Der Kunstwart: Rundschau über alle Gebiete des Schönen ; Monatshefte für Kunst, Literatur und Leben — 11,2.1898

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/Delodramatlscbes.

r.

Seit eincm Jahr etrva beunruhigt das für lang schon tot gchaltene
Melodram wie ein Schreckgespenft die Musikwelt. Es hat nichts gcfrommt.
daß man alle Bannformeln der ästhetischon Zauborbücher der Reihe nach da-
gegen aufsagte, selbst das Weihwasser der Gesammelten Schriften Richard Wag-
ners scheint hicr mit seiner Wunderkraft zu versagen. Denn bald dort, bald da,
in verschiedencn Gestalten taucht dcr abgeschiedene Geist wieder auf und heischt
seine Anerkennung als daseiendes und daseinsberechtigtes Wesen, oder doch
cine Beschwörung mit wirksameren Sprüchen, als die man bis jotzt dagegen
versuchte. Der bisher triftigste Einwand, der sich gegcn die „Gemischtheit" des
melodramatischen Stiles kehrte, bedurfte seinerseits crst der Begründung, aber
nicmand nahm sich die Mühe, ihn zu erbringen.

Gelegenheit war ja wiederholt in letztcr Zeit. Es kam zunächst Herr
Adalbert von Goldschmidt und ließ Frau Niklas-Kempner zu seiner
Klavierbegleitung Grimmsche Märchcn sprechen. Abcr erstcns fchltc seinem
Spiel dic notige Fertigkeit und zweitens nahm man ihn (msbesondere in Dres-
dcn) in Unkcnntnis seiner großen Werke „Hclianthus" und „Dic sieben Tod-
sündcn" nicht sür voll als Tonkünstler, sondern sür eincn reinen Dilcttanten,
dem's scine Geldmittel erlauben, sich in der Oesfentlichkeit beliebig oft bloßzu-
stcllcn. Jch selbst habe diese Vortrüge nicht gehürt, die Musik ist im Stiche
nicht erschienen, und das vereinzelte Lob, das sie erhielt, floß aus nicht ganz
lauteren Qucllen.

Dann wurde das Melodram in Verbindung mit zwsien unseror besten
Künstlernamen genannt. Richard Stranß schrieb Musik zu Tennysons
„Enoch Arden", Humperdinck zu Rosmers „Königskindern". Das erstge-
nannte Werk stcllt sich mir, nachdem ich es kürzlich hörte, nun freilich als
prinzipiell bedeutungslos herauS, weil die Musik, so reiz- und seelenooll
sie ist, im wcsentlichen doch mehr als Lückenbüßcr dient, wie, nm dcin Dekla-
mator einige Verschnaufpausen zu schaffen. Die wcnigen Takte, womit sie auch
einige Sätze dcs ausgedchnten Gedichtes begleitet, dünken mich kaum dor Rede
wert und nur darum einigermaßen merkwürdig, wcil sie von einem Künstler
herrühren, der in der Theorie das melodramatische Prinzip verwirft. Jedcn-
falls ist diese mit cinem gewisscn Eifer betonte Gegnerschaft kein Todeshaß, *
denn wcnn man auch zu manchem sich herbeiläßt, um seinem Jntendantcn
dienlich zu sein, so geht solchc Gefülligkeit bei cincm Richard Strauß, der sehr
gut weiß, daß sein Thun und Lasscn richtunggebend für eine ganze Partei ist,
doch sicher nicht, auch nicht auf ein paar Augenblicke, bis zu üsthetischen Kar-
dinalsünden. Richtig hat sich dann auch nach solch illustrem Beispiel Max
Schillings nicht gescheut, sür Possarts Vortragsrepertoire zu zwei Schiller-
schcn Balladen („Das cleusinische Fest" und „Cassandra") das erbetene musika-
lische Brimborimn anzusertigen.

^ Einen solchen Abscheu, wie ihn manche Gegncr des MelodramS in
lächcrlicher Uebertriebcnhcit zur Schau tragen, hcgte auch Wagner nicht. Wciß-
heimer erzühlt in seincn soeben erschienenen Mcmviren, daß cr ihm mit dem
Schauspieler Becker seine meladramatische Musik zur „Wallfahrt nach Kevlaar"
vorgetragcn habe. Wagner schüttelte darnach Bccker bcide Hkindc und lobtc an
Weißheimers Musik, daß sie sich nirgends vordränge, dem Gedichte freicn Lauf
lasse und nur in Gcfühlsmomcnten eingreife, dadurch aber auch die Wirkung
der Deklamation erhcblich steigere.
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