Heidelberger Zeitung — 1865 (Juli bis Dezember)

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sie mit ihm auf dem Boden desselben SystemS
steht. Es fragt sich nun, ob und welche Con-
sequenzen aus dem angenommenen System im
Znteresse der Wohlfadrt deS LandeS weiter zu
ziehen, und schon auf gegenwärtigcm Landtage
zu verwirklicben sind. Davon nächstens.

Karlsrube, 15. Dec. Der neuen Frak-
tion der FortschrittSpartei, welche sich in un-
serer 2. Kammer gebildet hat, werden dem Ver-
nchmen nach tolgende Abgeordnere angehören:
Eckhard, v. Fcder, Pickford, Gerbel, Jnnker,
Busch, Gerwig, Moll, Kopfer, Seiz, Wundt,
Bcck, Wcber, Heilig, Hebting, Huffschmid, Kay-
ser, Kiefer, Nichtcr, Rodcr, Tritscheller. Die
FortschrittSfraction hat ihr Programm bereitS
aufgestellt. Jn inneren Landesangelegenheiten
wird als Zicl bezeichnet: „Die Fortschritts-
partei erstrebt den Ausbau der Verfasiungsge-
setzgebung nach den Grundsätzen deS freien,.
durch parlamentarische Regierung geleiteten
Rechtsstaate«, sowie die Dnrchführung der
Selbstverwaltung in den hiefür geeigneten
Jnteressenkreisen." Daran schließt sich als
eine unverschiebliche Aufgabe: Die folgerich-
tige Durchführnng der im . Gesetze vom 9.
October 1860 enthaltenen Grundlage zur Aus-
scheidung der kirchlichen Zuständigkeiten vom
StaatSgebiete. insbesondere die unverzögerte
Vollendung dcr gesammten Schulreform, in
Verbindung mit einer im Geiste dieser Reform
bewirkten Ncuordnung der Lehrerbildung und
dic hierfür vorhandenen Anstalten, die Ein-
führung der obligatorischen Civilehe und die
Uebertragung der StandeSbuchführung an vom
Staate bestellte Beamte, endlich die ungesäumte
Regelung einer der vbigen Gesetzesgrundlage
entsprechenden Verwaltung der weltlichen Stif-
tungen. Zugleich wcrden als ohne Verzug zu
erstrebende Gewähren unserer Verfaffungsrechte,
der innern. Freiheit und corporative« Selbst-
ständigkeit bezeichnet: Gesetze über Minister-
verantwortlichkeit, zur Sicherung der Preffe
und der Vcreine und eine Revision der Ge-
meindeordnung. Nach der GeschäftSordnung
will die FortschrittSpartei auch eine entspre-
chcnde Organisation im Volke selbst schaffen.
(M. I.)

Karlsruhe, 16. Dec. Die deulsche Post-
konferenz hat sich über Weihnachten bis zum
8. Januar vcrtagt.

x Triberg, 18. Dec. Die Verhandlun-
gen über die Errichtung ciner erweiterten
Volksschu le, die fürden hiesigen im Ausblühen
begriffenen Ort zu einem unabweislichen Be-
dürfniß geworden ift, wollen gegen Erwarten
zu keinem gedeihlichen Ende kommen. Nach-
dem die Gemeinde bezüglich des Kostenaufwan-'
des das Mögliche zugcsichert, sollte kürzlich der
große Ausschuß übcr die Betheiligung an den
Kosten von Seiten derjenigen Einwohner, wclche
die angestrcbte Einrichtung benutzen wollen,
beschließen, die Versammlung konnte aber zu
keincm endgiltigen Beschlusse kommen, da. sich
engherzige BedenklicHkeiten in derNichtung gel-
tend zu mgchen wußten, als würden die Jn-
teressen dcr ärmercn Klasse durch ein gleich-
maßiges Schulgeld verletzt. Es ift zu hoffen,
daß der gesundc Sinn der hiesigen Einwohner
bei der auf den 21. d, M. wiederholt anbe-
raumten Versammlung des großen Ausschusses
über jene kleinlichen Bedenken siegen werde.
— Die Vorarbeiten an unserer Eisenbahn
schreiten bei dem günstigen Wetter. rüstig voran;
nachdem eine bei der Geländeaufnahme von
Oberbaurath Gerwig angewandte ncue Methode
die Vermessungsarbeiten außerordentlich geför-
dert hat, sehen wir bereitS streckenwei'e die
Profile den Bahnkörper bezeichnen, die Gclände-
vermessung und Massenberechnung folgt dieser
Arbeil auf dem Fuße, so daß dem Landtage
bis zum Frühjahrc mit der Kostenanforderung
für denBeginn dcsBaues möglicherweise schon
ganz genaue Ucbcrschläge vorgelcgt werden
können. Daß den Verdiensten eines ManncS,
wie Oberbaurath Gerwig, um die Jntercssen
des Landes und inSbesondere des Schwarzwal-
des, von einem Theil des letztern und anderer
Seite her mit plumpen Verdächtigungen seiner
Handlungsweise bei Begutachtung der verschie-
denen Eisenbahuentwürfe übcr den Schwarz-
wald entgegengetreten wird, hat hier allgemeine
Jndignation hervorgcrufen, da man 'weiß, wie
fernc sich der Angegriffene unberechtigtcn Ein-
wirkungen zu halten bestrebt war.

München, 17. Dec. Der König hat den
Oberstallmeiftcr Frhrn. ^0. Lerchenfcld, ohne
dessen Ansuchen, pensionirt. Der badische Mi-
ninister deS AuSwärtigcn, Frhr. v. Eoelsheim,
ist hier eingctroffen uno conferirl mit dem
Frhrn. v. d. Pfordten.

Bonn, 16. Dec. DaS Urtheil gegen den
Grafen Eulenburg isl nach der „Bonncr Ztg."
nunmehr wirtlich erfolgt. Da, wie in dcn
Molivcn hervorgehobcn ist. die Zeugenaussagen
und die ganze Untersuchung durchauS nichl den
BeweiS haben liefern können, daß Graf v.
Eulenburg wir7lich den unglücklichen Schlag
geführt habe, und andere Möglichkeiten nicht
ausschließen, ist Graf v. Eulenburg zu einer
FestungSstrafe von 4^/z Monat, wclche einer
dreimonatlichcn Gefängnißstrafe gesetzlich gleich-
steht, verurtheilt worden.

Berlin, 17. Dcc. Hofrath v. Hoffmann,
der Civiladlatus des Hrn. v. Gablenz, ist auf
seiner Durchreise nach Wien hier eingetroffen.

Pefth, 17. Dec. Heute Nachmiltag war
corporalive Aufwartung beider LandtagShäuser
beim Kaiser, Dieser erwiderle auf die An-
sprache des Alterspräsidenten deS^l^nterhauses:
„Groß und schwieriz ist hie Jhrer wartende
Aufgabe. Wenn jedoch Jhre Thätigkxit von
gegenseitigcm Vertrauen und von Grundsätzen
der Billigkeit geleitet sein, wenn Jhre mit
Mäßigung gepaarte Weisheit meinen väterlichen
Absichten entjprechen wird, so wird dieser Land-
tag im Leben der Nationen einc dcnkwürdige
Epoche neubegründeler Znfriedenheit bilden,
denn die Geschichte bezeugl, daß keine Auf-
gabe sv schwierig ist, daß zu deren Lösung die
mit ihrem Könige vcrbündete ungarische Nation
nicht befähigt wäre." Der Kaijcr hofft, dem-
nächst mit der Kaiserin Zeuge zu sein, wie
der Landtag des KaiserS Bestrebungen für daS
Wohl dcs Landcs unterstütze. Auf dic An-
sprache deS Oberhausführers, Cardinals Szi-
towski, erwiderte der Kaiser: „Jch bin über-
zeugl von der Aufrichtigkeit der mir ausge-
drückten Gefühle, und hoffe, daß Sie den tra-
dilioncllen Bcruf Jhrer Vorfahren, welche
stets fcste Slützen dcs Thrones waren, in die-
sem ernsten Augenblicke um so mchr erfüllen
werden, als Sie badurch auch unsern gcmein-
samen Wunsch der hcilsamen Lösung der schwe-
benden staatsrechtlichen Fragen verwirklichen
können. Dukch aufrichtige Verbindung, mit
festcm Willen und Golt vertrauend, werden
wir dieses Ziel erreichen.

B e l g i e n.

Brüfsel, 17. Dec. Heute Vormittag um
11 Uhr hielt der König Leopold II. seinen
Einzug in die Hauptstadt. Am Stadtthor
wurde der König durch den Bürgermeister em-
pfaugen. Der Durchzug durch die Stadt
fand un^er ungeheurem Zudrang der Bcvöl-
kerung statt; überall Festschmuck und Begeiste-
rung. Am Mittag legte der König vor den
vereinigten Kammern den Eid auf die Verfas-
sung ab. Jn der mit großen Jubel aufge-
nommenen Rede deS KönigS heißt es: „Bel-
gien verlor, wie ich, den Vater. Mcine erste
Verpflichtung ift es, gel?eulich seinen Lehren
zu folgen und niemals zu vergessen, welche
Pflichten sein kostbareS Vermächlniß mir auf-
erlegt. Jch verspreche Belgien einen König,
der Belgier mit Leib und Leben ist, dessen
ganzes Leben Belgien gehört. Wie mein Va-
ler, so liebe auch ich die Jnstitutionen, welche
Ordnung und Kreiheit sichern, als die solideste
Basis deS Thrones. Belgien wird seinb Un-
abhängigkcil zu bewahren wiffen. Mein Vater
sagte bei seincr Thronbestcigung: Mein Herz
kennt nur dcn Ehrgeiz, Euch glücklich zu sehcn!
Jch wiederhole diese Worte." — Der Feier-
lichkeit wohnten die anwesenden fremden Für-
sien und Gesandten, die Bischöfe und di^
Spitzen der Behörden bei. Nachmittags 2 Uhr^
desilirt/ die Bürgevgarde vor dem Schloß, auf
desscn Balkon sich die königliche Familie und
die fremden Fürsten befanden.

Vrüfsel, 17. Decbr. Gestern AbenL fand
eine geheime Sitzung der Deputiktenkammer
statt, in welcher der Adreßentwurf einstimmig
angenommen wurde. Ueber die Frage, wer
bei dem Act der Eidesablegung des neuen
Königs den Vorsitz zu führen habc, fand eine
sehr lebhaste DiScussion statt, infolge deren be-
schloffen wurde, daß der SenatSpräsident, je-

dock ohne Präjudiz für die Zuknnft, das Prä-
sidinm zu übernehmen habe. Alle von ver-
schiedcnen Journalen angeführten Einzelheiten
über das Testament des verstorbenen KönigS
sind falsch.

Neueste ?^.ichrici)ten.

Haag, 17. Dec. Die zweite Kammer hat
gestern das Grundstenergesetz für Limburg mit
54 gegen 18 Stimmen angenommen.

Bukarest, 17. Dec. Der Fürst Knsa er-
öffnete heute in Person die Kammer. Die
Eröffnungsrede recapitulirt die Ereignisse deS
verflossenen Iahres und constatirt dic Ruhe
im Jnnern und die guten Beziehungen Ru-
menienS zur Pforte.

Berlin, 18. Dec., Abends. Der „Kreuz-
zcitung" zufolge lehnte Preußen den von Oester-
reich unterm 9. Decbr. mitgetheilten Entwurf
einer nochmaligen direkten Ermahnung an den
Frankfurter Senat als dem AnfangS von
Oesterreich eingenommenen Standpunkte nicht
entsprechend, ab. Diese Ablehnung wäre frühe-
stens am 14. oder 15. Dec. erfolgt.

Kiel, 18. Dec. Nicht eine Nachtragskon-
vention zu dem Gasteiner Vertrage, sondern
lediglich ein administratives Regleinent ist zwi-
schen dcn beiden Gouverneuren zur Regelung
rer Bcsatzungsverhallnissc in den Herzogthümern
verabredet worden.

Schwurgerichtsverhandlungen.

Mannheim, 13. Dec. Jn der heutigrn Sitzung
kar^^^ Slnkla^ ^gcg^ ^arl^ D^arnn .^l^rn^^r

heit^dahin aus, daß dic Verletzungen unmöglich
bloß die Folgm eines Falles hättcn sein können,
sondern daß dieselben durch wiederholte und schwere
Mißhandlungen von der Hand eines Dritten ver-
ursacht «ordm sein mußten. Der Angeklagte wurde
drßhalb der fahrläsftgen, durch vorsätzliche Körper-
verletzung im Affect verursackten Tödtung der Ca-
roline Daz beschuldigt. Er sowohl alS sein Ver-
theidiger, Hr. Anwalt Gngelhorn, bestritten fede
Mißhandlung der Caroline Daz und schrieben viel-
mehr deren Tod einem unglücklichen Fall in ihrer
Trunkenheit zu. Die Geschwornen bejahten die
Schiildfragc im Sinn dcr Anklage, nahmen aber
an, daß der Angeklagte den eingekretenen Tod der
Caroline Daz nur als sehr nnwahrscheinkicheFolge
se^iier^an^ng ^habe vora^ssehcii^ können^ und daß

* Mufikalischeö.

Heidelberg, 19. Dec. Dem Publikum von Hei-
delderg^iin^d der Uingegend bietet das Concert des

unter Mitwirkung seiner Geinahlin, eiiicr ausge-
zeickneten Pianistin, im Saale des Museums statt-
z findet, nicht allein einen hohen Kunstgenuß dar, um
' die außerordentlichen Leistungen dieses Virtuoscn zu
bewundern, sondern ebenfalls den Mann kennen
i zu lernen, der es sich so angelegentlich zu Heizen
nimmt, einen großen Theil des Erlrages seiner
Concerte zu verwenden, eine arme bedrängte Fa-
milie in ihrer drückenden Noth zu unterstützen. Dem-

durch^Gefühl für Mensch^enwohl beseelt ist, sein
Concert durch cinen zahlreichen Besuch zu beehren.
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