Heidelberger Zeitung — 1865 (Juli bis Dezember)

Page: 591
DOI article: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/hdtz1865a/0591
License: Public Domain Mark Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
Midelbergrr Zeiluiig.

Kreislierkünüigungsblatt siir den Kreis Heidelberg unü amtliches Berlündigungsblatt für dic Amts- und Äints-
Gerichtsbezirke Heidelberg nnd Wiesloch und den Amtsgerichtsbezirk Mckargemünd.

Nl 28«


Dienstag. 3 December


^ Auf die „Heidelberger
Zeitung" kanu man sich
noch für den Monat
December mit 21 Kreuzern abonniren bei allen
Postanstalten, den Boten und Zeitungsträgern,
fowie der Expedilion (Schiffgasse Nr. 4).

* Politische Umschau

* Die Politik NapoleonS Isll., welchen
Weg sie auch einschlagen mag, hat das Unglück,
von allen Seiteu beargwohnt zu werden: Allent-
halben witlert man verdecktc Hintergedanken.
So hört man jetzt wieder, daß in den diplo-
matischen Kreisen zu Paris eine große Bestür-
zung geherrscht habe, als die Nachricht dorthin
gelangte, daß Kaiser Max vou Merico den
Enkel Jturbide's adoptirt, und cventuell alS
seinen Thronerben proclamirt habe. Es mag
befremdend erscheinen, daß man in Paris ein
so großes Gewicht auf- diese Nachricht legt.
Erschciut doch die Gründung deS mexicanischen
Reichs als ein Experiment, in der VorauSjetzung
gemacht, daß Napoleon III. Gelegenheit erhal-
ten würde, sich in den amerikanischen Bürger-
krieg zu mischen. Nun darauS nichts geworden
ist, scheint derselbe sogar gencigl, Mexico wie-
der fallen zu lassen, und das allmälige Zurück-
ziehcn der Truppcn deutet um so mehr darauf
hin. Weshalb interessirt dje Erbschaft deS
neuen Kaiserreichs das Tuilerienkabinet aber
dennoch so sehr? — Weil sie nach allem, was
man weiter hört, zu seiner Nechnung für die
nächste Zukuuft gehört. Sie soll nämlich den
Söhnen des Königs Leppold zufallen, sobald
die Annexirung Belgiens in Scene gesetzt wird!
Es könnte sonach sehrstörend einwirken, wenn
Kaiser Max die Thronfolgerstelle nach seinem
Gutdünken besetzte. — Unter diesen Umständen
muß auch die nculich schon erwähnte Gunst,
welche jetzt der Kaiser von Frankreich Oester-
reich durch dessen Errettuzig vom Staatsbanke-
rott zuwcndet, in einem neucn Lichte
erscheinen. Oefterreich ist Frankreich jctzt zum
Danke verpflichtet und darf hoffen, durch dessen
Hilfe auch mit einem ncuen italienischen Kriege.
verschont zu werden. Führt -Napoleon mit der
Zeit seine Absichten auf Belgien, oder doch
dessen wallonischcn Theil (Flandern vielleicht
zur Beschwichtigung Englands an Holland über-
lassend) aus, so könnte er darauf rechnen, Preu-
ßen und das übrigc Deutschland zur Neutralität
zwingen zu können, sobald Oesterr^ich sich sür

eine solchc erklärt. Der preußischen Negierung
würde in einem solchcn Falle die Annexion
Schleswig-HolsteinS gestattet merden. — So
mag etwa die französische Nechuung lauten:
diese ist freilich falsch, oder beziehungSweise ohne
den Wirth gemacht, wenn dic Belgier sich für
das Glück dcr Einverlcibung in das französi-
sche Kaiserreich bedanken, und entschieden auf
ihrer Unabhängigkeit beharren, in welchem Falle
ihncn auswärtiger Sukkurs sicher nicht fehlen
würde. *)

Es verlautet, daß eine hohe prcußische Per-
sönlichkcit dazu bestimmt sei, in geheimer Mis-
sion nach Wien zu reisen, um, unter Umgehung des
Verkehrs mit Diplomaten, direct mit dcm Kai-
ser über Holstein zu verhandeln. (Auch uach
dem „Schw. M." wird eine hohe preußische
Persönlichkeit in Wicn erwartet.) — Auch Kur-
hessen soll demnächft Ztalien anerkcnnen.

Die Wiener „Generalcorrespondcnz" sagt:
Gegenüber von neuestens aufgetauchten <Pe-
rüchten von angeblicher Abreise dcs britischen
Bevollmächtigten Moricr von Wien, wodurch
das Zustandekommen eines englisch-österreichi-
schen Handelsverträges in Frage gcstellt sein
soll, können wir versichern, daß die diesfälligen
Unterhandlungen gerade jetzt die erfreulichsten
Fortschritte machen, und daß ein günstiger Ab-
schluß derselben zuversichtlich zu erwarten ist.

Der Adreßentwurf des steierischen Landtags,
wie er auS den Berathungen des Ausschusses
hervorgegangen ist, schlicßt nach der üblcchen
Loyalitätsversicherung mit der Bitte: „Es
möge Se. Majestät allergnädigst verfügen und
veranlassen, daß die mit dem Patente vom 20.
September übcr daS Grundgesetz, betreffend die
NeichSvertrelung, verhängtc Sistirung wieder
aufgehoben werde." — Der Adreßentwurf deS
Wiener Landtags schließt sich in seinen Er-
wägungen dem vorstehenden Entwurfe zicmlich
genau an, formulirt aber die Schlußbitte um
Aufhebung des SistirungSpatenteS bestimmter
dahin, daß nach Bcendigung der jetzigen Land-
tagssesstonen diesseits dcr Leitha uuverzüglich
die Einberufung des engeren Reichsrathes er-
folge, dem dann das Resultat der Verhand-
lungen des ungarischen und croatischen Land-
tages über die Verfassungsfrage zur weitcren
Berathung vorzulegen sei.

*) Da König Leopold neuerdingS schwer erkrankt ist,

Einem nach dem „Frankf. Journ." in poli-
tischen wie in Börsenkrcisen zu PariS umlau-
fenden, jedoch der Bestätigung bedürfenden Ge-
rüchte zufolge hätte Herr Seward eine peremp-
torische Forderung an das französische Kabinet
gestellt: „die französischen Truppen innerhalb
einer bestimmten Zeit (wenn wir nicht irren,
bis zum April nachsteu Jahres) aus Mexico
zurückzuziehen".

Dem Pariser „Abend-Moniteur" vom 30.
Novbr. zufolge sind die juaristischen Generale
Arteaga und Salazar im Michoacan geschlagen
und mi:400 Mann gefangen genommen worden.

Einc Rcduction der französischen KriegSma-
rine soll nicht vor dem Monat März vorge-
nommcn wcrden. Alsdann heißt es, würden
beidc Geschwader, die Mittelmeer- und die
Oceans-Flotte, einer in öconomischer Absicht
ausgeführten Reorganisation unterworfen.

Jn Dublin werden große Vorsichtsmaßregeln
zur Vertheidigung der Gefängnißlokalitäten
gegen einen Angriff, der nach umlaufenden Ge-
rüchten beabsichtigt sein soll, getroffen.

Da« sehr umfangreiche Manifest. der spani-
schcn Progressisten schließt mit folgenden Sätzen :
„Freiheit des schriftlich ausgedrückten Gedan-
kenS, unantastbare Gewissensfreiheit, vollstän-
digc Säcularisation des öffcntlichen UuterrichtS,
Vereins- und Versammlungsrccht', die Verfas-
sung vou 1856 als AuSgangspunkt und Ab-
schluß dieser Organisation in Uebereinstimmung
mit den Fortschritten der Civilisation und den
Bedürfnissen der Menschheit, eine coustitutionelle
Monarchie, die im Znnern durch die Zustim-
mung des VolkeS getragen und nach Außeu
geachtet wird: das ist das cinzige Auskunfts-
mittcl, daS die Aufregung im Volke bcschwich-
tigen, und dem Ackerbau, der Gewerbthätigkeit
und dem Handel ihr längst entschwundenes
Wohlbefinden und den Familien den Frieden
wiedergeben kann!"

Deutschland.

Karlsruhe, 2. Dec. Jhre Königl. Hoheit
die Großherzogin sino heute früh 3 Uhr nach
Vevey abgereist , um das bevorstehendc Aller-
höchstc Geburtsfcst an der Seite deS durchlauch-
tigsten Geniahls zu begehcn. Allerhöchstdiesel-
ben gedenken Jhre Abwesenheit nicht über eine
Woche auszudehneu.

Jm Gefolge Jhrer Königlichen Hoheit be-
finden sich Hosdame Freiin v. Ungern - Stern-

Konstanz, 26. Nov. Heute Abend ist in der
Wohnung einer Schwester, welche die Pflegerin
seincr letzten Tage war, Ioscph Fickler, der
ehcmalige Redakteur der Seeblätter, den Leiden

daß er ohne weitcre gelehrte Bildung, als dle er
fich durch Selbstunterricht verschaffte, eine geistige
Stellung erwarb, als deren Fundament man sonst
nur die Gelehrtenschule berrachtet. Er trat als
Handelslchrling zu Konstanz in ein Geschäft, um
rinstens vas sriner Gltern übernehmen zu können.
DieS fand 1828 nach dem Tode drr letzteren ohne
gerade besonderes Glück statt. In den mit dem
Iahre 1830 in dem geistig versumpften Konstanz
fich erhebenden Geisteskämpfen trat er bald alS
llnterführer auf die liberale Sette und trug durch
den Einfluß, den er auf die große Menge, die
gegen dic sog. „Herren" gerne mißrauisch ist, in

zu stützen, gründete er ein kleines, wenig verbrei-
tetcs Wochenblatt und erkaufte später von Prof. !
Eiselin die von dirsem gegründeten Seeblätter, die >

Abgeorbnctenstelle zu bewerben, rrlag aber der ge- !
mäßigten und conservativen Mehrheit. Wegen set- !
nes entschtedenen, rücksichtSlosen Vorgehens und der

Linkrn in Babcn und andern Landern an, waS
ihn kurz vor der franzöfischen Februar-Revolution
von der Heimath fernhielt. Mit dieser kehrte er
zurück, verhandelte mit setnen Gefinnungsgenoffen
auf drm Vorparlamente, trennte fich indrffen mit

seincn republikantschen Ansichten auch von den ent-
schiedensten Freunden. Beim Franzosenlärm wurde
er sonderbarer Weise von der Großh. KreiSregie-
rung zum Eommandirenden der VolkSwehrrn im
Seekreis ernannt, nachdem er auf der Offenburger
Volksversammlung nur mit Mühe abgehalten wer-
den konnte, die Proclamirung der Republik zu
verlangen. Nach diesem Ziele aber strebte er auf
den Volksversammlungen zu Stockach und Achern

er bekanntermaßen verhaftet. Die NntersuchungS-
haft, die vor dcm Heckeraufstande begann, dauerte
bts zum Frühling dcs folgenden IahreS. Durch
das Schwurgericht in Kreiburg, wo er dte Schuld
des Landesverraths auf die Fürsten warf, frrige-
sprocken, war.er kaum nach Konstanz zurückgekehrt,
als er die Nachricht von dem Militäraufstande zu
Rastatt und seiner Wahl in den LandeSausschuß
erhielr. Die constttuirende Versammlung ernannte
ihn zu etnem der drei Regenten Badens; er hat
jedoch dte Stelle ntcht angetreten, da er auf falsche
Denunciation, er habe Staatsgelder mitgenommen,
um das württembergische Militär zum Abfall zu
dringen, zu Stuttgart verhaftrt und auf den Asperg
loading ...