Illustrirte kunstgewerbliche Zeitschrift für Innendekoration — 1.1890

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Seite 190.

Lachblatt für Innen-Dekoration".

Nr. 23.

Ein de such yxj davon Mol!) schilt»

in Men.

der ausgezeichnete Sammler, auf dessen nach vielen Millionen z» schätzende
Besitzthllmer diese Zeilen Hinweisen sollen, sich einmal entschlösse, seine
Memoiren zn schreiben — seine Memoiren nämlich als Sammler — es wurde sich
ein Buch von der lesens Werthesten Gattung ergeben. Nach einer glaubwürdigen
Mittheilung existiren heutzutage sechsnnddreißig Rothschild'sche Sammlungen — ge-
nau so viel, als es erwachsene Mitglieder der Familie gibt. Obenan stehen die-
jenigen des Freiherrn Adolf in Paris und des Freiherrn Nathaniel in Wien. In
welchem Stil Erstercr vorgcht, mag ans einer verbürgten Thatsache erhellen: dem
jüngst verstorbenen Antiquitätenhändler Spitzer bezahlte er im Laufe von Jahren
25 Millionen Francs, und doch war Spitzer keineswegs der ausschließliche Lieferant.
Baron Nathaniel hat gewiß ähnliche Summen auf seine Kollektionen verwendet.
Jetzt, in ihrer Gesammtheit, repräsentier sie einen
Werth, den man sich kaum ansznsprechen getraut.

Es wäre irrig, vorauszusetzen, daß Geld, viel
Geld allein genüge, um eine Sammlung ersten
Ranges zustande zu bringen. Zum Sammler
muß man geboren sein; wer nicht von Hause aus
den nöthigen — dann der Ausbildung fähigen —

Sinn mitbringt, der wird immer das Opfer jener
tausendfachen Fälscherkünste bleiben, welche seinen
Weg durchkreuzen.

Einen Theil der in seinem Wiener Palais
in der Theresianumgasse untergebrachten Samm-
lung übernahm Baron Rothschild als Erbe nach
seinem Vater Anselm. Seither vervollständigte
er sie unablässig mit unentwegbarem Eifer. Nach
einer Richtung nur legt er sich Reserve auf: er
erwirbt keine kirchlichen Geräthschaften. Man
sagt, daß er mit dieser Zurückhaltung die Empfind-
lichkeit einer Reihe seiner näheren Freunde schonen
will. Unter dem, was er ererbt, befinden sich
allerdings Objekte genug, welche ehedem für den
Gottesdienst verwendet wurden, so z. B. zwei
wahrhaft entzückende, silberne Mcßkännchen (16.

Jghrhundert), ein von den Kennern vielbewnnder-
tes gothisches Ostensorium, Antependien usw., aber
gekauft hat er nichts dergleichen.

Soll man konstatiren, worin die Stärke der
Rothichild'schen Sammlung liegt und was ihre
vorwiegendste Schönheit ausmacht, so kommt man
in Verlegenheit. Man darf wohl behaupten,
daß die Möbel Louis XV. und XVI., wie sie hier
vereinigt sind, kaum wieder sich irgendwo beisam-
men finden; ferner, daß das achtzehnte Jahrhun-
dert in seiner zierlichen Kleinkunst geradezu glänzend
repräsentirt ist — aber wir rufen uns, indem wir
diesen Hinweis bestätigen wollen, ins Gedächtniß,
wie alle anderen erdenklichen Zeiten und Stil-
gattnngen hier ebenfalls eine imposante Vertretung
haben, und so geben wir es auf, ein Glied dieser
Kette als besonders bemerkenswerth zu verzeichnen.

Der hervorstechendste Zug der Rothschild'schen
Sammlung äußert sich darin, daß sie Zwecken der
Wohnlichkeit und des Comforts dienen muß, daß
eine Fülle des Schönsten, was Jahrhunderte
hervorgebracht haben, die weitläufigen Wohn-
und Repräsentationsränme ziert wie ein selbstver-
ständlicher Schmuck, — so daß der kalte Begriff
einer Museal-Ansstellung keinen Augenblick vor uns
auftaucht. Durch das ganze Haus sind die Schätze verstreut. Wandern wir durch das-
selbe, so fällt uns ans, daß die Neigungen des Eigenthümcrs sich am wenigsten Ken Ge-
mälden zuwenden. Eine eigentliche Bildergallerie fehlt, aber immerhin ist eine Gruppe
von trefflichen Frauenporträts da; die Signatur, welche die Mehrzahl trägt: Boucher,
Watteau usw., sagt genug zu ihrem Preise; die Altwiener Schule spricht durch Porträt-
isten, wie Lampi . . . Wollen wir den Mittelpunkt der Sammlung kennen lernen, so
werden wir uns in den durch seitliches Oberlicht erhellten großen Saal begeben, dessen
drei hohe Fenster nach dem Parke führen. Was hier sich dem verblüfften Auge dar-
bietet, das spottet jeder Beschreibung. Man hat Mühe, sich in dieser Umnasse von
Kostbarkeiten zu orientiren, und doch macht das Ganze einen harmonischen Eindruck,
als sei kein Stück zu viel und kein Stück zu wenig untergebracht. Man hört einen
vollen, mächtig rauschenden Mord, der mit geradezu befremdender Fülle an unser Ohr
klingt. Nicht ein Zeichner, der blos den eintönigen Stift führt, sondern ein Maler mit
einer beredsamen Palette vermöchte einen Begriff zu geben von der Schönheit des An-
blickes. Voll und ungebrochen strömt das Tageslicht herein, aber wir denken uns diesen
Salon von hehrer Feenhand verklärt, wenn er illuminirt ist . .. Die drei vom Plafond
niederhängendcn Ampeln, Prachtwerkc italienischer Renaissance, die an der Wand
gegenüber den riesigen Fenstern angebrachten venetianischen Gondellaternen und

andere Bcleuchtungsinstrumente sind für elektrisches Licht adoptirt worden — das
Modernste verbindet sich mit den Erzeugnissen längst vergangener Tage. Auch die
einst alles beherrschende Wachskerze ist nicht entthront, sic waltet zur Rechten und
Linken des Kamins — gegegenüber den Fenstern — in den französischer Spätgothik
angehörcnden farbig bemalten Girandolen ans Holz,

Gehe» wir weiter, und wir gewahrc» Lanzen und Fahnen, Waffen und Musik-
Instrumente, die idyllische Harfe neben der damascirten Klinge. An einer Wand ent-
faltet ein Chorgcstühl reichster Gothik seinen stillen Zauber. Ein Tisch ist mit
Limdgen bedeckt, darüber eine Wandfläche mit Majoliken aus Urbino behängt. . .
Hier greisen wir nach einer zum Spannen der Armbrust bestimmten Winde, in
Gold tauschirt, deutsche Arbeit ans dem 16. Jahrhundert, das Meisterzeichen des
Waffenschmiedes weithin erkennbar — hier nach einem Zirkel, wie heutzutage keiner
mehr gemacht wird; spanische Arbeit ans dem 16. Jahrhundert, signirt! „Ludovicus
Colado" — hier nach einem ebenso alten italienischen Metallspiegcl . . . Wir
mögen nicht aufhören, schauend zn genießen und die sinnige Anordnung und Zu-
sammcvstimmnng zu bewundern. Wie viel Absicht in der Zufälligkeit! Wie viel

Zufälligkeit in der Absicht! Wie reichen die
Zeiten einander über Klüfte und Abgründe hin-
weg die Hand! In einem Becher, der Jahrhun-
derte erlebt hat, ruhen Cigaretten; auf einem
altorientalischen Tisch liegt ein Band deutscher
Gedichte; ein Stuhl aus der Urväter Jugend
tragt einen Kalender für 1890 . . . Wenn wir
meinen, das Hauptsächlichste in dem Saale erspäht
zu haben, zeigt sich uns gar manche Herrlichkeit,
die uns bisher entgangen ist: z. B. ein Vogel
Strauß aus vergoldetem Silbcr; er ist mit dem
Stadtwappen von Leoben geschmückt, hält im
Schnabel ein kleines Hufeisen, und ein Halsband
von Goldemail mit Edelsteinen ist ihm angelegt
worden . . . oder die zwei Buchdeckel, Niello aus
Silber, keines Geringeren Werk als des berühm-
ten Florentiner Goldschmiedes Maso Finiguerra
(1426—1464), der lange als Erfinder des Kupfer-
stiches galt und, obwohl ihm diese Erfindung
streitig gemacht wurde, ein gar gewaltiger Meister
war .... oder die in Buchsholz geschnitzten
Porträts des Nürnberger Patriziers Jakob Herbrot
und seiner Gattin, zngeschrieben Albrecht Dürer,
aber auf jeden Fall entschieden von ihm beeinflußt...
ein französischer Schrank (16. Jahrhundert) mit
reizvollen Ornamenten in xats inornstse. Er
besteht aus einem oberen und einem unteren
Theile. Aus dem Mittel-Panneau des oberen
findet man das Urtheil des Paris, umrahmt mit
Friesen aus Trophäen und Früchten. Jeder
Seitenflügel birgt eine Nische, über welcher zwei
Frauengestalten sitzen, in den Nischen stehen nackte
Figuren, rechts Amphitrite, links Neptun. Der
Fries zwischen dem oberen und unteren Theile
bringt eine treue Nachahmung von Mantcgna's
Tritonenschlacht. Aus dem Flügel des unteren
Theiles sieht man einen König und eine Königin
stehen, auf der anderen in der Nähe einer Heerde
einen jungen Mann und eine schöne Frau, die
einander bei der Hand halten. Wahrscheinlich
sollte Helena mit Menelans und Helena mit
Paris dargestellt werden.

Gehen wir in den Salon Louis XV., wo
jedes, auch das geringste Detail, dem Zcitstil ent-
spicht. Ans dem Inhalte dieses Raumes erwähnen
wir die zwei Münzkästen, Geschenke Königs
Ludwigs XV. an seinen Schwiegersohn Stanislaus
Lescinzky. In ciselirter Bronze sind Embleme
der Prägckunst als Ausschmückung angebracht. Mit den Schränken stimmt ein
Schreibtisch (bnrsau-xlat) überein, eine Arbeit desselben Meisters, der die Schränke
gefertigt hat, durch einen glücklichen Zufall mit diesen unter ein Dach gerathen .. .
Gegenüber dem salon Louis quinüs gelangen wir ans dem großen Saale durch ein
Portal in einen Raum, der mit nltpersischen Teppichen dekorirt ist und in welchem
eine Nische mit Metallgefäßen, Schlosserarbeiteu, ein Certosa-Tisch, eine Base aus
Urbino und viele, viele andere Stücke unser Interesse lebhaft erregen ... Einzelnes
aus der Rothschild'schen Sammlung citiren, ist eigentlich — das muß offen cinge-
standen werden — eia fruchtloses Beginnen, denn wer damit anfängt, kommt nicht
leicht zu Ende. Es erscheint deshalb besser, den Versuch einer detaillirten Schilderung
rechtzeitig anszugebcn. Nur so viel sei fcstgestellt: die Kollektion Nathaniel Rothschild
ist die Krone der Wiener Privatsammlnngen. Was man dort erfahren und lernen
kann, geht in's Unabsehbare. Unsere Knnstgewerbetreibenden aber — also ein ge-
wichtiger Theil der Arbeiterschaft — könnten völlig eine neue Schule genießen und
würden Gelegenheit zu Studien finden, wie sie ihnen vielleicht nur von wenigen Museen
geboten werden kann, wenn Baron Rothschild ihnen manchmal Eintritt gewährte.

__- (N.Wr. T.)

Abbildung Nr. 110. Uhv in Mliilll'krv Wvon?e.

Entworfen von Bildhauer C. Eberlein.
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