Heidelberger Zeitung — 1865 (Juli bis Dezember)

Page: 678
DOI article: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/hdtz1865a/0678
License: Public Domain Mark Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
tionsstellunH zur Regierung einnehmen und
extremen, idealistischcn Phantasiegebilden, welche,
der Macht der Thatsachen gegenüber, vorerst
kciner BerwirMchung fähig sind, nachjagen
sollte, so wird sie die von zwei cntgegengesetz-
ten Seiten angegriffene und hin und her ge-
zerrte Regierung in ihreni Grundc erschüttern,
alle biSherigen Errungenschasten in Frage stel«
len und die stetS lauernde Rcaction, welcher
sie enlgcgcn zu arbeiten mcint, um so schneller
heraufbeschwörcn Diese unglückseligen Folgen
zu verhüteu, müssen alle wahrhaft liberalen
Fraclionen der Kammcr und deS VolkS, wclche
Schatlirungcn sie auch in untcrgcordneten Fra-
gen haben mögcn, eifrigst bemüht und deShalb
daraus bedacht sein, AlleS scrn zu halteN, waS
die Negierung in ihren wohlgemeinten Bestre-
bungen stören, ihr Ansehen schwächen unv ihre
Macht untcrgraben könnte. Hoffentlich wird
die wieder zujammentretende Kammer, die an
manchen tüchtigen Kräften reicher geworden
ist, den Bewcis liefcrn, daß wir in allen wich-
tigen Fragen einig gehen und vor NichtS unS
mehr sürchten, als vor den lüttern Früchten
eineS polnischcn Reichstages. Ein svlches Spiel
würde der politischen und klerikalen Reaction
höchst erwünscht sein und auch thatsächlich zu
Statten kommen. Eine Dpposition mag ent-
schicden und scharf, aber sie dars nichl bitter
und feindselig gegen eine gut gesinntc und lide-
rale Regierung sein; eine sogcnannte systema-
tische Opposition abcr, die grundsätzlich immer
Nein sagt, wenn die Regicrung J a sagt,
und die sogar die freie und überMgungstreue
Abstimmung ihrer Angehörigen durch eine po-
litische Formel bannt, muß ihrer Natur nach
verderblich sein.

(Der gcchrtc Herr Corrcspondent HLtte aus
verschiedencn, wie es scheint vou competenter
Scite in öffentlichen Blättern gebrachten
Mittheilungen über die Ziele und Absichten der
neuen liberalen Kammerpartei die Uebcrzeuzung
schöpfen können, daß die Bestrcbungcn dersel-
ben auf nichtS weniger hinauslaufen, als ge»
rade den Btstand der jetzigen constitutioneüen
Rcgicrung mit aller Energie zu sichern, und
daß von einer feindseligen Opvosirion gegcü
dirselbe nicht im Entferntcsten die Nede sein
kann. Die Red. d. Heidelb. Z.)

^ /X Vom Neckor, 27. Decbr. Professor
Stern,. der nahezu 50 Jahre dcm evangel.
Schullehrcrseminare zu KarlSruhe vorstand, ist
vor wenigcn Tagen in den Nuhcstand versetzt
worden. Stern hat sich als Schulmann und
durch literarische THLtigkeit unter den deutfchen
Schulmäunern einen ehrcnhaften Namcn er-
worben und alle jene Männer, die sciner reli-
giösen Richtung abhold wareu, werden seine
viclfachen Verdienste anerkennen. Wir wollen
uns hierüber nicht eingehender auSsprechen, eS
vielmehr jcnen überlassen, die Stern's'Thätig-
keit als Schulmann auS eigener Anschauung
kennen.

Zu seinem Nachfolger wurde eine in besten
Jahren stehende Kraft berufen: Hr. KreiSschnl-
rath Leutz in Heidelberg, dcr sich durch seine
kurze Wirksamkeit in diesem schweren Amte die
Achtung aller derer erworben hat, die mit ihm

Drr „Lur. b. V. St." erzahlt von ciner Poly-
gamie auf Aoancements; man babe nämlich in den
lrtzten Tagen des Octobers d. I. in Wheeling
(westl. Virginieb) eine jnnge schone Frau festge-
nommen, dir sich daraus cin lucratives Gewerbe
geschaffm hatte, daß sie nach einander eine biS jetzt
noch nicht genau rrmittelte Anzahl von Officieren
der Nord-Armee heirathete; fie bestahl jeden Ge-
mahl, so reichlich es ihr nur gelingen mochte, und
verließ ihn dann heimltch, um sich von Neuem zu
verheirathen. Ihr erstes bisher bekannt gewordenrs
Opfer war ein junger Lapitän von den glänzend-
sten Ausfichten, welcher ber schönen Augen jener
Verführerin wegen seine Entlassüng nahm und dem
sie 1200 Dollars entwendete. Als ihr dieser Streich
gelungen war, gab fie vor, von ihrem Vater ein
Tchreiben erhalten zu haben, worin fie dringend
aufgefordert würde, «inige Tage bei ihrer Familie
zuzubringen. Sie verschwand, und Weib und Dol-
lars sah der Gatte nimmer wieder. Zwei Monate
später tauchte fie anderwärts in eincm ähnlichen
Verhältnisse mit einem Oberst auf. Auch diesen
heirathete fie, brstahl ihn sodann und verschwsnd
wiederum.spurlos. Dte dritte und vierte Heiraths-

! in Bcrührung kamcn. Schöne Eigeuschaften
des GcifteS und Herzeus ziereu diejen ncucn
Seminar-Dirccior, dem eS damit lcicht wird,
die Hcrzcn seiner Zvglingc zu gewinnen uud
fruchlbaren Sameu auSzuslrcuen. Die Auf-
ggbe eineS Semiuar - DirectorS wird in der
Folge eine bedeutcud schwierigere; dcr zweijäh-
rige SeminarkurS wird um eiueu weitercn ver-
mehrr, wozu bereits dic Mittcl für daS Jachr
1866 und1867 g.forbert sind; bie AuSvilduug
dcr Lehrer muß eine umfajsenderc und so-
mit die Auforderuug au das Seminar bedeutend
erhöht weroen. Fächer, mie deulfche National-
lileratur und franzöfijche Sprache, werden in den
KreiS der Unterrichlsstunden aufgenommen und
dabei die Naturwrsfenschasten — Änthropologie,
Physik, Naturgefchichte — in eingehender Weise
behandelt werden müssen. Die Zahl der Lehr-
kräfte wird natürlich in cnlsprechender Weise
vermehrt. Wir wünschen, daß dazu die rechleN
Männer gesunden werden, die diejer schwcren
Ausgabe gewachsen sind, die srei sind von re-
ligiöjer Einseitigkeit — von wahrer christticher
Religion beseelt, das Werk: deutsch e Leh-
rer zu erzichen, grüudlich verstchen. Auch in
der Leitung dcr katholischen Lehrerseminarien
wünscht man eine Aenderung und soll zum
Vorftand des SeminarS in Meersburg Herr
Professor Frühe in Constanz auSerjehen sein;
em Man« in den desten LebenSjahren, ausge-
rüstet mil umfaffendenKenntniffen, namentlich in
der deutschen Literalur und Geschichle und von
besonderer Rednergabe, dabei ein lreuer, ausi-
richtiger Freund des dcutschcn Vaterlandes, wie
der von Heidelberg scheidenbe Hr. Kr.-Sch.-R.
Leutz. So wünschen wir, daß auch der drilte
Semiuardirector alSbald ernannt und damit
die Lehrerseniinare unter Ler Leituug junger,
tüchtiger, von jeder religiösen Schrvärmerei
freien Männcr, zum Segen deS VatcrlandeS
emporblühen!

Vom badifchen Neckar, 21 Decbr,
Ob außer der Peusionirung deS Pros. Ttern
am protestantischon Seminar ein Director-
wechsel eiutreten wird, ist noch nichl zu sagen.
Jedenfaüs wäre eS den Umständen angcmesse-
ner, einen im Schulsach ersahrenen Mann an
diese Stelle zn setzen, wcnn cr auch nichl
Theologe wäre, als einen bloßen gul geschul-
ten Theologeu. Die Furcht, alS sei mrt dem
Abgang deS OberschulrathSvorftauds Knies ein
Pvinclpienwechsel vor sich- gegangen, hat sich
einigermäßen gclegt, da man den Nachfolger
für cinen schr tuchligcn Geschäftsmann von
entschiedener Freisinnigkeit hält, der, eben weil
et die Ichoneudste Form zu sindcn weiß, seinen
Verbesserungen leichter Eingang zu schaffen
im Stande ist. (A. Z.) .

Kaffel, 24. Dec. Jn der Frage, ob die
untcr Hassenpflug mit Entziehung von cinem
Viciiheil ihres Gehaltes außer Dienst gesetzten
Staalsbeamten nach Herftcllung der Verfassung
von 1831 die Nachzahlung der widcrrechtlich
entzogenen Gehaltsraten verlangen können, ist
durch ein eben erfolgtes GerichtSerkcnntniß lei-
dcr verndlNt worden. ES geschah dies, obwohl
ausgesprochen werdeN mußte, daß die stattge-
habte Enlziehung nicht nur gegen die Verfas-

gesponskn erkannt wurde, der fie ohne Umstände
verhaften ließ. Ietzt befindet fie sich in Ohro, wohtn
sie transportirt wurde, mit fürchterlichen Hand-

mer etne gelungene Carricatur auf Richard Wag-
ner ünd seine Gegner. Richard Wagner wendet,

fung vcrstoße, sondern auch eine Verletzung
„wohlerworbcner Rechtc" enthalte.

Aus Vayern, 27. Dec. Gestern eignete
sich eine trotz der niedrigen Temperatur fehr
zahlreich bcsuchte Volksversammlung zu Fürth
die Nördlingcr Erklärung vom 17. d. an und
stellle eventuell eine Deputation an den König
in Aussicht. Andere Städte, zunächst Würz,
burg, AugSburg und RegenSburg, werden fol-
gen, so daß man nicht wohl sagen kann,
Bayern rühre sich nicht. Ob die Agilation
ein Nesultat erzielen wirü, ift freilich eine an-
dere Frage.

Verlin, 25. Dec. Der alte Abgeordnete

Königsberg, 23. Z>cbr. Die Probe-
nnmmer der neu erscheinenden „Königsberger
Neuen Zeitung" ist mit Beschlag belegt, und
die kostenfreie Versendung von Probenummern
durch die Post dem jungcn Blatte versagt
worden.

Wien, 27. Dec. Nach einem Telegramm
der „Presse" aus Pesth sind die beim Almasy-
schen HochverrathSproceß Betheiligten begna-
digt, jedoch nach Josephstadt und Theresienstadl
internirt worden.

Frankreich.

Varis, 23: Dcc. Die Nachricht von dem
Sturze des italicnischen Kabinets ist hier nicht

als reiscnder Handwerksbursche, mit Tornister unv
Knotenstock versehen, München den Rücken, daS
bayerische Volkslied: „Muß i denn, muß i denn —
zum Städtli hinaus!" anstimmend. Hinter ihm
tanzt frohlockend ein Iesuit mit einem Krebse ein
Menuet. MephistopheleS ruft bcim Ansckaucn dieser
Scene: „Den Bösen sind sie los — die Bösen
sind geblirben!"

* Eheater.

Frau Birch-Pfeiffer hat wieder einmal einen
Vogel abgeschossen; das Schausptel „in der Het-
math" hatte sich, wie anderwärts, so auch hier,
eines großen BeifallS zu erfreuen. Wir wollen
Nicht über den ästhetischen Werth dieseS SchauspielS
sprechen, sondern nur über den Erfolg. Die Ver-
fasserin hat es verstanden, wieder einmal recht
dankbare Rollen zu schretben, und die Handlung
tst spannend bis zum Sckluß. Die Aufführung
war tn allen Theilen vortreffiich, und sehen wtr
mit Interesse einer baldigen Wiederholung ent-

Am Sonntag kommt Offenbach^S beliebte Ope-
rette „Orpheus" zur Auffübrung und dürfte be-
sonderS bie Parthie drr Euridice, durch Fräul.
Pichon besetzt, einmal zur vollen Geltung kommen.
loading ...