Der Kunstwart: Rundschau über alle Gebiete des Schönen ; Monatshefte für Kunst, Literatur und Leben — 11,2.1898

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Kunstgerverbe die große Kunst, und nwllcn nicht, daß der „Aesthetizismus"
die vollerc und dcrbere Lebensdichtung und die stärkeren dichtcrischcn Persvn-
lichkeiten totschlage. Denn erst ist das Leben, ist die Persönlichkeit, dann die
Kunst. Womit nicht gesagt scin soll, datz notwendig ein Bruch zwischen Kunst
und Leben (in der Darstellung) existiere. Jm allgemeinen braucht weder die
Kunst das Lebcn „schwächlicher" (ich findc augenblicklich keinen besseren Aus-
druck) erscheincn zu lassen, noch daS Leben die Kunst zu brutalisieren oder die
Persönlichkeit sich auf ihre Kosten vorzudrängen.

Von Theodor Storm zu Felix Dahn ist in der Kunst ein beträcht-
licher Schritt abwärts, doch ist ja ganz und gar nichts dagegen zu sagen, dah
auch dieser Dichter jetzt seinc „Sämtlichen Werke poetischen Jn-
halts" erschcinen läht (Breitkopf L Härtel, Leipzig). Sie werden 2; Bände
süllen, der Preis der Bände schwankt zwischen 2 und Mark sürs ungebundene
Exemplar. Felix Dahns Romane crzielen fast alle starkc stoffliche Wirkungen„
was darauf beruht, daß der Dichter ein grotzcs, entfcrnt an — Richard Wagner
(Jawohl!) erinnerndes Talent der Jnszenesetzung besitzt, und da ihre Stoffe
nun wirklich mcist bedeutcnd und dazu germanisch-vaterländisch sind, so soll
man sie dcnn ihre Zeit wirken lassen, vor allem auch auf die Jugend. Mit
scchszehn, siebzehn Jahren schwärmt man für den „Kampf um Nom" —
wcnigstens hat's das Geschlccht gethan, dem ich angehöre, und ich glaube
nicht, daß cs ihm geschadet hat. Sudermann und Guy de Maupassant lernt
man wohl noch rechtzeitig kennen. Adolf Bartels.

Oene Drameii.

(Schlutz.)

„Den schweizcrischen Wildenbruch" könnte man Arnold Ott nennen,
auf dessen wuchtigen Einakter „Die Frangipani" wir früher ausmcrksam gemacht
haben. Sein Volksschauspiel in fünf Akten „Karl der Kühne und die Eid-
genossen"' (Leipzig, H. Keller), das sich vor allem an seine Landsleute wendet,
zumal der Dialekt der Volksszenen für Nichtschweizer nur schwer zu verstchen
ist, entrollt eine Reihe dramatisch bewegter Bilder aus dem grotzen Kampfe
der Eidgenossen gegcn den Burgunder, die mit vielem Geschick zusammengefaßt
stnd. Die nationale Begeisterung, die das Ganze durchweht, wirkt durchaus
echt und frei; von eincm Byzantinismus, der ja auch im demokratischen Staate
denkbar ist, ist keine Rede. Datz Ott allcs hat, um breite volkstümliche Wirkung
zu erzielen, zeigt dieses Drama. Literarisch bcdeutsamer ist aber sein bereitS
-892 erschienenes Trauerspiel „Nosamunde", das den Konflikt zwischen der
Liebc und der Pflicht der Blutrache und zugleich den zwischen altgerma-
nischen Heidentum und Christentum in mächtigen Szenen mit einer kraftvollen,
freilich oft zu bilderreichen Sprache behandelt und in dem der Geist der alt-
germanischen Zeit lebendig wird. Sehr romantisch, von lyrischem Ueberschwang
nicht frei, ist Arnold Otts jüngstes Werk: „Grabesstreiter", eine Sagentragödie,
die neben allen Klängen glühcnder Minnepoesie den bunten Zauber von Nixen und
Truden entfaltet und vielfach auf mclodramatische Wirkungen ausgeht. Gertraud,
eine junge Edelfrau, hat ihren Gatten in den Kreuzzug ziehen lassen, noch ehe
ste sein Weib gewordcn. Endlich naht er nach langcn Jahren; die crsehnte
Hochzeitsfeier wird zur Trauerfeier. Die Nixen verlocken den Hcimkehrendcn
in den Rhein, und gebrochcnen Herzens stirbt Gertraud an seiner Bahre. So

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