Der Kunstwart: Rundschau über alle Gebiete des Schönen ; Monatshefte für Kunst, Literatur und Leben — 11,2.1898

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1!)at der verehrliche Leser kürzlich einmal an irgend einem großen
nationalen dgnastischen oder städtischen Festtage eine geschmückte Stadt
durchwandelt? Wenn er ein wenig Gedächtnis für derlei Bilder hat, so
bitt ich ihn, zu vergleichen, was er eben sah, mit seinen Erinnerungen
von ähnlichem her. Jch glaube, er wird mir dann zugeben: die Be-
wegung der neuen Kunst hat bisher auf wenige Gebiete so wenig Ein-
fluß gehabt, wie auf die, von denen wir reden. Die Ausschmückung
der Stadt Dresden während der Jubiläumstage König Alberts wenigstens,
die mich zu solchen Betrachtungen anregte, war ganz und gar in dem-
selben Geiste gehalten, wie die beim Wettinfeste vor bald einem Jahr-
zehnte. Und es liegt wirklich kein Anlaß zu dem Glauben vor, daß
die Dinge in andern Städten wesentlich anders lägen, — was wir
von solchen gelegentlich hören und sehen, deutet auf eine weit verbreitete
Erscheinung.

Die allgemeinen Grundsätze für die festliche Schmückung einer Stadt
sind aus dem Wescn der Sache nicht allzuschwer abzuleiten. Sehen wir
von den Trauerfesten ab, wie cin solches z. B. beim Tode des alten
Kaisers ernstschöne Ausgaben stellte, so handelt sich's darum, eine ge-
meinsame frohe Feststimmung zum Ausdruck zu bringen. Darin
liegt schon dreierlei: erstens, daß der Schmuck den Eindruck des Heitern,
zwcitens, daß er dcn des Gemeinsamen mache, drittens, daß er den
Tag als ein Fest kennzeichne, d. h. als einen vorübergehenden Tag
erhöhter Freude. Diese Elemente also zeigt jedes frohe Fest dieser
Art, die besondere Veranlassung der einzelnen bringt dann noch besondere
Farben ins Bild.

Bedauerlich mag nun zunächst erscheinen, daß so selten ein ge-
mcinsamer Straßenschmuck zustande kommt. Um mit der nüchternen
Geldfrage anzufangen: wer sollte ihn zahlen? Die Stadt als solch«
meiner Meinung nach nicht, denn wenn z. B. wir national Gesinnten
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