Der Kunstwart: Rundschau über alle Gebiete des Schönen ; Monatshefte für Kunst, Literatur und Leben — 11,2.1898

Page: 375
DOI issue: DOI article: DOI article: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/kunstwart11_2/0385
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
rische Gediegenheit der Stoffe vertritt und damit ihren Platz neben der mo-
dernen Volkskunst beanspruchen darf, wie sie von Schwindrazheim, Avenarius
u. a. seit einem Jahrzehnt gefordert und vertreten wird. Daß die moderne
Jndustrie recht wohl geneigt ist, sich den Forderungen der Volkstrachten anzu-
bequemen, wenn diese nur ernsthaft an sie herantreten, geht ebenfalls aus dcm
Berichte des Freiburger Vereins hervor.

Natürlich hege ich nicht den Wunsch, daß die Beibehaltung der Volks-
tracht zur Maskerade werde, welche Gefahr Herr Friedrich Hottenroth für nahe-
liegend hält. Er schreibt mir darüber: ,Es freut mich, daß Sie meinen Pessi-
mismus über den Niedergang dcr Volkstrachten sür unbegründet halten; indeß
kann mich Jhr Hinweis auf die große Teilnahme, die man jetzt den Volks-
trachten entgegenbringt, nicht zu Jhrem Optimismus bekehren, denn sie bcstätigt
meines Erachtens weiter nichts, als die alte banale Erfahrung, daß man eine
Sache erst dann richtig schätzen lernt, wenn man im Begriffe ist, sie zu ver-
lieren. Diese Protektion oder Gunst ist der Kunst der Aerzte zu vergleichen
die das Ende eines Menschenlebens wohl hinausschieben aber nicht verhindern
kann. Volkstrachten stehen nicht für sich allein da; sie sind an gewisse kulturelle
Bedingungen geknüpft, und mit dem Verschwinden dieser Bedingungen mutz
notwendigerweise ihre Lebenskraft versiegen. Da, wo man die Volkstracht über
ihre natürliche Zeit hinaus beizubehaltcn sucht, wird sie zur Maskerade. Wir
könncn die Anfänge solcher Maskerade jetzt schon bemerken und zwar in der
Schweiz an solchen Orten, auf die sich der Fremdenzufluß am stärksten richtet.
Es kann hier dem, der fähig ist, zu sehen, nicht entgehen, daß die Volkstrachten
nur noch aus Spekulation beibehalten werden, nicht aber aus innerem Bedürf-
nisse, und daß sie sofort gegen die Modetracht vertauscht werden, sobald die
Saison vorüber ist. So erfreulich sonst der Anblick einer Volkstracht ist, so
muß er unter solcher Bedingung jedem ehrlichen Menschen widerwärtig sein.
Alles hat seine Zeit; und warum die Volkstrachten sie nicht haben sollten, das
würde schwer zu beweisen sein. Jm übrigen kann niemand mehr, als ich selber
wünschen, in diesem Punkte Unrecht zu haben."

So sehr ich mit Herrn Hottenroth die gcschilderte Maskerade vcrabscheue,
so viel Sympathie habe ich doch mit den .Aerzten" der Volkstracht. Nicht leicht
wird man sich durch die Hoffnungslosigkeit eines Falles abhalten lassen, doch
einen Arzt zu Rate zu ziehen; und bekanntlich ist schon mancher Totgesagte durch
die Kunst des Arztes noch gerettet worden. So hoffen wir denn weiter, daß
dies auch dem Freiburger Volkstrachtenocrein gelingen und daß er zahlreiche
ernsthaftc Nachsolger finden werde. Daß es nicht gilt, eine Maskerade in Dauer
zu erhalten, sondern die Gesinnung, welche die Volkstracht stützt, zu beleben
und zu stärken, wissen die Freiburger Herren ganz genau.

Paul S ch u m a n n.

Lose Mätter.

Aus Ljör.i Björnsous „Zohanna^.

V o r b e m er k un g. Jn der Abteilung ,Vom Tage" des heutigen Heftes
hat Leopold Weber die Erstausführung von Björn Björnsons „Johanna" be-
sprochen. Wir geben im Anschluß daran die große Szene aus dem zweitcn
Akt wieder, in der sich Johanna und Ström näher treten. Die Buchausgabe
des Werks ist bei Albert Langen in München erschienen.
loading ...