Der Kunstwart: Rundschau über alle Gebiete des Schönen ; Monatshefte für Kunst, Literatur und Leben — 11,2.1898

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kurz vorher selbst ohne jedes Bedenken mitgemacht hat und ebenso wieder mit-
machen wird, wenn sie wieder allgemeine Geltung erlangt. Unsere Moden
entsprcchcn eben nicht dcr allgemeinen Stimmung und lcihen nicht dieser den
giltigen Ausdruck, wic dies z. B. zu Zeiten der Reformation, der Gegenrefor-
mation oder Ludwigs XlV. der Fall war, als nach einander Deutschland,
Spanien und Frankreich den Ton in der Tracht angaben, oder zu Zeiten des
drcißigjährigen Krieges, als infolge des allgemein kriegerischen Charakters der
Zeit auch die weibliche Tracht ein männliches Gepräge erhielt, oder in den
Tagen überwiegender Sentimentalität (zur Zeit der Minnesänger und im
18- Jahrhundert), als die Münnertracht von der weiblichen beeinflußt wurde
(Schurtz S. gs). Unsere Moden entspringen und entsprechen vielmehr fast nur
dcn Launen und den Einfällen einzelner, die wie einst Fürst Pückler-Muskau,
der „Erfinder" des Monokels, das Bedürfnis haben, durch Erfindungen neuer
Westenformen u. ä. von sich redcn zu machen.

Diese Moden aber haben niemals langen Bestand, weil sie eben nur den
kurz anhaltenden Reiz der Neuheit haben, sonst aber weder aus tiefgehenden
Bedürsnissen hervorgegangen, noch auch — schön sind. Schön kann man eine
Mode dann nennen, wenn sie alle oder wenigstens sehr viele gut kleidet. Daß
dies nicht der Fall ist, bedars kaum eines Beweises. Bckanntlich darf z. B.
jede Art von Teint in Verbindung mit einer bestimmten Haarfarbe anderer
Farben, damit eine harmonische Wirkung erzielt werden rann. Wie aber soll
diese zustande kommen, wenn jedes Jahr eine andre Farbe zur Modefarbe or-
klärt wird? Ebenso wenig wird eine Kleiderform, die eine große schlanke
Dame gut kleidet, auch oine kleinc dicke Dame stets gut klciden — nnsere Mode-
journale führen aber wie bekannt, in ihren Figuren oder Bildern nur schlauke
Gestaltcn *. j) aul Schuinan n.

(Schluß folgt.)

Die Aestbetik des tüglicbe!: Lebens.

(Fortsetzung statt Schluß.)

Jmmerhin hat das auch sür den ledernsten Alltagsmenschen gewisse
Schwierigkeiten: denn es besteht andererseits jener weitverbreitete Trieb, der
sich oft ganz unwillkürlich geltend macht, auch dem Alltagsleben eine ästhetische
Scite abzugewinncn. Und cs gibt ein Grenzgebiet zwischen dem täglichen Leben
und der Kunst im strengcn Sinn, ein Grenzgebiet, das von den ersten absicht-

*) Ganz so schlimm scheint cs uns doch nicht zu stehen. Die besseren
Modezeitungen begründen z. B. ihre Zwcckmäßigkeit gerade damit, daß sich
auch in der Modc nicht alles für Einen schicke, daß es deshalb notwendig sei,
dem Publikum vielerlei zu unterbreiten. „Der Geschmack der feinen Dame
zeigt sich dann darin, daß sie das ihr Angemessene auszuwählen weiß.* Je-
denfalls ist zum mindesten innerhalb der heutigen Frauenmoden ein recht
weitgehendes Jndividnalisieren müglich. Kann man das Gleiche von den
Volkstrachten sagen? Wie oft nehmcn diese auf Körpergestalt überhaupt keine
Rücksicht, kleiden z. B. erwachsene Männer und Knaben, Greisinnen und Back-
fische gleich, ohno Nücksicht auch auf Haut- und Haarfarbe. „Modesarben" im
Sinne ohne Jndividualisierung aufgedrängter Farben kennt auch die Volks-
tracht und erst recht, sie bevorzugt dauernd bestimmte Farben und hat dann
sozusagen das Schlimmste, nämlich bleibende Moden, die doch nur Moden
find, keino aus sachlichen Gründen charakteristisch angepaßten Bekleidungsformen.
Jch glaube, wir müfsen auch die Mängel der Volkstracht klar sehen, gerade,
wenn wir uns ihrer annehmen wollen. A.

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