Der Kunstwart: Rundschau über alle Gebiete des Schönen ; Monatshefte für Kunst, Literatur und Leben — 11,2.1898

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spiegel so aufzuhängen, daß mau sich nicht in ihm beschauen kann, wo-
möglich dazu noch in einem Raum, der durchaus nicht der Toilette dient.

Stets wird man die ästhetisch beste Lösung finden, wenn man
vom Sinne ausgeht.

Ueber Bilder in den Wohnräumen sprechen wir das nächste Mal.

Schultze-Naumburg.

Die Nestbetik des täglicben Lebeus.

(Schluß.)

Aber noch von anderen subjektiven Reaktionsvorgängen hängt die ästhe-
tische Wertung der Anschauung ab. Warum finden wir etwa eine Kleidermode
auf den ersten Anblick abscheulich und werten sie mit dcn boshaftesten Asso-
ziationen, werden aber nach einiger Zeit gleichgültig dagegen oder gewinnen
ihr gar ein gewisses Maß von Gefallen ab? Oder umgekehrt: warum gefällt
sie bei ihrem Auftreten trotz schwerer ästhetischer Gebrechen, wird abor mit der
Zeit unausstehlich? Warum — um im weiteren auch wieder Beispiele aus
andern Gebieten heranzuziehen — verändcrn wir gern einmal die Einrichtung
eines Zimmers oder einer Wohnung, auch wenn keine praktischen Gründe da-
für vorliegen? Warum mögen wir ein Bild nicht mehr sehen, das lang an
unserer Wand gehangcn hat, oder lassen uns nicht mehr von einer Tapete in einer
MietSwohnung stören, die uns anfangs ein Greuel war? Warum benützen wir
eine Zeit lang ganz gern ein ncues Tischgeräte, ein Service, ein Trinkglas,
die wir geschenkt bekommen haben, um dann vielleicht bald wieder zum alten,
gewohnten zurückzukehren? Jn all diesen und hundert ähnlichen Fällen wirkt
ein ästhetisches Prinzip, das sich als das Prinzip von Dauer und Wechsel
bezcichnen läßt und mit dem die Gesetze des ästhetischen Kontrastes und der ästho-
tischen Folge sich mannigfach verschlingen- Unsere Empfänglichkeit für ästhe-
tische Eindrücke stumpft sich ab durch Gewöhnung oder orhöht sich durch Uebung,
der Wechsel oder der Kontrast modifiziert die gefühlsmäßige Wertung oiner
und derselben Anschauung in weitgehendem Maße und auch die Reihenfolge
verschiedener Eiudrücke nach Jntensität und Qualität übt ihrcn Einfluß auf die
Art ihrer Wertung. Das ist im außerästhetischen Verhalten so, aber auch im
ästhetischen ja nicht zu übersehen und häufig eine Erklärung für ein scheinbar
irrationales und widerspruchvolles ästhetischeS Verhalten. Mode und schein-
bar willkürlicher Geschmackswechsel ziehen daraus ganz besondero Nahrung.

Ferner wird unser ästhetisches Verhalten auch im täglichen Leben mit-
bestimmt durch ein Gosetz, das durch alle Lebensgebiete hindurchzugchen scheint:
man hat es das Gesetz des kleinsten Kraftmaßes genannt. Es ist ein Gesetz
der Oekonomie auch in unserem seelischen Haushalt, daß wir nicht gern mehr
Mittel oder Kraft aufwenden, als wir für eine Leistung wirklich brauchen oder
wenigstens zu brauchen glauben; ein für die (am Endc herauskommende)
Leistung unverhältnismäßiger oder an sich unnötiger Aufwand macht uns un-
lustig und ebenso die Enttäuschung, wenn wir zum voraus so und so viel
Mittel in die Rechnung eingestellt haben und wir brauchen sie nicht. Wir wollen
und sollen eine menschliche Gestalt sehen, eine bekleidete allerdings aber eben
doch eine mcnschliche, d. h. eine Gestalt, die von Natur bestimmte Formen
Linien, Umrisse, Proportionen hat und eben dadurch daS ästhetische Wohlgefallen
zu crregen in hohem Maße geeignet :st. Nun tritt uns aber ein Gebilde, ein
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