Der Kunstwart: Rundschau über alle Gebiete des Schönen ; Monatshefte für Kunst, Literatur und Leben — 11,2.1898

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Lzar, Undine und die beiden Schützen mit Grazic ab. Von Donncrstag bis
Dienstag drci Mal die beiden Schützen — das ist alles, was Lortzing ver-
langen kann, der arme Schlucker, der bei Lebzeiten in Berlin bcinahe Hungers
gcstorben ist. Der Monat Dezcmber sollte den Manen Mozarts geweiht sein.
Sämtlichc sieben Werke kamen zur Ausführung. Das hätte eine That sein konnen ;
aber die Gcschichte war derartig minderwertig, daß die gesamte bossere Kritik
Protest gegen solche Mozart-Aufführungen erhob. An Novitäten haben wir
von September bis Juni ganze drei Opern zu hören bekommen: „Lobetanz"
von Thuille, „Odysseus Heimkehr" von Bungert und „Al-ir" von Zichy. Eine
Kritik an diesen Werken zu üben, ist hcute nicht mehr die Zeit. Warum aber
diese drei Werke den Vorrang verdienen vor Kunstwerkcn wie Berlioz' Trojanern,
Schillings Jngwelde und dem Guntram von R. Strauß, das vcrmögen wir
nicht einzusehen. Ebensowenig begreifcn wir, weshalb man nicht einmal alte,
schöne Opcrn, wie Glucks „Armida", Spohrs „Jessonda" und Spontinis
„Ferdinand Cortez" neu einübt; sie hielten vielleicht doch den Vergleich mit
den beiden Schützen des Biedermeyers Lortzing aus. Ueber die Besehung der
Opern und die künstlerischen Kräfte ließe sich manches traurige Märlein melden;
hier würde uns das aber zu weit führen. Eines ist sicher: künstlerisch erziehend
wirkt dic Berliner Oper absolut nicht. „Kasse machen" scheint ihr oberstes Ge-
setz zu scin; daß dabei die Kunst in die Brüche geht, daß kleine Residenzen, wie
Karlsruhe, und große Provinzialstädte, wie Köln und Frankfurt, Berlin weit
übcrflügeln, das muß wohl an maßgebendcr Stelle nicht unangenehm berühren.
Herr Direktor Pierson hat allcrdings bei Antritt seines Amtes versprochcn, die
Bcrliner Oper zum crsten Musikinstitute Deutschlands — oder war es gar
Europas — zu machen; aber beim Wollen blieb's, denn er tröstete sich und
anderc mit dem indolentcn Worte Vergils: voluisee mugvum".

A. B i s ck o f f.

Fübrungeil zu Ikuustvcerken.

Vor cinigen Wochen konntc man in dcn Wiener Tagcsblättern folgende
Notizen finden: „Die Sczession hat beschlosscn, um das Jnteresse und den Sinn
sür dic moderne Kunst in den breitesten Schichten der Bevölkerung zu wecken
und zu sördern, dcn Arbciterkreisen den Besuch zu ihrer ersten Kunstausstellung
durch Herabsetzung des Eintrittspreises zu ermöglichen. Dom Arbeiterbildungs-
verein wurde eine große Anzahl von Eintrittskarten zum Preise von ;o Kreuzern
zur Verfügung gestellt, welche an Sonn- und Feiertagen von 8—Uhr vor-
mittags Gültigkeit haben. Um eincn zu großen Andrang zu vcrmeiden, wer-
dcn an jedem Sonntag-Morgen 200—200 Arbeiter die Ausstellung besuchen,
und zwar in Gruppen von 20—so Personen. Jede solche Gruppc wird unter
Führung eines Mitgliedes der Sezession die Säle durchwandcrn. Da die Aus-
stcllung auch viele vorzügliche Leistungen aus dem Gebicte des Kunstgewerbes,
wie Metallarbeiten, Holzschnitzereien, Ledcrarbeiten, Bucheinbändc u. dergl.
enthält, so dürste der Besuch derselben üen Arbeitern auch viele Anregung für
den cigencn Bcruf bieten."

Man war gespannt, wie der Versuch aussallen würde. Einige meinten:
„da werden wir etwas schünes erleben! Dic Arbeiter kommen entweder gar
nicht, oder nur aus Neugier in die Ausstellung." Ein Sozialpolitiker glaubte,
die Arbeiter würden uns vicl zu schaffen machcn durch vcrständnislose Fragen
und hcrausfordcrndes Benehmen. Sie „fühltcn sich als dic hcrrschende Klasse,
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