Der Kunstwart: Rundschau über alle Gebiete des Schönen ; Monatshefte für Kunst, Literatur und Leben — 11,2.1898

Page: 346
DOI issue: DOI article: DOI article: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/kunstwart11_2/0356
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
Strichen Rot oder Blau oder Gelb ausgeputzt, zwingt uns an einen Papager
zu denkcn; diesc oder jene Fedcrnordnung auf einem Hut kann an Schmetter-
linge oder Käfer mit langen Fühlern, an Ohreulen oder gar an ein gerupftcs
Huhn erinnern, je nachdem Kopf und Gesicht und sonstiges Figürliche darunter
gestaltet ist; wir begegnen Klatschrosen, Feuerlilien, Lilatulpen, auch blau-
schwarzen Wetterwolken und ganzen Wolkenbrüchen, gefährlich einhersegelnden
Fregatten, Morgenröte und Abendröte geht auf und unter, ein Ständer mit
aufgehängter Wäsche, ein langsam kugelndcs Weinfaß, cin wandelndes Aus-
rufungszeichen und was sonst noch alles kann uns am hellen Tage cntgegen
kommen — aber auch ein ganzer Frühlingstng von Duft und Glanz und Sonne,
cin ernster Leidenstag voll Erinnerungswehmut, ein Jubellied aus der Jugend-
zeit. Denn nicht nur cinzelne Vorstellungen und ihre Gefühlstöne assoziicrcn
sich dem gegebenen Sinncscindruck, sondcrn auch ganze Vorstellungsreihen mit
raschaufleuchtendem vollem Stimmungsgehalt — der ganze Vorstellungs- und
Gefühlsinhalt unseres Bewußtseins, dcr im bisherigcn Leben sich angesammclt
hat, stellt eine unbegrenzte Menge von Assoziationsmöglichkciten in den ver-
schiedcnsten Verbindungen zur Vcrfügung — und mit den mannigfaltigsten
Schattierungen und Uebergängen der Lust und Unlust. Und der Zufall, wie
cr uns etwas gerade in eincm bcstimmten Augenblick ins Auge, in eine Be-
leuchtung und Perspektivc rückt, kann die tollsten und boshaftesten Koboldstreiche
dcr Phantasic auslösen. Wenn diejenigen, welche gewohnt sind, jedem Gcbot
der Kleidermode ohne Besinnen zu gehorchen, wüßten und bedächten, welchem
unbeschreiblichen Fasching der Assoziationen sie ihr wertes Aeußeres bei jedem
einigermaßen phantasiebegabten Bcschauer aussetzen, und mit welchem heim-
tückischen Zwang des Neben- und Nacheinanders und Jneinanders die einmal
regen Assoziationen wirken — sie würden sich drei- oder zehnmal besinnen,
ehe sie so vor's Auge ihrer Mitmenschen träten, und zwar Männer wie Fraucn
und umgckehrt. Larl Meitbrecht.

(Schluß folgt.)

E

Lose Wlätter.

Liusainkeit.

Auf der herbstlichen Flur
Thut sich das lserz mir auf,

In seliger Iveite,
wo frei der bsinnnel
Ueber frisch geackertom Feld
Mächtigcn Bogens sich schwingt,
lVolkenbegangcn.

Rauscht von fern der Strom,

Dringt aus schweigenden Lüften
Tranrig einsam des Raben Ruf,
ksör' ich die Stille erst ganz,
lsör' ich dein Atmen, o bserr,
ksinter der Stille gehn,
llnd die dürstende Seele wird voll
Deines Ahnens, Lwiger!


Leopold lveber.
loading ...