Der Kunstwart: Rundschau über alle Gebiete des Schönen ; Monatshefte für Kunst, Literatur und Leben — 11,2.1898

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Dugo Molk.

Jm Jahrbuch der Musrkbibliothsk Peters steht ein gedankeureicher Auf-
satz Hermann Kretzschmars über „das deutsche Lied seit dem Tode Richard
Wagners", aus dem wir unsern Lesern Einiges, was der besonderen Beachtung
wert erscheint, mitteilen wollcn. Kretzschmar weist eingangs sehr richtig auj
das im Verlauf der Geschichte stets wiederkehrcnde Bestrebcn hin, die natür-
lichen engen Formen des Liedes durch die weiteren und künstlicheren der Kan-
tate zu ersetzen, ein Bestreben, das auch die Gegenwart fast völlig beherrscht'
Er schreibt dies einerseits der Thorheit zu, daß man das für die Familie, für
die Arbeit, für die Geselligkeit bestimmte Lied ins große Konzert eingeführt
hat, wo sich's dann in seiner einfachen Gestalt gar unbedeutend ausnahm,
anderseits aber der allgemeinen Tendenz der Zeit, die Standesgrenzen in Kunst
und Leben zu überschreiten. „Ja, nicht blosz die Komponisten fühlen sich zum
Teil über das Lied erhaben, auch das Publikum gefällt sich in einer Gering-
schätzung wenigstens seiner einfacheren und einfachsten Spielarten. Als vor
kurzem der Schwede Scholander mit seiner Laute durch Deutschland zog, alte
naive aber volle Kunst wieder belebend, da hat ihn die Aristokratie der Abonne-
mentskonzerte ignoriert und dic hohe Kritik meistens unglimpflich behandelt
Man schwärmt wohl von Rhapsoden, aber wenn sie leibhaftig wieder in die
Gegenwart hereintreten, erkcnnt sie Niemand. Diese Vornehmthuerci, dieser
musikalische Cant verschuldet es, daß die Musik dcs Volks, sich selbstüberlassen,
tief auf Abwege gerät und datz die gesunden Keime, die in der Kunst unserer
Aoupletsänger und L-ekL8 cü-mtLnts zahlreich vorhanden sind, verderben."
»Zwei Vormürfe sind es, die gegen die neuen Komponisten erhoben werden
müssen: sie setzen eine grohe Anzahl von Texten in Musik, die sich dazu über-
haupt nicht eignen, und bekunden damit eine handwerksmäßige Gleichgiltigkeit
gegen Poesie und Vernunft. Zweitons aber überwiegt in der Wahl brauchbarer
Texte das Licbeslied heute in einem geradezu unglaublichen Grade. Von der
Vielseitigkeit, die früher ein Ruhm des deutschen Liedes mit war — keine Spur
mehr. Wenn der studierte Mann vor diesem Liedergartcn, in dem nur Armide
waltet, flieht und sich in sein Kommersbuch zurückzieht, hat er Recht. Wir er-
wähnen hier das Kommersbuch allen Ernstes. Kein anderes Volk hat es uns
bis jetzt nachmachen können, noch weniger als unsere Universitäten. Den
jungen Komponisten kann man nur zurufen: gcht hin und trinkt aus dieser
poetischen Quelle und lernt an ihr, was deutsches Leben außer verwegener
odcr zimperlicher Erotik noch zu bieten hat. Das wird ein Schritt zur Besserung
sein, aber nur einer."

Manche junge Komponisten hosfen dadurch einen neuen Ton im Liede
zu finden, daß sie sich von der Muse der Dehmel und Genossen inspirieren
lassen. Das Ergebnis hat bisher nur zur Verrücktheit geführt, aber nicht zur
Originalität, die nun einmal im Musiker sclbst stecken muß. Sobald man das
Bemühen merkt, um jeden Preis „anders", „modern" sein zu wollcn, ver-
stimmt die Absicht, die selten einem wesenhaften Drange, zumeist der licben
Eitelkeit entspringt. Schubert und Schumann haben ihrc Eigenart auch nicht
durch die zu ihren Tagen gedichtete Lyrik erst wecken lassen, sondern schon
mitgebracht, als sie zu komponieren begannen, und haben ihre neuen Weisen
' zu alten wie modernen Texten gesungen. „Modern" ist eben kein ästhetisches
Werturteil, sondern eine Charakteristik, die Bezeichnung einer bestimmtcn Art
des Schaffens in einem bestimmten geschichtlichen Verhältnis. Grillparzer hat

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