Der Kunstwart: Rundschau über alle Gebiete des Schönen ; Monatshefte für Kunst, Literatur und Leben — 11,2.1898

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nahme des Raums und möglichster Flächencntmicklung Kleidergestell,
Stock- und Schirmständer, Huthaken, Spiegel, Bürsten- und Kammkasten
in sich vereinigen soll, ist so recht eine ganz moderne Forderung, deren
ästhetische Ausgestaltung eine höchst interessante Aufgabe bildet, bei der
eine Anlehnung an alte Formen gänzlich nnmöglich ist. Ein Gebiet im
Hause jedoch gibt es, in denen wir die alten Einrichtungen noch fast ganz
als Muster hinnchmen können, die Küche. Jch glaube, die Alten waren
rechte Feinschmecker, wenn sie es konnten; die Küchen der bürgerlichen
Patrizierhäuser sind oft wahre Schmuckkästchen, denen wir Gasherd und
Wasserleitung nur hinzuzufügen brauchten.

Man wird also leicht sehen: das „wir brauchen nichts Neues,
es ist alles mustergültig im Alten vorhanden" hat eine sehr beschränkte
Bedeutung. Ein schönes altes Gerät, das für uns verwendbar ist, heut
noch zu benutzen, dagegen wird kein Verständiger etwas haben. Aber
ein ganz aus modernem Geiste hervorgegangenes Gerät zwangsweise
nach alter Form zurechtschneiden, heißt eine Lächerlichkeit entstehen lassen.

Atan fürchte nur ja nicht, daß in einem Haushalte das Zusammen-
wohnen mit alten und neuen Möbeln keine Harmonie ergäbe. Jst die
Wohnung von Persönlichkeit durchdrungen, so zwingt sie eben diese Per-
sönlichkeit zur Harmonie. Jch kann mir denken, daß ein feinfühlen-
der Mensch, wenn er in so einer Wohnung nicht besonders darauf achtet,
gar nicht die Beobachlung macht, daß er mit alten und neuen Geräten
zusammen ist.

Also nicht auf das Neu oder Alt kommt es an, wenn jemand sein
Heim künstlerisch gestalten will, sondern daraus, daß es wirklich ccht,
zweckmäßig und schön ist. Bei der Erfüllung dieser drei Forderungen
wird sich dann bald herausstellen, daß das Neue nicht zu entbehren ist.

5 ch u l tz e - N a n >n b u r g.

Die Nestbetik des tügliebeil Lebens?

Die Aesthetik gilt heute uoch vielen als eine unheimliche Wissenschaft —
unheimlich im eigentlichen Sinne dcs Wortes, sofern cs etwas bedeutet, worin
man nicht gut heimisch werden kann — zu hoch und vcrstiegcn für einen ge-
sunden Menschenverstand, gelehrt langweilig, philosophisch abstrakt oder abstrus,
eine unnötige und aufdringliche Wissenschast, weil sie bereits mit Begrifsszähnen
Dinge benage, die doch jeder, namentlich jeder Gebildete einfach sehe und
empfinde, teils Gesetze geben wolle, die man sich gar nicht brauche gefallen zu
lassen. Und nun gar eine „Aesthetik des täglichen Lebens" — ist sie nicht cin-
sach eine Ungereimtheit oder gar Unverschümtheit? Haben wir nicht gcrade
genug, wenn sich die Aesthetik in unsere Kunstgenüsse oder gar ins künftlerische
Schaffen mengen will? Brauchen wir auch noch im täglichen Leben ihre über-
slüssige Weisheit anzuhören? Das sehlte gerade noch!

Jn der That: das fehlt gerade noch. Unter den verschiedenen vorhandencn
Zweigen der Aesthetik fehlt noch der, den ich „die Aesthetik des täglichen Lebens"

*) Diese >vertvolle Arbeit des Aesthetikors, dcr jetzt Fr. Th. Vischcrs Lehr-
stuhl innehat, ist unlängst bereits gedruckt worden, aber an ciner Stclle, wo sie
wohl nur ganz wenige unserer Leser gesehen haben, nämlich in dem bei Salzer in
Heilbronn erschienenen „Literarischen Jahrbuchc aus Schivaben": „Hie g»t
Württembcrg alleweg".
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