Der Kunstwart: Rundschau über alle Gebiete des Schönen ; Monatshefte für Kunst, Literatur und Leben — 11,2.1898

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wicklungen finden sich doch rneist, und so stellt sich auch in diescr Hin-
sicht bald wicder alles ins Gleiche.

Jm allgemeinen ist es als sicher hinzustellen, datz es nicht die
grotzen Toten sind, die dem wahren und tüchtigen lebenden Künstler den
Weg erschweren, sondern die kleinen unter den Zeitgenossen, die Fälscher
und Stümper. Wo allzusehr gegen die Bedeutung der alten Grotzen
angekämpft wird, da kann man meistens ein Bewutztsein eigener Schwäche
voraussetzen — auch für viele Erschcinungen unserer neuesten Entwick-
lung trifst dieser Erfahrungssatz wieder zu. Und es können Fälle ein-
treten, wo nicht die Lebenden, wo nur die Toten Recht haben, wenn
sich einmal cine Zeit aller Natur und Wahrheit entfremdet hat. Um-
gekehrt hat das lebcnde Genie gcgen alle Toten recht. Aber gerade
diescs wird den Kampf der Lebenden gegen die Toten nie führen, ich
erinnere an Goethe, der Shakespere über Jahrhunderte hinweg die Hand
reicht und selbst für den geringsten seiner Brüder, wie den Vater Glcim,
ein freundliches Lächeln hat, odcr an Wagner und sein Verhältnis zu
Beethooen und Bach.

Nus der SLbwäbrscbeu Diebtersebule.

Jm vorigen Jahre ist dcr letzte Ueberlebcnde deS schwäbischen Dichter-
kreises, Johann Georg Fischcr, geschieden, und damit auch äußerlich eine Rich-
tung in der dcutschcn Lyrik zum Abschluß gclangt, die für den historischen
Betrachter zu den wichtigeren Erscheinungen dcr lprisch - cpischen Poesie des
ty. Jahrhunderts gehört. Das alte Schlagwort, daß in Schwabens Dichter-
schule fern ein Meister seincn Schülern stehe, wird heute wohl niemand wieder-
holen mögcn; ist man doch eher geneigt, Mörike über Uhland zu stellen und
Kerner die tiefer poetische Begabung einzurüumen. Allein in dem dichterischen
Freundeskreise, dem ebenso die Hegclianer Vischer und Strauß wie der kirchlich
gesinnte Gustav Schwab und der soldatisch denkende Graf Alexander von
Würtemberg angchörten, warcn jcdcnfalls alle cinig, Uhland die übcrragende
Mcisterschast zuzugestehcn. Nicht um ein klcinlichcS Abwägen kann es sich
handeln, sondern um cin schärferes Erkennen der einzelnen künstlcrifchcn und
menschlichen Eigenart durch Vergleichen der in Leben und Kunst engoerbun-
denen Freunde. Schon t85S bedauerte Müller von Königswinter, daß cr nicht
in frühcren Zeiten daS Schwabenland durchstrichcn, um einen Blick in das da-
malige Dichterlebcn und Weben zu thun, er beschwört Justinus Kerner, doch
seine Memoiren aufzuschreiben, denn „es würe Jammer und Schade, wenn die
Zeit, da Sie mit UHIand, Schwab und Karl Mayer zusammen in das Leben
traten, nicht einen Jntcrpreten aus dem eignen Kreise fände." Kerner, der von
seinen eigncn Kinderjahren im „Bilderbuch aus meiner Knabenzeit" so hübsch
zu erzählen wußte, hattc schon in scin erstes Buch, die satirischen .Reise-
schatten" (i8n) manches aus den gemeinsamen Tübinger Studcntenjahrcn für
Eingeweihte hineingchsimnißt. Zu der von Wolfgang Müllcr gewünschten
Darstellung kam er abcr nicht mehr und 5karl MayerS Erinnerungen an
Uhland im Kreije seincr Freunde und Zeitgenossen botcn dei der Formlosigkcit
des Buches keinen genügenden Ersatz. Karl Mayer, der in Heines Angriffcn
auf die schwübische Schule ja mit besonderem Spotte beehrt wurde, war in
der That nur cin bescheidener Gefolgsmann seiner Fceunde, wnhrend Justinus
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