Der Kunstwart: Rundschau über alle Gebiete des Schönen ; Monatshefte für Kunst, Literatur und Leben — 11,2.1898

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natürlich und verzeihlich, und wo sie unsittlich iverden, ist schon deshalb un-
möglich, weil diese Grenzlinien für jedes Jndividuum andere sind. Man denke
z. B. an solche Phänomene wie die Feigheit. Es ist ja durchaus begreiflich,
datz diese Schwäche ir> schlechthin als verdächtig gilt. Man übersieht

dabei nur, dah instinktive Aengstlichkeit und ein scheues Wittern und Vermeiden
der Gefahren für schwächliche und kampsunfähigc Jndividuen, zumal in un-
günstiger Umgebung, geradezu Lebensbedingung und ein unentbehrliches Rüst-
zeug für dcn Kampf ums Dasein sein kann. Analog steht es aber mit vielen
Regungen dcr Selbstbehauptung. Und es entspricht nur der Gerechtigkeit, jene
psychischen Phänomene, die wir gemeinhin vcrächtlich als „Einbildung", „Selbst-
täuschung" oder „Selbstbetrug" bezeichnen, auch einmal unter einem biologischen
Gesichtspunkt zu betrachten und sie als Schutzideen und Schutzgefühle zu
charakterisieren. Karl V. Lrdmann.

Lose Wlätter.

Friedkich Nietzsches Gedichte.

Nur im Angesichte der Poesie, sagt Nietzsche cinmal, schreibe man gute
Prosa. „Denn diese ist ein ununterbrochener artiger Krieg mit der Poesie: alle
ihre Reize bestehen darin. datz beständig der Poesie ausgcwichen und wider-
sprochen wird: jedes Abstraktum will als Schalkheit gegen diese und wie mit
spöttischer Stimme vorgetragcn scin; jcde Trockenheit und Kühle soll die lieb-
liche Göttin in eine liebliche Verzweiflung bringen; oft gibt es Annäherungen,
Versöhnungcn des Augenblicks und dann ein plötzliches Zurückspringen und
Auslachen; oft wird der Vorhang aufgezogcn und grelles Licht hereingelassen,
während gerade die Göttin ihre Dümmerungen und duinpfen Farben genieht;
oft wird ihr das Wort aus dem Munde genommen und nach einer Melodie
abgesungen, bei der sie die feinen Hände vor die feinen Oehrchen hält — und
so gibt es tausend Vergnügungen des Kricges, die Niederlagen mit gezählt
von denen die Unpoetischen, die sogenannten Prosa-Menschen, gar nichts wissen:
— diese schreiben und sprechen dann auch nur schlechte Prosa."

Nietzsches Schwestcr Elisabeth druckt diese Zeilen im Vorwort zu dcn
„Gedichten und Sprüchen von Friedrich Nietzsche" ab, zu diesem nun bei
C. G. Naumann in Leipzig erschienenen Bande, in den sie aus seinen gedrucktcn
Werken sowohl, wie aus verstreuten oder heimlich von ihr aufgehobonen Blüt-
tern die Verse gesammelt hat. Jch glaube, sie sagen nicht nur sehr viel, diese
Zeilen, über Friedrich Nietzsches Vcrhältnis zur Poesie, sondern sie zeigen cs
zugleich. Weitz ich doch überhaupt nicht, ob man gerade aus Nietzsches eigent-
lichen Versen die besten Beweise seiner Dichterbegabung entnehmen kann.
End sind ja Stellen in seinen Prosawerken, wo jedes Wort horrlich erscheint
„wie am ersten Tag", neugeschaffen, neubeseelt, gesüttigt mit Gefühlsgehalt und
dabei lauter sich haltend in der Anschauung, wie Gold im Feuer. Und zu-
weilen ist bekanntlich auch die Komposition in Nietzsches Werken rcin künst-
lerisch, rein dichterisch.

Jedenfalls aber ist der vorliegende Band in hohem Matzc kennenswort
sür alle, die diesem wunderbaren Geiste je gelauscht haben. Frau Förster-
Nietzsche hat im Hinblick auf die Bedcutung sciner Persönlichkeit Gcdichte schon
aus den Ergüssen seiner frühen Jugend aufgenommen und bietet so mit dieser
Sammlung als Ganzem eine ergreifende Spiegelung der Entwicklung, wenn
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