Der Kunstwart: Rundschau über alle Gebiete des Schönen ; Monatshefte für Kunst, Literatur und Leben — 11,2.1898

Page: 111
DOI issue: DOI article: DOI article: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/kunstwart11_2/0121
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
Kindern allzugroße Ansprüche stellen, daß sie wenigstcns deren geistige Kräfte
so beanspruchen, daß die übrige Ausbildung darunter leiden muß, mährend
sie später leichter, schneller und sicherer bervältigt rvürden. Meiner Meinung
nach hätte rnan Anfänger nur dann phrasieren zu lassen, wenn sie die Elemente
der Syntax bereits in der Wortsprache kennen gelernt haben, auch wäre der
Anfang nicht mit absoluten Musikstücken zu machen, sondern an einfachen
Liedchen, wo die musikalische Periode mit der grammatischen oder nretrischon
zusammenfällt. Von da käme man dann auf denr Weg über „Lieder ohne
Worte" ohne Schwierigkeit zu mehr zusammengesetzten Gebilden. Jedenfalls
abcr ist gegen die Verwendung der Meisterwerke unserer Tonkunst als Uebungs-
material zu protestieren. Den phrasierten Ph. Em. Bach kann man sich gefallen
lassen, aber dieses Verfahren z. B. auf Beethovens Sonaten anzuwenden, wäre
dasselbe, rvie Goethes Lyrik in der Syntaxstunde zu analytischen Uebungen zu
wählcn: kunstgeistlose Schulmeisterei.

(Fortsetzung folgt.)

Nk

MendeUn Meissbelmers /Ideinoiren.

Weißheimer — Weißheimer — ja, wer ist denn das? Sogar mancher in
den Personalien der neueren Musikgeschichte Wohlbewanderte dürste sich kaum des
Namens entsinnen, dessen Träger in den fünfziger und sechziger Jahren zu dcn
Mitkämpfern im großen Zukunftsmusikkriege zählte. Freilich scheint das Matz
seines damals erworbenen Ruhmes dem angewandten Eifer keineswegs cnt-
sprochen zu haben. Ueber Kapellmeisterstellen an Theatern mittleren RangeS
brachte es der zu scinem Glücke von Haus aus bemittelte Tonkünstler nicht
hinaus. Aber dafür war es ihm vergönnt, mit den meisten Persönlichkeiten
der sogenannten neudeutschen Musikbewegung in nahe Beziehungen zu treten
— und hiervon in seinen soeben veröffentlichten Memoiren * überaus anziehcnd
und lebendig zu erzählen.

Große historische und ästhetische Gesichtspunkte darf man in dem Buche
des braven Menschen und Musikers nicht suchen. Aber eine Menge biographischen
Einzclstoffs und charakteristischer Geschichten bringt es, wie nur wenige in den
letzten Jahren veröffentlichte Denkwürdigkeiten. Eben dadurch, datz der Ber-
fasser, seiner schlichten Geistesanlage entsprechend, alles tiefsinnig sein sollende
Betrachten vermied und in der Fülle seiner Erinnerungen förmlich schwelgt,
treten die Gestalten um so plastischer hervor und wird in der Lust des Er-
zählens auch so mancher klcine, aber bezeichnende Zug offenbar, der zu einem
anschaulichen Bilde jenerZeit gehört und den man anderswo nicht nachsehen kann.

Schon auf dem Leipziger Konservatorium stand Weitzheimer bei seinen
Lehrern als „Moderner" in schlechtem Rufe. „Gehen Sie damit nach Weimar",
fährt ihn (^856) der alte Rietz bei der Durchsicht seiner Kompositionen an, und
Livia Frege, die Freundin Mendelssohns und SchumannS, komplimentiert
ihn, weil er unvorsichtigerweise einmal am Klavier etwas aus Lohengrin spielt,
entrüstet über diese „Entweihung" ihres Salons, hinaus. Zwei, die damalige
Stimmung der amtlichen Kreise von Kleinparis vortrefflich spiegelnde Histörchenl
Mit ein paar Studiengenossen pilgert Weißheimer dann eines Tages nach

*) Erlebnisse mit Richard Wagner, Franz Liszt und vielcn andercn Zeit-
genossen nebst deren Briefen. Von W. Weitzheimer (Stuttgart, Deutsche Verlags-
anstalt, Mk. -t.so).
loading ...