Der Kunstwart: Rundschau über alle Gebiete des Schönen ; Monatshefte für Kunst, Literatur und Leben — 11,2.1898

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Äen Kunstrverke erschlietzen können. Nur ein Meister des Stils und des sprach-
'lichen Ausdrucks wie Burckhardt konnte solch ein Buch schaffen, dem trotz seines
rein ästhetischen Jnhalts alles Phrasenhafte und Schwülstige ganz fern ge-
Llieben ist. Das Buch ist ein Kunstwcrk, dem nichts von der Mühe der unend-
lichen Vorstudien anklebt, cs ist ein herrlichcs Zeugnis des Mannes, der, selbst
eine edele und friedliche Natur, sich sein Leben lang immer hingezogen fühlte
nicht zu den Männern unruheooll promethischen Ningens, sondern zu denen,
die machtvoll schöpferisch auf den Höhen der Menschheit wandelten, wie es
Rubens gethan hat. Paul Schumann.

Lose Wlätter.

Zulius Grosse

ffeiert am 25. April seinen siebzigsten Geburtstag. Keine Verehrer von Jubli-
läumssport, wie wir nun einmal sind, möchten wir doch in diesem Gedenktag
eine schöne Gelegenheit sehen, um die Freunde der deutschen Dichtung unser-
seits zu bitten, das stillc Schaffen Julius Grosses oin wenig mehr zu beachten,
nls bisher. Deshalb haben wir, zur Vorbereitung, schon vor einigen Wochen ein
Gedicht von ihm abgedruckt, »Sehnsucht, auf den Knieen. . .^, — es dürfte
manchem, der von dem Gänsegeschrei hinter unscrn drei oder vier Tagesgrößen
cher ermüdet worden, an diejenigen noch lebenden älteren Hcrren erinnert haben,
die doch auch noch Poeten sind, sozusagen. Don heutzutage so heißhungrig er-
strebten „großen Erfolg", diesen Luftballon-Erfolg, der mit einem Mal unter
die Uebermenschen erhebt, wenn nur genügend aufgeblasen ist, ihn haben ja
freilich diese älteren Dichler überhaupt nicht errungen — langsam mit Stein
-auf Stein haben sie ihren bescheidenen Ruhm ermauern müssen. Der liegt
nun irgendwo weltabseits: für eine nur kleine Gcmeinde, die sich seiner freut,
-ein liebes Haus, weitaus dcn mcisten aber ganz unbekannt, die dem Luftballon
droben staunenden Auges nachschauen. Abcr vielleicht ein weuig dauerhafter,
als dieser.

Die allgemeinen Schwächen der Münchner Dichterschule auch bei Julius
Grosse aufzuspüren, ist allerdings gar nicht schwer. Tritt man jedoch, wie das
die Gerechtigkeit ja verlangt, zunächst cinmal gleichsam in die Umfriedigung
dieses Münchner Gartens ein, rechnet man mit den geschichtlichen und üstheti-
schen Voraussetzungen, unter denen seine Angehörigen darin lebten, so bemerkt
man in Grosse sehr bald eine in manchner Hinsicht immerhin merkwürdige
Persönlichkeit. Verfügtc er doch vielleicht von all diesen Münchnern über die
stärkste Phantasie und war er doch vielleicht von ihnen allen die schwungvollste
Natur — anderseits freilich stand er dem wirklichen Leben noch fremder
gegenüber, als andere von ihnen, und erlangte er auch nie die abgeklärte und
abgewogene Künstlerschaft z. B. Heyses. So hat er, obwohl er zahlreiche
Bände von Romanen und Novellen auch für die Unterhaltungsblätter geschrieben,
-eigentlich kein Werk hervorgebracht, an dem dichterische Phantasie nicht einen
Anteil gehabt hätte, abcr es ist wahr, dem ausgebildeten realistischen Sinne
mnserer Zeit vermag wenig von seinen Prosawerken standzuhalten. Seinen
besten Anspruch auf dauernde Geltung stellen daher neben seinen lyrischen Ge-
dichten und seinen Erzählungen in Versen einige Dramen dar, die zwar auch
machschillerische Jambendramen, aber doch von eigencm Feuer belebt sind.

LS
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