Der Kunstwart: Rundschau über alle Gebiete des Schönen ; Monatshefte für Kunst, Literatur und Leben — 11,2.1898

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drücklich, daß hicr von allem ästhetischcn Eindruck möglichst abgesehen werden
soll. Dagegen ist es noch ästhetisches Verhalten, rvenn mir von eincr Anschau-
ung, der wir unser Bewußtsein, wenn auch nur cinen Augenblick, ganz hin-
gegeben haben, uns wieder abwenden, weil sre uns Unlustgefühle erregt, weil
wir etwa cinc frahenhafte Ausgeburt neuester Kleidermode, ein allem Stil-
und Formgefühl hohnsprechendeS Möbel oder Geräte, eine buntscheckige, un-
harmonischc Zimmerausstattung mit entschiedencn Unlustgefühlen wcrte». Wir
machen der ästhetischen Anschauung ein Ende eben aus ästhetischen Gründen.

Es liegt also das psychologische Wesen des üsthetischen Verhaltens oder
der ästhetischcn Wirkungen in der völligen Konzentration des Bo-
wutztsoins auf einen Vorgangsinnlicher Anschauung und
in dcr damit aufs engste verknüpsten gefühlsmätzigen Wertung
der Anschauung. Und das dabei thätige seclische Organ ist wedcr das
theoretische Denken, noch das auf präktische Zwecke gerichtete Wollcn, son-
dern die anschauende oder gestaltende Phantasie, deren Thätigkeit von Vor-
gängen der Gefühlssphäre begleitet und in Wechselwirkung bestimmt ist.
Nur wo seelische Vorgünge dicser Art das Bewußtsein völlig beherrschen,
kann überhaupt vom Aesthetischen die Rede sein. Und wo wir im tüg-
lichen Leben diesc Vorgünge aus irgend eincm Grundc geflissentlich oder un-
willkürlich von unserem Verhaltcn ausschließen oder nur auch in den Hinter-
grund des Bcwutztseins drängen, da hat die Aesthetik bis auf weitcres nichts
zu suchen und daS Feld den anderen bestimmenden Faktoren des Alltagslebcns
zu lassen. Es liegt auch in der Natur der Sache, daß es gerade im täglichem
Lcben in hohem Matze unserem jeweiligen Belieben übcrlassen ist, ob wir uns
ästhetisch verhalten wollen oder nicht — wührend es sich auf allen Gebieten dev
Kunst und des Kunstlebens um gar kein anderes als um ästhetisches Verhalten
handeln kann, während sogar die ästhetische Naturbetrachtung eincn Moment
der Notwendigkeit, des psychologischen Zwangcs cnthält. Dcnn das ästhetische
Verhalten, auch das nur rezeptive, ist psychologisch Aktivität: die Dinge an sich
sind nicht ästhetisch, sie werden es erst dadurch, datz wir ihrer Anschauung die
Herrschaft in unserm Bewußtsein lassen und sic gefühlsmäßig werten. Da könncn
wirs im alltäglichen Leben bis auf einen hohen Grad halten, wie wir wollen;
cs bleibt jedem Philister irgendwelcher Art unbenommen, das Aesthetische von
seinem Alltagsleben grundsätzlich fernzuhalten, eine lcdiglich unter praktischen
Zweckmätzigkeitsgesichtspunkten hergestellte üsthetische Wüste um seine werte
Person zu schaffen. Larl weitbrecht.

(Schlutz folgt.)

Lose Wlätter.

Die Sehlncht bei Lscinnringftedt.

Von Adolf Bartels*.

Am Montag, dem i?. Februar, gegen Morgen hatte sich der Wind von
Nordwcsten, dcr seit dcm Abend vorher wehte, zum Sturm entwickelt, der
schwarze Wolken rastlos über das Land Dithmarschcn dahintricb und ihren
Jnhalt, Regen, Hagel und Schnee miteinander vermischt, in wilden Schauern
zur Erde schlcuderte. Das Eis dcr Gräben hatte sich aufgelöst, die gefrorenen

*) Aus dem historischen Nomane „Die Dithmarscher", der kürzlich bei
Lipsius L Tischcr in Kicl crschicnen ist-
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