Der Kunstwart: Rundschau über alle Gebiete des Schönen ; Monatshefte für Kunst, Literatur und Leben — 11,2.1898

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beispiele aus scinen Tondrnmen anführt und erläutert. Druck, Stich und die
ganze Ausstattung sind schr schön, die Anordnung übersichtlich, der Text knapp
und klar, so daß das Ganze einen sozusagen höchst appetitlichen Eindruck macht.
Kurzum cin sehr zu empfehlcndes Schulbuch, das auch „Ausgclcrnte"' noch mit
Nutzen studieren werden.

Aeber die Lrbriltung der volkstrucbten.

Jch habe vor kurzem (im t7. Heft) über die Erfolge berichtet, die dcr
Freiburger Volkstrachtenverein zu verzeichncn hat in seinem Bestreben, die
ländlichen Volkstrachten zu erhalten und wieder einzuführcn. Dic Leitung des
Kunstwarts hatte zu meincm Eintreten für diese Bcstrebungen die Bcmerkung
gemacht, daß alle diese Fragen ihr noch nicht spruchreif gcklürt schienen und
daß sie in Bestrebungen wie ücncn des Freiburger Vereins mehr Künstliches
sehen müsse als ich. Gehen wir also näher aus den Gegenstand ein.*

Es liegt uns da zunächst zur Anknüpfung ein neues verdienstliches Buch
von Friedrich Hottenroth** vor. Uns interessiercn namentlich die einleitcn-
den Bemerkungen des Verfassers über dcn Ursprung der Volkstrachten- Er
sagt da:

„Unter Volkstracht versteht man eine eigene Art von Tracht, die mehr
oder minder von dcr großen Mode abweicht und nur in bestimmtcn Bezirken
Geltung hat, also gleichsam einen Dialekt des Modekostüms bildet. Allgemein
verbreitet ist der Glaube, unsere Volkstrachten seien uralt; dies ist ein Jrrtum.
Auch die ältefte geht nicht über die Mitte des ts. Jahrhunderts zurück; die
meisten sind im Laufe des ;r. entstanden und gar mancher Teil gehört dem
t8. und selbst dem td. Jahrhundert an. Nur wenige Stückc sind alte Familien-
stücke und nur in einer einzigen Gegend, sonst abcr nirgends zu finden. Jm
Allgcmeincn bildeten sich dic Volkstrachten aus Resten von stehengcblicbencn
Modetrachten hcraus und gewannon dann ein um so seltsamcres Aussehen, je
weiter die große Mode auf ihrem Weltlaufe sich von ihnen entfernte. Aber
wic man häufig noch an dcn Enkcln die Gesichtszüge der Ahnen erkennt, so
läßt sich auch in der Volkstracht noch die Zeitmode erkenncn, von welcher sie
ihre cinzelnen Stücke zurückbehalten hat.

D!e Ausdehnung des Reiches und dcr schwerfällige Verkehr waren schuld,
daß in früheren Jahrhunderten die Mode nicht überall zu gleicher Zeit und
auch nicht auf gleiche Weise durchdringen konnte. Aus dicsem Grunde gab es
wohl zu jeder Zeit Volkstrachten, die aber weiter nichts als verspätcte
Modetrachten waren, und die man aufgab, sobald man der neuen Mode
habhaft werden konute. Die ganze Kultur im Mittelalter hatte einen inter-
nationalen Charakter; und so entwickelte sich auch die Tracht in den verschie-
denen, dem alles gleichmachenden Christentume untcrworfenen Ländern in zicm-

*) Wir bringen den Aufsatz unsres Mitarbeiters mit Vergnügen als sehr
wertvolles Material zu der erstrebten Klärung der Frage. Unsere etwas ab-
weichende Stellung zu ihr werden wir dann binnen kurzem um so einfacher
darlegen können. A.

**) „Deutschc Volkstrachten" — städtische und lündliche — vom
i s. Jahrhundert an bis zum Anfange des 19. Jahrhunderts (Volkstrachten aus
Süd- und Südwestdeutschland). Der Verlag von Friedrich Keller in Frank-
furt a. M. hat das Buch typographisch und mit farbigen Tafeln sowie Text-
illustrationen sorgfältig ausgcstattet. Unbequcm ist nur dcr Mangcl von Jn-
haltsangabe und Sicgister.

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