Der Kunstwart: Rundschau über alle Gebiete des Schönen ; Monatshefte für Kunst, Literatur und Leben — 11,2.1898

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Neber Ikunstpklege im MLttelstunde.

4.

Von der Wand zum Boden und zur Decke

Es ist eine üble Sitte gewesen, die Decke, wenn sie aus glattem
und geweißtem Putz bestand, vom Anstreicher mit einem armseligen
Ornament bemalen zu lassen. Man sah ehedem sehr häufig den Ver-
such, mit der Malerei die Wirkung eines plastischen Schmucks von Stuck
nachzuahmen. Als die Zeit der großen Bauerci kam und die Leute
mehr Geld zahlen konnten, hatte man das nicht mehr notwendig. Man
konnte wirklichen plastischen Schmuck anbringen, denn er war der Elle
und dem Quadratmeter nach fertig im Ladcn zu kaufen, man brauchte
ihn nur anzukleben. Bestand er doch aus gepreßter Pappe. Nun waren
die Leute aber ihre schön bunt bemalten Decken gewöhnt. Und sie fanden,
daß man für so viel Geld nicht allein plastischen Deckenschmuck, sondern
auch was Buntes verlangen könnte. Also imitierte man zuerst Stuck
und bemalte den dann noch. Schließlich, — man konntc es sich ja
leisten — vergoldete man ihn noch zum Teil. Als die Zeit des „Natu-
ralismus" gekommen war, wählte man zum Bemalen nicht mehr die
Trümmer des italienischen Renaissance-Ornamentes oder die zopfigen
Amoretten, sondern man malte gleich ganze Rosenstillleben darauf, die
dann betrüblich an dcr Decke baumelten.

Nehmen wir bei Besprechung von etwas Bcsserem immer zuerst
die bescheidensten Mittel an. Also vorerst eine einfach verputzte Decke.
Ja, sieht die, einfach weiß oder doch weißlich gestrichen, nicht ganz nett
aus? Sie bildet dann allerdings keinen Schmuck, aber sie stört auch
nicht. Und da zu jeder einigermaßen guten Behandlung doch immer
gewisse Mittel notwendig, meine ich, es wäre besser, wenn auf die
meisten Decken dort, wo keine Mittel zur Verfügung stehen, auch nicht
Bemalung verwendet würde. Soll ein Mehraufwand gemacht werden,
so wcnde man den lieber an den Uebergang von Wand zu Decke.
Eine mehr oder weniger schmale ganz glatte Voute gibt jedein Zimmer,
auch wenn sie an eine ganz glatte weiße Decke ansetzt, doch stets etwas
angenehm Gegliedertes. Hat die Voute eine ziemliche Größe, dann er-
scheint der Naum zugleich auch sehr viel höhcr, als wenn die Flächen
im rechten Winkel an einander setzten.

Will man dann noch weiter gehen, so kann man ja an die Decke
Stuck, aber wirklichen Stuck antragen lassen. Die einfachsten
Formen, ein Kreis, ein Oval, eine Sonne, geben dem Raum sofort ein
Schmuckmotiv. Den Stuck aber lasse man dann wciß, damit er sage:
ich bin Stuck. Bemalter Stuck kommt mir vor, wie Obstkuchen mit
Bratensauce darüber.

Sehr schön sind Holzdecken, und im eigenen Hause ist eine solche,
die ja „ewig" hält, auch nicht unerschwinglich, wenn man von dem
Glauben absteht, sie müßte nun sofort einer Decke aus einem Ncnaissance-
schloß gleichsehen. Schon das Material wirkt ja hier angenehm, und
eine ganz einfach aus glatten Brettern gefalzte Decke, durch Balkenwerk
geteilt, macht den behaglichsten Eindruck.

Für den Boden wird heut zumeist das nicht mehr teure Parket
genommen. Es ist zwar nicht jedermanns Geschmack, auf dem spiegel-

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