Der Kunstwart: Rundschau über alle Gebiete des Schönen ; Monatshefte für Kunst, Literatur und Leben — 11,2.1898

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u. Aabrg. Lweites /Ibaiberr lSS8. Dekl 16.

Lum neuen Mngner-Denknml.

Durch die deutschen Lande ertönt soeben ein Ruf zur Errichtung
eines Wagner-Denkmals in Berlin, und er fordert sie auf, die Nation,
die Scherflein beizusteuern, um ihren Geisteshelden usw., usw. — man
kennt ihn ja, den prächtig aufgeschirrten Gaul, von dem herab bei solchen
Gelegenheiten der Phrasen-Schellenbaum durchs Land klingelt. Aber
ach, der verehrliche Ausschuß setzt, scheint es, kein rechtes Vertrauen in
die Begeisterung sür dieses Denkmal, denn er rechnet vor allem auf den
Ertrag einer im Berliner „Meßpalast" stattfindenden „Allgemeinen Musik-
ausstellung", der dem großen Zwecke zufließen soll. Die Presse druckt
das uun ab, sagt nichts dazu (ihre „Spitzen" sitzen ja auch im „Ehren-
ausschuß") und gibt es zu lesen. Und das Publikum liest es, denkt
nichts und nickt dazu. Und wir anderen sehen wieder einmal eine
große Simpelei ausziehen wie einen Helden zum Siegen.

Greifen wir aber nicht vor, nehmen wir zunächst einmal das Denk-
mal in Stein und Erz als gegeben an. „Deutschland" soll es „auf-
richten" „in der Kapitale", heißt es im Aufruf. Berlin als politische
Hauptstadt in allen Ehren, aber warum soll „Deutschland", d. h. doch
wohl das deutsche Volk, seiues großen Künstlers Denkmal gerade in
die politische Hauptstadt stellen? Daß Berlin die politische Hauptstadt
Deutschlands ist, hat doch wohl mit der Kunst, insbesondere mit Wagners
Kunst wenig zu thun, daß Berlin die Hauptstadt der Wagnerschen
Kunst sei, wird doch wohl keiner behaupten wollen. Also warum sonst?
Jst der Meister dort geboren oder gestorben? Hat er dort gerne geweilt
oder Bedeutendes geschaffen? Hat ihm diese Stadt von je vielleicht be-
sonderes Verständnis entgegengebracht? Wenn Leipzig, Dresdeu, Weimar,
Zürich, Wien, München, ja selbst Venedig oder Paris ein Wagner-
Denkmal planten, so würde das den Besucher an dic Beziehungen des
Verewigten zu dem betreffenden Ort erinnern. Aber an die Skandale
bei dcn ersten Tristan- und Meistersinger-Abenden wünscht man doch
kaum zu erinnern, die einen so wesentlichen Teil der Beziehungen Wagners
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