Heidelberger Zeitung — 1865 (Juli bis Dezember)

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chen Mitgliedern der früheren Mehrheit den
entschiedenstcn Widerstand findcn. Und dieß
ist nicht nur dic vorhcrrschende Stimnrung in
der zmeiten Kaminer, sondern auch im ge-
sammten Lande. Es ist dies die eine gute
Frucht dcr alleS Maß überstcigenden ultra-
montanen Wnhlereien.

: jl: Karlsruhe. 15. Dec. Bei den letz-
ten Wahlen war dem badischen Volke die Frage
zur Entscheidung vorgelegt: soll das Programm
vom 7. April, von dcm die neuere Entwicke-
lung unscreS StaatSlebens ausgegangen ist,
festgehalten und seine Grundsätze in sester Con-
sequenz weiter entwickelt werden? oder soll
man auf die Gegner jeneS ProgrammS, d. i.
auf die klerikale Partei, welche jenes Programm
zwar dcm Scheine nach cbenfalls annimmt,
aber nur in sowcit cs ihren besouderen Jnte-
ressen dienl nnd diese sördert znm Nachthcil
der übrigen StaatSintercfien, Nücksicht ncbmen,
und also dieser Partei Concessionen machen?
Die Antwort des badischen VolkeS auf diese
Fragen, die den eigeutlichen Sinn dcr letzten
Wahlen ausdrücken, war eine so klare. offene
und zngleich eclatante, daß Niemand darüber
auch nur eiuen Augenblick in Zweifel iein
kann.

Die Wahlen sind durchaus im strengen Sinne
dcr Grundsätze von 1860 auSgefallen; ja die
Mehrhcit dieser Wahlen hat sogar noch weit
entschiedener für die Conscquenz jencr Grund-
sätze und ihre weitere Durchführung sich auS-
gesprochrn, als dics bezüglich manchcr Mitglie-
der dcr frühern Kammcr der Fall war und
noch ist. Jn Folge dieses WahrspruchS des
badischen VolkeS, daS auch bei dieser Gclegen-
heit, ivie früher schon oft in schweren Lagen
und Zcitcn, mit fast instinctmäßigem Takle das
Wahrc und Nichtigs getroffen hat, ist dgS ent-
schiedcn liberalc Elcmcnt in der zweiten Kam-
mcr ansehnlich verstärkt wordcn; diese Kammer
müßte allcS politischen Sinues entbehren, wenn
sie in ihrer alten fast passiven Haltung ver-
harren und sich selbst nur von unsichtbarcn
Händcn wollte bewegen uud fortschieben lassen,
statt selbst auch zu bewegen und zu schieben.
Bei einer solchen Sachlage und dcn wohlbc-
kannten Vorgängcn in dcn höhern Negierungö-
kreisen selbst, deren wahre Bedentung kcincm
tiefer Blickenden entgehen konnte, war die
Bildung eincr offen und entschieden liberalen,
odcr sogcn. FortschrittSpartei innerhalb der
Kammer zu einer politischen Nothwcndigkeit
geworden, einmal um dem unzweidcutig kund-
gegebenen Vertrauen deS LandeS zn entsprechcn
nnd es nicht noch mehr wankend zu machen,
als dies leider schon früher durch eine mehr
empfangende PassivitLt als durch eine sclbft-
ständige Action der Fall war. Sodann war
eS aber auch nach allen Anzeichen an unsercm
politischen HEnnel geboten, gerade das liberale
Element in 'dcr Ncgicrung, das recht cigentlich
alS der Trägcr dcr Grundsätze von 1860 im
Lande und zwar mit Nccht gilt, zu stntzcn und
zu ermuthigen — gegen Einflüsse, die keines-
wegs ciner offenen Ännahme und Durchführnng
der Grundsätze von 1860 sehr geneigt sich zcig-
ten. Diesen doppclt.cn Zwcck hat sich die ueu-
gebildcte liberale Partei in der Kammcr zur
Aufgabe gcstcllt. Sie ist kcineSwcgS cine Op-
positionSpartei; viclmehr könnte man ste die
wahre NegierungSpartei ucnncn; in wclchcm
Sinne nnd unter welchen Bcdingungcn aber
dieS der Fall ist, davon nächstenS.

Knrlsrufie, 14. Dcc. Mit allcrhöchster
Genchmignng Sr. KLnigl. Hoh. deS Großher-
zogS hat I. Gr. Hoh. die Prinzessiu Elisabelh
von Baden die Freifrau von Göler, Wittwe,
geb. von Scldcnncck, zu ihrcr Begleituug* in
Dienst genommen, und den Hcrrn Scuttcr
von Lötzen, frühdr dieustthuender Kammcrhcrr
bei der höchftseligcn Frau Markgräfin Wilhclm
von Badcn, in gleichcr Funktion in Dieust
behaltcn. (Karlsr. Ztg.)

«5 Aus Baden, 15. Dcc. Das mciste
Jntercsse währcnd der lctzten kurzcn Episode
deS BeisammeuseinS dcr Kammern errcgtc,
ciußer der Bankfrage. unstrcllig die Jutcrpella-
tion wegen dem Nücktritle dcS Hru. v. Noggen-
bach. Ob und in wie fcrnc hiedurch Klarhcit
in die dem lctztcrn Gegcnstand zu Grundc lie-
gende Situation. gcbracht worden ist. wollcn
wir hier nicht näher untersuchcn. Bcsondcrs

bczcichnend waren aber gelegentlich dicser Jn-
tcrpellation wieder die GcfiuuungSäußcrungen
einiger Verk^eler der clericalcn Partei in der
ersten Kammer, welche gegen daS jctzige Mini-
stcrium, Hrn. v. Noggenbach selbst noch mit
inbegriffkn, die ungegründeten Bescbwerden wie-
derhollen. wclche man von ihrcr Scite hcr schon
sattsam vernommen har. KirchcTistaat, Schul-
gcsttz, Zollvcrcin, Anerkcnnung Jtaliens, Be-
amtenwillkür und Bcamtcnmißgrifsc rc. Kurz
alleS hiögliche wurde wieder aufgcbotcn, um
eine Art von SündeNregister widcr das Mini-
sterium aufzustellcn. Dicse Angrisfe zeigen im
Grunde nur, daß dicse Pcirtei nichtö gelcrnt,
und nichtS vergcssen hat, daß die Aubahnung
einer Verständigung mit ihr in daS Reich der
Unmöglichkeit gehört, und nur dazu angethan
ist, Mißtrauen uud Vcrstimmung in den libe-
ralen Kreisen zu erwccken. — Wenn bei der
fraglichen Gclegenheit unter andern eine Be-
schqvcrde darin bestand, daß ein Beamter sich
gcäußert habe, die Ultramontancn hättcn kein
VatcrlandSgefühl, so hätte dem Nedner füglich
geantwortct werden können, daß dieser Grund-
satz auf der Würzburger Versammlung durch
cin der dortigen clericalen Partei angehörigcS
Mitglied felbst auSgcsprochen wurde.

Frankfurt, 15. Dec. Die von depi „Fr.
I." gebrachte.Mittheilung, daß daö „deutsche
Wochcnblatt" mit Neujahr eingehen wcrde, ist
andern Nachrichten zufolgc unbegrüudel.

Müncben, 13. Dec Die Kaiscrin vou
Oesterreich ist diesen Abend hier angekommen.

Hamburg, 14. Dccbr. Nach einem der
„Börsenhalle" auS Valparaiso zugegangenen
Telegramme siud den Ntcutralen einige kleiucre
chilenische Häfcn gcöffnet wordcn, währcnd die
Häfen von Valparaiso, Guayacan und Talca-
huana von den Spaniern noch blokirt wcrden.

Pefth, 14. Dcc. Jn dcr heutigen Ober-
haussitzung wurde das köuigliche N -script ver-
lesen, wornach Baron Sennyey zum ersten,
Graf Johann Giraky zum zwciten Präsidenten
ernannt wurde. Sennyey übcrnahm sofort
dcn Vorsitz. verlaS die Thronrede; hierauf ge-
schah die Wahl der Schriftführer und dcr
WeitrikationScommission. Abends wuroe ein
glanzvoller Fackclzug nach dem Ofencr Schloß
v.craiistaltet, solcher bestand auS 4000 Bürgern
mit Fackcln, 800 mit Fahnen, 6 Musikkapcllen,
400 Sängern.

Prfik, 14. Dcc. Jn der hculiaen ersten
Sitzung dcS UnterhauseS sprach der Altcrspräsi'
dent das Vertrancn aus, daß dcr Landtag mit
Nuhc an seine Arbcit gehen könne, weil er
nicht mit Versprechungen, sondern mit That-
sachcn rechnen könnei Solche Thatsachen seien
die Einbcrufung deS LandtagS nach den 1848er
Gesctzen, sowie die Bcrufung des LandtagS von
Sicbcnbürgen und die Aufsorderung Croatiens
zum Anschlusse an Ungarn. Dcr Nedner for-
dcrte sodann die Versammlung aufi, dem Bei-
spiele der Ahnen zu folgen, die in kritischen
Zeiten den richtigen Answeg zu finden und mit
uuabwcisbaren Thatsachen zu transigircn wuß-
ten. (Beifall.) Frei sei die Bahn zur Grün-
dung deS HeilS für König und Vaterland.
Darauf erklärte dcr Präsidcnt die Session für
erössnet. Nächste Sitzung Samstag.

Z t a l i e n.

Florenz, 14. Dcc. Hr. ChsarcS hat das
Portcfcnille deS Jnnern angcnommcn; dcr bis-
her mit dcr Vcrsehnng diescS Portefeuillcs be-
auftragte Baron Natoli blcibt Minister deS
öffcntlichen Unterrichts.

Neueste Nichrichren.

Neuyork, 6. Dccbr. Die Botschaft deS
Präsidcutcn ist dem Süden frcundlich, tadclt
Eugland und wicdcrholk die Monrocdoktrin.
Der Finanzsecretär berechnet daS JahrcSdcficit
auf 112 Millionen, dcrselbe räth Goldbezah-
lnng dcs BoudscapitalS an. Kcin Depu-
tirtcr des Südcns soll zum Congreß zugelas-
scn werdcn. Gold 47^/g, Wechsclcourö 60^/z,
Bonds 102'/ft, Baumwolle 50.

Neuyork, 6. Decbr. Die Präsidentcn-
botjchaft führt aus, daß dic Vercinigten Staa-
tcn ihre tradilionclle Politik aufrecht haltcn
und dcr Gerechtigkeit und Weiöhcit der frcm-
den Mächte vcrtrauen, daß dicse daS Princip
der Nicht-Jnterveution respcctiren. Der Con-

greß hat jeder Zumuthuüg, die Nationalschnld
zu repudiircn, widerstanden. Am 30. Novbr.
betrug dicselbc 2714 Millionen DollarS. —
Dcr Finanzminister empsiehlt baldmöglichste
Zurückziehung deS PapicrgcldeS mit ZwangS-
courS anS dem Verkehr. Das Deficit soll
durch eine Anleihc gcdcckt werden.

Southampton, 14. Dcc. Die Post aus
Westindien und dem stillen Weltmeer fft ange-
kommen. — Nachrichten aus St. ThomaS zufolge
hat der Gouverneur Eyre von Jamaica jedem
Haiticr nach Jamaica zu kommen vcrbotcn, der
nicht mit cinem Passe des englischen ConsulS
zu Haiti versehcn ist und nicht länger als 10
Tage vor seiner Abreisc von Haiti diesen Paß
erhalten hat. - Die cnglischen Schiffe haben
im Cap Haitien Nepressalicn ausgeübt, indem
sie alle Forts iR dieLüft sprengten. Die Stadt
wurde hieranf von dem Präsidcnten Goffrard
besetzt. Salnave und seine Offizicre fanden
Anfnahme an Bord eines amerikanischen KriegS-
schiffes, „Soto", und wurden von diesem an
einem Pnnktc der Küste von St. Domingo
an's Land gesetzt.

Dublin, 13. Dec. Hcrr O. Donovan ist
zu lebenSlänglicher Zwangsarbeit verurtheilt
worden. Er hat dcn Nichter nnd die Jury
verhöhnt. Die Commission hat sich bis auf
den 5. Januar vertagt. — Die Commission,
wclche damit beauftragl ist, die Gefangenen
von Cork abzuurtheilen, wird morgen an-

Wien, 15. Dec, AbcndS. Dic „Wiener
Abendpost" bemerkt: Die für Polen ertheilte
Amnestie ist für Jene nicht giltig, die fich
durch die Flucht der Untersuchung entzogen
und dadurch in den Gang der Gercchtigkeit
hemmend eingriffen. Solchen bleibt nichts
übrig, als sich einzeln an dic Gnade des Mo-
narchen zu wcnden.

K Von der Wutacb, 10. Dec. Eine
gewisse Klasse von HandelSleuten hat es sich
znr Aufgabc gcmacht, vampyrartig diejenigen,
welche mit ihnen ein Geschäft eingehen, bis anf
dcn letzten BlutSkropfcn auSzusaugen. Dicses
bcwcisen sie bei ihren Güteranfkaufen, bei wel-
chen sick schon oft die schauderhaftesten Vor-
fälle ercignetcn, dcnen dic Blutsauger mit Hohn-
lächcln nachsahcn. Diesem Vampyrwescn zu
steuern ist jetzt die Aufgabe redlich denkender
und begüterter Bürger, und mit nicht geringer
Frcude kann ich Jhnen schreiben., daß diescS
dnrch cinen zu gründenden Verein geschieht. Es
sollen nämlich theilwcise aus eigencn Mitteln,
theilwcise durch Aufnahme von Kapitalien, kür
wclche sämmtlichc Mitglieder garautiren, Vor-
schußkassen gebildct und io den Brdrängtcn
Hilfe geboten 'werden. Ucberhaupt ist die Ver-
einigung vieler Kräfte zur Erstrebung eines
gemeinnützigcn Zweckes eine schr wichtige Zeit-
frage, die übcrall zur Gcltung kommcn sollte.

Äus Baden. Seine Königliche Hoheit
der Großherzog haben gnädigst geruht, den
(evang.) Stadlpfarrer Koch in Mannheim auf
sein untcrthänigstcs Ansuchen unter Anerken-
nung scincr langjährigen treuen Dienste in dcn
Nuhestand zu versetzen; ferner aus der Zahl
der von dcm Herrn Erzbischof der großherzogl.
Staatsregierung vorgeschlagencn drei Bewerber
dcn Pfarrer M. Hugle in Forbach auf die
kath. Pfarrci NingSheim, Dckanats Lahr, zn
dcsignircn; dann auf die HöchstJhrem Patro-
nat untcrliegcnde kath. Pfarrei Boxthal, De-
kanatS Buchen, dcn Vikar Karl Th. Staufert
in Mannheim zu ernenncn. — Jn dem Orle
Wallstadt wollte ein dreijährigcr Knabe auf
dcr dünngcfrornen Pfuhlgrnbe schleifen; cr brach
jedoch cin und mußte, che Hilfe kam, jämmer-
lich in dcr Grube erstickcn.

* Heidelberg, 16. Dcc. Jn Foige deS sei« einigen
Tagci» cingetreicnrn Frosteö ist der Ncckae sckon gcstern
und vorgcsteni mil starkem TicibeiS bcdeckt. welchcS sich
berciiS so bcdcntcnd an den Ufern festgestellt hcit/ daß ber

anhalteiidei Kältc und deS grringen WasferstandeS hcckber

rin vollständigeS Zugehcn zn erwarten steht. Die Schisi-
fahrl ist natürlich unlerbrochen.

vermischte Nachrichten.

Gotka, 13. Dccbr. Dcr Lcibarzt unsereS 5-erzogS,
Dr. Haffciistein, iit von H derSleben znrückgekehrl. wo-
hin er mit zwci Flcisckermcistein gereist war, nm oie
dorlige Trichinen-Epideniie ;u beobachten. un°
hal so eben das Ergebniß dieser Bcobachlungen verosfmt-
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