Der Kunstwart: Rundschau über alle Gebiete des Schönen ; Monatshefte für Kunst, Literatur und Leben — 11,2.1898

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Es gibt nichts Weibischeres, als Männer, die mit sclbstgefälligem Lächeln
ihrem Geist von Frauen den Hof machen lasscn. Dabei sehen selbst bedeutende
Leute wie Gecken aus.


Heute stürmt so viel auf den Geist des Schaffenden herein, daß es un-
endlicho Mühe kostet, abzuwchren, was ihm unmittelbar widerspricht. Und
dieses Abwehren verbraucht den grötzeren Teil jcner Kraft, die in stilleren
Zeitcn ganze Menschen schuf. Andererseits führt es zur eigensinnigen Ueber-
treibung des Eigenwesens, üas denn auch so oft nur in verzcrrter Gestalt ins
Leben tritt.

*

Rascher Erfolg wirkt meistens wie ein heitzes Frühjahr: er lockt tausend
Blüten in kurzer Zeit hervor, aber ihm solgt nicht ein fruchtreicher Herbst.

4-

Jedes echte Dichterwerk spricht mehrere Sprachcn: es sagt anderes dem
Jüngling, dem Manne und dem Greise. Ein Buch, das wir nicht auf allen
drei Stufenleitern der Entwicklung mit Freuden lesen können, hat nur mitt-
leren Wert.

4-

Der naive Künstler und Dichter muß so schaffen, als ob nie einer sein
Werk sehen oder lesen werde. Für das Werk lebend, lebt er in ihm sein
Selbst aus. Nur mutz er erst eins habcn. Sonst gibt er nur dasJch. Und
dieses Jch denkt beim Schaffen stets an die Wirkungcn, die es ausüben will.
Damit abcr ist jede tiefe, echte Wirkung im voranS vernichtet.

Und sie haben die Phantasie als Fälscherin der Natur verdammt. Die
aber wies ihnen eine lange Nase und kam zu ihnen, vermummt als „exakte
Beobachtung". Und sie schrieben Romane und Novellen voll crfundener Natur.
Und dann verfluchten sie den Rcim und die Lyrik überhaupt. Und siehe da:
der deutsche Dichterwald bevölkerte sich so mit Vögeln, datz man vor ihnen die
Bäume nicht mehr steht. Der echte Dichter kennt kcine Thatsache autzer scin
Selbst. Und mag er aus Träumen heraus schaffen, ffo sind seine Träume —
und kehrtcn sie die Wirklichkcit um — Thatsachen, voll der Wirklichkcit. Und
wenn er in gebundener Rede schreiben will, so schafft er Vollgültiges — trotz-
dem einige Schreihülse die Lyrik als Unnatur „nachgewiesen" haben.

Vom

Sichtung.

* Willibald Alexis*.

Am 29. Juni wurde in den dcutschen
Zeitungen des vor hundert Jahren ge-
borenen Romanschriftstellers Willibald
Alexis, oder wie er eigentlich hietz,
Georg Wilhelm Heinrich Häring meist
mit grotzer Wäruie gedacht, und es
war rccht so: Alexis ist dcr noch heute

*)Der Beitrag kommt, infolge eines
störendcn Zufalls, sehr wescntlich ver-
spätet zum Abdruck. Wir bitten da-
für um Entschuldigung. Kw.-L.

Tage.

nicht übertroffene Meister des deutschen
geschichtlichcn Romans. Jn Breslau
geboren, verbrachte er den grötzten
Teil seines Lebens in Berlin und war
anscheinend ein Berliner Zeitschrift-
steller wie andcre auch, cin Jung-
deutschcr, wenn man will, dcr Kriti-
ken, Reisebildcr, gcistreichc Novellen
und Zeitromane schrieb — heuto ist
das alles vcrschollen. Aber Alexis
war doch mchr als ein Zeitschriftsteller:
schon 182S hatte er durch eincn unter
dcm Namen des grotzen Scholler her-
ausgcgebcncn historischen Roman
„Walladmor" das gesanite deutsche
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