Der Kunstwart: Rundschau über alle Gebiete des Schönen ; Monatshefte für Kunst, Literatur und Leben — 11,2.1898

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Vom Pimpeln.

I6ein, mein Herr Leser: pimpeln ist kein Wort, das man nur
im schönen Sachsenlande hört. Pimpeln sagt man auch sonst in deutschen
Gauen, und es bedeutet ursprünglich soviel mie Limmeln, lexikographisch
gesprochen (ich habe meine gelehrte Quelle): „mit kleinen Glocken läuten".
Sintemalen nun ein Läuten aus solche Art oft kläglich klingt, so sagt
man auch pimpeln für weinerlich klagen, und in weiterer Uebertragung
sür gar zu lcidig, für verzärtelt, für allzu leicht krank sein: es pimpelt,
wer bei jedem Luftzug den Schnupfen bekommt, und pimpelt doppelt,
wer dann darüber kaum tröstlich ift. Aber von der Erscheinung des
Bimmelns gleich Pimpelns geht noch eine zweite Reihe von Anwen-
dungen des Wortes aus, und den Zusammenhang mit jener ersten stellt
die Leiden gemeinsame Kleinlichkeit her. Man kann nicht nur traurig,
man kann auch heiter pimpeln. Wer, unserthalben auch still oder laut ver-
gnügt, statt wenigcr großer Mittel eine Uebcrmenge klciner Mittelchen
wühlt, der pimpelt auch.

Und nun stelle ich die Vehauptung auf: cine der wichtigften und
dabci viel zu wenig bekämpften Unarten des Deutschen in Kunst und
Kunstgewcrbe ist, daß er mit Vorliebe pimpelt. Wo große geistige Werte
in Betracht kommen, da zwar tritt ihm das Nebensächliche möglicher-
weife noch leichter als anderen Nationen zurück: unsere grotzen Dich-
tungen, Tonwerke, Schöpfungen der bildenden Kunst lassen den ganzen
Organismus in herrlicher Saftigkeit aus dem einen Kerne ihrer Jdee
erwachsen, und nur bei dem äußersten Zweiglein- und Blätterwerk zeigt
sich wie in launischem Spielbehagen auch bei ihnen die deutsche Freude
am Kleinen. Wo aber keine größere seelische Aufgabe über der Arbeit
waltet, wo sich's nur um Dekoratioes handelt, da wird jene Lust am
Kleinen überaus leicht zum Vergnügen am Kleinlichen, die dann die ganze
Arbeit durchsetzt. Denn oft ganz im innersten Marke sitzt den Leuten bei
uns das Pimpeln.

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