen und
einmal ihnen abgcwandten Deutschland so ver-
geblich verschwcnden. (N-F-Z-)

München, 13. Decbr. Uebcr die Abreise
Richard Wagner's auS Münchcn erhalten wir
aus bestcr Öuelle folgende Aufklärungen: Die
Weisung hierzu erfolgte, als Wagner, sich auf
dem Gipfel seiner Macht wähnend und dic we-
nige bis dahin geübte Vorsicht bei Seite lassend,
eben angefangen hatte, scinen Einfluß auch auf
Staatsangelegcnheiten geltend zu machcn. Nach-
dem sein Project, xine neue der MaximilianS-
straße parallel laufende Straße durch den eng-
lischcn Garten mit Ueberbrückung der Jsar und
am Ende derselben auf dem Gasteig ein uach
scinen Plänen auszuführeudes Nationaltheater
herzuftellen, wegen der enormen Kosten (16
Millionen) auf Hinderniffe im KabinetSsecre-
tariat gestoßen war, erschien ein augcnscheinlich
von Wagner'scher Seite hcrrührender Artikel
in den Münchener „N. Nachrichten", worin
einzelne Mitgliedcr des Kabinetösecretariats,
welche die Achtung sogar von prinzipicllen Geg-
ncrn gcnießen, geradezu verdächtigt und als
Störer des Fricdens zwischen Wagner und
seinem königlichen Freunde einerscitS und dem
bayerischen Volke andererseitS hingestcllt wur-
den. Gleichzeitig hatte Wagner dem König in
Hohcnschwangau Pläne unterbreitet, welche
nichtS weniger als Abschaffung deS stehcnden

^ Heeres, die SHaffung eineS VslkSheereS und
! «ittelst dcr hiednrch erzielten Ersparniß eine
Erhöhnng dcr Civilliste dcS KönigS um einige
Millionen bezweckten. Wagner schcint der An-
sicht gewescn zu sein, die circa 2 bis 3 Mill.
Civilliste des Königs reichen nicht zu deffen
! oder vielmehr bcffcr zu seinen Bedürfnissen hin.

UeberdieS soll er in jenen Entwürfen auSein-
! andergesitzt haben, daß die constitutionelle Vcr-
j fassung Bayerns zu Nichts tauge und dcm Kö-
nige eine auf dcmokratischer Grundlage ruhende
absolutistijche Negicrnngsform (nach Art ctwa
j der napoleonischen?) als die allein zu Aus-
! führung seiner großcn Pläne tauglichc vorge-
i schlagen haben. Diese Entwürfe sandte der
! König in gutcm Glaubcn an daö Staatsmini-
! stcrium ein, welcheö sofort die Gefährlichkeit
! deö Wagner'schcn Einflnsses würdigcnd, das
Nöthige zur Paralysirung dessclbcn vorbereitete^
AllcS begegnete sich nun in dcm Bcstrcben,
Wagncr von seinem königlichen Freunde zu
trcnnen. und alsdicser in der Nacht mit Extra-
zug von Holzkirchen nach München zurückkehrte,
war eS zucrst die Königin-Muttcr, wclche in
den jungcn Fürstcn drang. Morgens in aller
z Frühe erschien Prinz Karl, der Großoheim des
j KönigS, um ihn in sciner Eigenschaft alS Feld-
- marschall Bayerns auf daS Gcfährliche dicser
^ Vervindung aufmerksam zu machen. Der-
sclbe soll so weit gegangen sein, den König
daran zu erinnern, wie schon einmal eiu Per-
soncnwechsel auf dcm baycrischen Thron unter
so erschwercnden Umständen nöthig gcwesen;
dieSmal handle eS sich aber um Erhaltung der
Dynastie (?). Nach ihm erschicn der Polizei-
director, welcher dem Könige nach den Bcrich-
ten seiner Agenten einen Straßencrawall dcs
cmpörten VolkeS in AuSsicht stcllte. Di'esem
folgte der Erzbischof, wclchcr dcm Haß dcr
Ultramontanen AuSdruck verlich. Endlich kam
noch v. d. Psordtcn, um vom politischcn Stand-
punkt aus gegen Wagncr und seine Pläne zu
protestiren. So energischem Einstürmen vcr-
mochte der junge König uicht zn widerstehen
und cr entschloß sich, wenn auch mit schwercm
Herzen, zu dem bercits gemcldeten Schritt.
Man irrt aber, wenn man glaubt, Wagner
sei durch denselben dem Könige nun ganz ent-
fremdet. Die Verbindung beider soll durch die
Entfcrnung mcht aufgehoben, ein Thcil dcr
Wagnerschen Pläne nichl aufgegeben sein.
Daß.dicse durch seltene Maßlosigkeit sich auS-
zeichnen, geht u. A. daraus hervor, daß Wag-
ner die Entlassung ciner größern Anzahl von
Beamten und Besetzung ihrer Stellcn durch
seine Freunde nah und fern vorgcschlagen ha-
ben soll. So dachte cr sich eben eine Anzahl
unbedingt ergcbener Diener seineS Willens zu
schaffen. als sich das Gewitter schon übcr ihm
zusammenzog, daS ihn, wenn auch nicht vcr-
nichten, so doch auf ein natürlichereS Maß
von Bedeutung reducircn sollte.

'A m e r t k a.

Aus Wastzington wird dcr „Kölir Z.'
geschriebcn, daß die dortige Stimmung eine
äußerst kriegerische und gereizte sei, und daß
man Johnson wohl zutraue, daß er einen
Krieg mit dem Auslande anzuzetteln im Stande
sei, um den ihm über den Kopf wachsenden
Schwierigkeitcn der inncren Lage zu entgehen.
Sclbst der sonst so ruhige Grant spreche sich
mit noch mchr Bestimmthcit alS in Ncuyork
übcr die Nothwendigkeit der Parteicrgrcifung
für Mexico auS. Shofield habe nur einige
Jnstructionen nach Paris erhaltcn, upi ihn alS
Dcpeschenträger crscheinen zu lasscn, oder mit
anderen Wortcn, man habe ihm die Neise be-
zahlt und zu diesem Zwecke cinige Scheinauf-
träge gegeben. Die Stimmung gegen dcn
Präsidenteu sei unter dcn in Washiugton be-
reits eingctroffencn Abgcordnetcn und Sena-
loren sehr erbittert und eutschicden; man wolle
alle seine Acte einer genaucn Nevision untcr-
wcrfen und bcsonderS mchrere seincr Anstcl-
lungen uno Ernennungen umstoßen.

vermischte Nachrichten.

Auf dem Mississippl sind bei eiuem Zusammenstoß
zweier Dampfer bunderr M>:iischen um'S Lebcn gekom«
meii. meist enltassene farbige Soldalen.
loading ...