Der Kunstwart: Rundschau über alle Gebiete des Schönen ; Monatshefte für Kunst, Literatur und Leben — 11,2.1898

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nicht von emer andern Seite in allcr Stille herankommt, aus den
so wenig beachteten, sreundlichen Niederungen des Singspiels. Man mutz
sich nur davor hüten, dieses „Kunstwerk der Zukunft" jetzt schon dort
sehen zu wollen. Seine Saat keimt erst, und wir thäten sehr un-
recht, wollten wir seinen Wert nach den Ernten der früheren Jahren
in jenen Fcldern einschätzen. Richard Batka.

Dte neueee deurscve Lyrik.

(Schluß.)

Wie Hebbel ist auch Theodor Storm Schleswig-Holsteiner, ihre
Heimatorte liegen nur vier oder fünf Meilen auseinander, aber die beiden
Männer sind wesentlich verschieden. Auf dcr zimbrischcn Halbinsel hat ja das
Landschaftliche eine große Bedeutung, fast jede Landschnft bewohnt ein andrer
Volksstamm, und so könnte man jene Verschiedenheit schon aus dem nieder-
sächsischcn Dithmarschertum Hebbels, das eine starke Leidenschaftlichkeit auf-
weist, unü dem Friesen- oder doch Halbfriesentum StormS erklüren. Nötig
sreilich wäre solch ein Versuch nicht gerade, denn cin Volksstamm bringt wohl
mehr als einen, meistens zwei sich crgünzende Typen hervor. Storm ist ge-
wiß auch ein Mann, ein echter Norddeutschcr, viel herbcr z. B. als Mörike,
aber doch gchört cr zu den wcichen Naturen des Nordens, zu dcnen, die sich
mit unglaublicher Jnnigkeit an den Heimatboden klammern, dercn Frohsinn
sehr gedämpft, dcren Grundstimmung fast von vornhercin die Nesignation ist.
Obschon er eine durchaus lyrische Natur war, ist seine Lyrik verhältniSmäßig
sparsam, man könnte meincn, weil er vvn ihr zu viel an seine Noocllistik ab-
zugebcn hattc, die ja selbst in seiner letztcn realistischen Periodc noch Stim-
mungsnovellistik bleibt. Mit dem „Liederbuch dreier Freunde" (;8^z), zu dem
außer ihm noch dic Brüder Theodvr und Tycho Mommsen steuerten, hat Storm
die lyrischs Laufbahn betrcten, nnter deni Einflnß Eichendorffs und Heines,
wie auch scine Bewunderer zugeben. Selbständiger sind die Gedichte aus den
.Sommergeschichtcn und Liedern" (^85>), völlig selbständig aber nicht. Eine
(damals) vollständigc Sammlung der Gcdichte findet sich in dem ersten Bande
dcr gesammclten Schriften, ;8L8 zusammengestcllt. Jhr sind weiterhin noch
cinzelnc lyrischc Gaben, kleine Sträuße sozusagcn, gesolgt, im siebcnten Band
(^8?t), im achten Band (;872) die von Scheffcl angeregten .Neucn Fiedellieder'.
endlich die letzte Lcsc im sicbzehnten Bandc. Eine vollständige Sammlung hat
der achte Band der neuen AuSgabe der »Sämtlichen Werke" georacht. An der
Anerkennung kompetenter Beurteiler hat es Storm nie gefehlt; so hat Klaus
Groth, an dcn Storm eins seiner beiden plattdeutschcn Gedichte gerichtet hat,
gesagt: „Unter den Gedichtcn Storms sind manche, die Goethe mit Stolz würde
die seinen genannt habcn", und Wilhelm Jensen, der mannigfach von Storm
beeinslußt wordcn ist, hat erklärt: .Storms Gedichte bildcn keinen Nachklang
und haben keinen Anklang an irgend etwas Vorhergcgangnes. Sie sind nur
ihm eigen und so eigenartig wie die Goethes und Heines", — eine Behauptung
allerdings, die ich persönlich in ihrer ganzcn Tragwcite doch nicht sür richtig
haltcn kann- Von dcn Kritikern, die Storms Gedichte unmittelüar an die
Goctheschcn herangerückt und sie zum Tcil über die Mörikes (von Hebbel ganz
zu schweigcn) gestellt haben, nennc ich Alfred Biese, in dessen Buch „Lyrische
Dichtung und neue deutsche Lyriker" Storm den brcitesten Naum einnimmt,
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