Der Kunstwart: Rundschau über alle Gebiete des Schönen ; Monatshefte für Kunst, Literatur und Leben — 11,2.1898

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packenden Weise eine gedrängte Uebersicht seineS gesamten reformatorischen
Wollens und Wirkens gab, um endlich zu bezeugen, unter den ihm vergönnt
gewesenen Lichtblicken seines Lebens zähle er die heutige ihm bereitete Jubel-
feier zu den hellsten. Von den folgenden geistsprühenden Trinksprüchen sei nur
noch der launige auf die Frau Doktorin Käthe erivähnt, dic in witzvoller An-
spielung auf die originelle Art ihrer einstigen Flucht aus dem Kloster in
einer Tonne eine Pandora, aber nicht mit, sondcrn in der Büchse und nur
mit Glücksgaben, genannt ward.

Um 7 Uhr zog sich mit dcn Seinen der Jubilar zurück, von seincn
reformatorischen Pflichten gerufen; aber die Festgäste trennten sich erst in später
Rachtstunde mit dem Vollbewuhtsein, ein herrlich gclungenes Fest durchlebt zu
haben. Dessen volkstümliche Bedeutung auch dem großen Publikum fühlbar
zu machen, hatte zugleich die Stadt sür Ausschank von Freibier in verschiedenen
vorher bestimmten Lokalcn gesorgt."

Schnörck faltete sein Heft zusammen, schob es in die Brusttasche seines
Ueberrockes, stand auf, vcrneigte sich und sprach: „So etwa, meine Herrschaften,
denke ich mir, wäre die Geschichte unserer großen Männer zu schreiben, damit
sie die Gegenwart anrege und uns nütze. Mögen Sie nun selber urteilen, ob
das von mir ins Auge gefaßte Ziel und der dahin cingeschlagene Weg die
richtigen seicn."

Langanhaltender Beifall erhob sich, und selbst von den Damen schlugen
die lebhafteren mit ihron Fächern auf die Balkonbrüstung. Jnzwischen hatte
der Präsident seinon Platz wieder eingenommen und sprach: „Verehrte Ver-
sammlung! Jch sollte jetzt über den eben gehörten Vortrag die Diskussion er-
öffnen- Nach dem Eindruck aber, den die außergewöhnlich anregenden und
gehaltvollen Erörterungon unseres verehrten Ehrenmitgliedes aus mich und,
wie ich meine annehmen zu dürfen, auch auf die Versammlung gemacht haben,
schlage ich vor, von jeder Besprechung abzusehen, die die Wirkung des Ge-
hörten nur abschwächen könnte. Die einlcuchtenden Darlegungen dcs Herrn
Prof. Schnörck eröffnen uns ja ganz neue Perspektivcn, von denen ich nur die
eine erwähnen möchte, daß mit Hilfe seiner uns in einer glänzenden Probe
vorgelegten Wissenschast die Zukunft in Stand gesetzt sein wird, nicht nur wie
bisher die historischen Gcdenktage, sondern auch die historischen Feiern dieser
Gedenktage zu feiern.

Jch sehe: es meldet sich niemand zum Wort, und eine Diskussion wird
nicht beliebt. Also erübrigt mir nur noch, im Namen unseres Vereins dem
Herrn Vorredner Dank zu sagen sür seine gedankenreichen Anregungen: Herr

Professor, der Verein dankt Jhnen!"-bseiurich Steiuhauscn.

sAus dem noch ungedrucktcn Buche „Heinrich Zwiesels Aengstc".)

Voin

Dichtung.

* Nach Hoffmann von Fallerslebcn
Christian Friedrich Scheren-
b erg — es wäre ganz in dcr Ord-
nung gewesen, datz man wie dem
libcralen, so auch dem konservativen
Sänger zu seinem hundertsten Ge-
burtstage bescheidene Kränze gewunden

Tsge.

hätte. Während aber Hoffmann aller
Orten, wenigstens in allen Zeitungen
gepriescn ward, gab man ihm, dcn
man den epischen Wildenbruch seinor
Tage nennen könnte, doch nur an we-
nigen Stellen Ehre. Und dns bedeutct
eine Ungerechtigkeit gegen den Dichter
wie gegen den Menschen Scherenberg,
denn dcr Dichter wie der Mensch in

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