Der Kunstwart: Rundschau über alle Gebiete des Schönen ; Monatshefte für Kunst, Literatur und Leben — 11,2.1898

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Glätte geben, denn Mein heiliger Finger verschmäht die gomeinc Arbeit des Zünf-
tigen." — Da thränten vor Glück der Bonzen Angesichter, und ihre Kniee
rutschtcn roonneberauscht zu den Füßen des crhabencn Greises, ihm die Zehen
zu küssen. Und der begnadetste der Priestcr durfte den Thonklumpen nehmen
und der Puppe Augen bilden, die des Dalai-Lama Hand anzudeuten geruht
durch eincn Druck ihres Daumennagels. Der zweite sctzte dem Werke geräu-
mige Ohren an, der dritte eine Nasenandeutung, denn des Dalai-Lama Riech-
organ war ein winzig Kalmückennäschen, also wäre es Lästerung gewesen, das
Kunstwerk reichlicher zu bcglücken. Der vierte Bonze jedoch, der formte die
Hände, der fünfte die Füße; ein sechster gab dem Rücken und dem Bauche
Muskeln. Nachdem also die Figur ganz fertig und menschenähnlich geworden,
schmunzelte der Erhabene und nickte gnädig: „Ja. S o hab Jch's gedacht. Ge-
rade s o." Und Er ließ sich herab, zu lächeln, indem Er sprach: „Jhr könnt
doch verhältnismäßig ganz nett nachempfinden! Jch bin wirklich leidlich zu-
frieden, nein, Jch bin recht zufrieden! Jhr dürft Mir den Thon von den
Fingern küssen I So! Und nun das Kunstwerk erschaffen ist, so stellt es aus!"

Und es watschclte kichernd der erheiterte hehre Grcis in seine inneren
Gemächer.

Jm heiligen Vorhofe aber drängte sich die Menge. Ein Bildhauer hatte
die Statuctte von der Hand des Unsterblichen in einem Riesenmarmorblock,
hundertfach vergrößert, aber getreulich nachgebildet. Da lagen denn die
Frommen umher, von inbrünstiger Bewunderung auf die Knie gezwungen..
„Das ist es, das ist es I" so raunte man. — „Wirklich vom Göttlichen
selbst gegeben?" — „Freilich, du Kleingläubiger! »Macht mal das Kunst-
werk, das Jch schaffe«, hat Er sclbst geboten. Mein Freund, der geheime
Prisenbewahre-Rat, hat mir's wörtlich erzählt!" Und beschämt kroch der nase-
weise Trottel gleich den Glaubensfrischeren auf dem Bauche zum Fuße der
Bildsäule.

Auf deren Untersatz aber stand geschrieben: „So hat Buddha den Men-
schen gedacht!" Und die Menge schämte sich, datz sie selbst so ganz anders aus-
gefallen, als Buddha sich den Menschen gedacht. Wic war sic abgcwichen vom
göttlichen Vorbilde! —

Es war aber ein Fremdling aus fcrnen Landen unter den Anbetenden..
Der fragte den Bildhauer: „Sage, o Künstler, weshalb hat Buddha dem Men-
schen einen so dünnen Hals und so kurze Beine gegeben, weshalb hängt ihm
der Kürbiskopf so trübselig auf die glatte Brust? Warum trägt er die Waden-
muskeln vor den Schienbeinen?"

Lange blickte der Bildhaucr den Fremden prüfend an, indem er liebc-
voll die lange Kette von Ablaßamuletten, den Lohn seiner Mühe, streichelte.
Endlich sagtc er bedcutsam: „ER will's, Fremdling! Hätte ich das Bild-
werk alle in gemacht, so wäre es anders gew . .. ." Weiter kam er nicht.
Denn die fromme Menge hatte die Lästerung vernommen und den eitlcn
Künstlcr gesteinigt.

Jn Tibet abcr begannen die Leute mit Wonne die Kürbisköpfc hängen
zu lassen, so sie dcrcn hatten, und stolz zu werden, falls verschroben waren
die Organe ihrer Fortbewegung. Glichen sie doch alsdann dem Kunstwerke
dcs Dalai-Lama mehr, und Sein 5kunstwcrk, war es nicht höher als alle
Natur, und Sein Gcist war er nicht hüher als der andcrn alltägliche Vernunft?

B o r e a s.

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