Der Kunstwart: Rundschau über alle Gebiete des Schönen ; Monatshefte für Kunst, Literatur und Leben — 11,2.1898

Page: 1
DOI issue: DOI article: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/kunstwart11_2/0011
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
u. Aabrg.r Lrsles Aprilbett löSS. Dett 13.

Tolstoj und die Ikunst.

Tolstojs Schrift „Was ist Kunst?", von der in den Zeitungen
schon eine Anzahl von Stichworten zu lesen waren, ist nun, bei Hugo
Steinitz in Berlin, auch in dcutscher Uebersetzung erschienen.

Zunächst ist darin die Rede von den Opfern an Müh und Arbeit,
welche die Kunst in Anspruch nimmt, ein Thema, das Tolstoj mit der
Schilderung einer Opernprobe anschaulich macht. Wie bei solch einer,
meint er, so geh' es bei allen übrigen Kunstarbeiten zu: das Volk, das
jene ästhetischen Genüsse nie ausnutzt, werde zu einem großen Teile
in ihren Dienst gezwungen oder aber dazu, den Künstlern, die derlei
gerne machten, ein gutes Leben zu bezahlen. Müsse man da nicht
fragen, „ob die Kunst denn in Wahrheit solch schönes und wichtiges
Ding sei, daß sie zu solcher Gewaltthat berechtigt?"' Also: was ist Kunst?

Tolstoj bespricht nun der Reihe nach die bekanntesten Versuche der
Aesthetiker, den Begriff „Kunst" zu bestimmen, und er weist sie samt und
sonders als ungenügend ab. Ganz das entsprechende ist im Kunstwart auch
schon geschehn, von Carstanjen und anderen, und so brauchen wir auf
diesem Wege nicht vor all den Lehr-Gebäuden stehen zu bleiben; die
modernc psychologische Kritik zumal in Deutschland hat die Schwäche
ihrer Blauern und Fundamente schon längst erkannt und hat sie noch
deutlicher als Tolstoj aufgezeigt. Von der Kunst zur Schönheit: Tolstoj
wendet seine Kritik nunmehr zu dem Begriffe der Schönheit, den er
aber, wie seiner Zeit im Kunstwart Erdmann, mit dem er sich hierbei
mannichfach berührt, als unbrauchbar zur Bestimmung des Kunstbegriffes
abweist. „Hiermit ist die Theorie der Kunst, welche auf Schönheit be-
gründet, in den Aesthetiken dargelegt ist und vom Publikum unklar
aufgenommen wurde, nichts anderes, als die Anerkennung dessen, was
uns, d. h. einem gewissen Kreise von Menschen gefiel und gefällt."
Aber: „die Menschen haben erst dann begriffen, daß der Sinn des Essens
die Ernährung des Körpers ist, als sie aufhörten, den Genuß für den
Zweck dieser Thätigkeit zu halten. Dasselbe ist auch mit der Kunst der
loading ...