Der Kunstwart: Rundschau über alle Gebiete des Schönen ; Monatshefte für Kunst, Literatur und Leben — 11,2.1898

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Sprecbsaal.

Zn Sachen dcr „rvertschütznng öer Musik"

geht uns eine Flugschrift zu, die durch dsn Kunstwart-Aufsatz Or. Hans Sommers
(mit dem sich jetzt auch fast alle Musikblättcr beschäftigen) angeregt worden ist.
Der Herr Verfasser ersucht uns um Abdruck seiner Ausführungen, wir wollen
sie wcnigstens im Auszug bringen, da die Beschränktheit unsres Raumes die
Wiedergabe des Ganzen verbietet.

Hans Sommer glaubt den Feind des Kunstwachstums in den Miß-
ständen des Verlagswesens, also im Verlagsunwefen, zu erblicken und gefatzt
zu haben. Als sicherstes Vernichtungsmittel gibt er die zu gründende „Fakultät"
an. Ob dieses Mittel sich wirklich bewähren würde, mützte leider erst die Zu-
kunft lchren! Trotzdem möchte ich nicht andeuten, datz dies Mittel, einmal in
Erscheinung getreten, etwa untauglich sein würde, im Gegenteil: es sei aus-
drücklich hervorgehoben, datz ich dies Mittel für ein vorzügliches, aussichtS-
volles — wenn auch nicht gerade für das alleinseligmachende — halte.

Denn, sage ich aus eigener Erfahrung, weder das Verlagswesen noch
das Verlagsunwesen allein ist es, welches dic Tonkunst im Keim bedrängt,
sondern es ist die ganze öffentliche Handhabung der Tonkunst, welche sich wie
gegen Kern so auch gegen die ganze übrige Pflanze versündigt. „Verlegt
werden", d. h. gedruckt und in Vertrieb gcbracht müssen ja doch die Musi-
kalien wie Bücher werden, um sie der Allgemeinheit zugänglich zu machen.
Der „Nachfrage" mutz das „Angebot" gegenüber stehen und diese womüglich
noch steigern. Und das wird stets „Geschäft" bleiben! Bei den Musikalien ist
indessen im Hinblick auf die Bücher oin erschwerender Umstand, datz sie (z. B-
Partituren) nicht jeder lescn, d. h. sich ihren Jnhalt vertraut zu machen ver-
steht, sondern dafür Mittelspersonen, „Künstler" bedarf. Bei ihnen soll eben
ihre „Kunst" das „Geschäft" überwiegen, thut es leider aber nur ganz selien! Wir
vergaßen eines bei unserem einfachen Naturgleichnis, eines: was hülfe dem
Samenkorn Erdreich und Gärtner, wenn nicht Luft und Wasscr und vor allem
Sonnenschein hinzukämc? Diescr nötige Sonnenschein ist im Leben wie in der
Kunst die Liebe. Für die Kunst würde statt Liebe verständlicher „Sorgfalt"
gesagt werden müssen. Von wem anders könnte zunächst diese Sorgfalt aus-
gehen, wenn nicht vom ausübenden Künstler? Diese Sorgfalt zu heben, zu
erneuern, zu steigern, das müßte zunächst das eifrigste Allgemein- und Staats-
bestreben ausmachen.

Aber: welchen Musikalien soll sich diese Sorgfalt zuwenden? Da liegt
der Hakenl Die Werke, dessen würdig, auffinden zu helfen, darin könnte und
sollte der Staat die Lkünstlcr endlich unterstützen.

Was will man denn überhaupt von dcr Kunst? Warum läßt man sich
oder seine Kinder darin unterrichten? Was begehrt man aus den Musikhand-
lungen, Konservatorien, Hochschulen, Konzerten u. s. w. heimzutragcn? Man will
schmückende Kunstpflanzen mit nach Hause nehmen, um sein Heim, sein Stüb-
chen, sein ganzes innere und äutzore Leben damit trauter zu gestalten, vielleicht
gar nur, um sich durch duftige Kunstblüten den teilweisen Verlust von Natur
und „Paradies" zu ersetzen. Durch schöne Eindrücke auf Auge und Ohr will
man sein Gemüt besänftigen, seine Seele bereichern, und sich und die anderen
beglücken, sich und seine Lieben veredeln. Wenn man das im ernüchternden
Alltagsleben nicht als so sehr nötig empfände, woher und wozu sonst der

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