Der Kunstwart: Rundschau über alle Gebiete des Schönen ; Monatshefte für Kunst, Literatur und Leben — 11,2.1898

Page: 333
DOI issue: DOI article: DOI article: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/kunstwart11_2/0343
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
legt ist) trifft mcin nuf mehr Frische und Lebendigkeit, als gemeinhin in histo-
rischen Dramen.

Untcr dem Banne Maeterlincks steht Arthur Holitscher in seinem
phantcistischcn Trauerspicl: „An die Schönheit" (Müuchen, Alb. Langen). Dcr
verwachsene Arild ist ausgezogen, um das Mecr zu suchen, das Bild dcr Schön-
heit, Freihcit und des unendlichen Lebens, aber sein Suchen endet tragisch.
Mit dem Fluche körperlicher Mißbildung wird er von der Schönheit selbst zuriick-
gestoßen, ja selbst im Reiche der Blinden vermag er die Liebe eines Weibes
nicht zu behaupten, sobald sie durch einen Sehenden crfährt, daß ihr Jdeal
mißgestaltet ist. So erweist sich die Traumwelt der Schönheit als cine grau-
jame Bernichterin aller, denen die Natur vsrsagt hat, ein ihrer würdiger Teil
zu sein. Das ungefähr erschcint uns als der Sinn der lyrisch - phantastischen
Tragödie, die einen Gcdanken über zwci wortreiche Akte spannt-

Damit schließen wir für heute unsere Wanderung durch den Salon der
zurückgewiesenen oder noch nicht zugclassenen Dramatiker. Ausgereiften Künstlern
und Persünlichkciten sind wir nicht begegnet, vielleicht, daß dcr oder jcncr,
käme er mit einem seiner Werke auf die Bühne, als Künstler dieses oder jenes
hinzulernen würde! Persvnlichkeiten reist die Bühne nicht. Ohne Fragc spiegelt
sich in der Mehrzahl der genanntcn Dramen ein Stück modernen Lebcns; daß
es in irgend einem einen notwendigen Ausdruck gefunden hütte, kann man
nicht behaupten. Vielmehr scheint die Sehnsucht auf die Bühne zu kommen,
die Mehrzahl zur Wahl dcr dramatischen Form vcranlaßt und sic leicht über
die Fragc hinweggesetzt zu habcn, ob daS Drama für das, was sie auf dem
Herzen hattcn, die entsprechende Form war. Es licgt aus der Hand, daß von
folcher Zufallsdramatik sür die Kunst Ersprießliches nicht entstchcn kann. Jeden-
falls muß man nach solcher Wanderung, wie dcr angestellten, bekennen, daß
sie mehr Mühe verursacht als Ertrag üringt. L e o n h. L i c r.

/Dusikliteratnr.

Wenn wir zum Schluß des Redaktionsjahres „reinen Tisch machen", so
geschieht es mit dem angenehmen Bewußtsein, den vorhandenen Stoff fast völlig
aufgearbcitet zu haben. Nur Vereinzeltes von Bedeutung bleibt zur spüteren,
einläßlichen Besprechung dem nächsten Jahrgang vorbehalten. Eine Reihe von
musikalischen Büchern sei noch knapp vor Thorschluß unsern Lesern im Folgen-
den angezeigt.

Aber von vornhercin möchte ich nicht die Meinung aufkommcn lassen,
als handle sich's bloß um Sachen, die man nur in Gottesnamen los werden
will, — um glcichgültige, nebensächliche oder doch minder bcachtenswcrtc Er-
scheinungen, die man zum Kehraus eben noch abthun möchte. Da ist z. B.
gleich ein Buch wic der »Briefwechsel zwischen Carl von Winterfeld
und Eduard Krüger" (Leipzig, E. A. Scemann, Mk. 4.—), dessen Herausgabe
wir Arthur Prüfer verdanken, ein überaus erguickliches Buch. Es zeigt uns
wieder einmal, wie „unsere Alten" doch gar verehrungswürdige, grundgediegene,
ernste, tiesempfindende Männer waren, denen man bittcr Unrecht thut, wcnn
man sie ihrer konscrvativen Denkwcise wegen hochmütig übersehen möchte. Jch
zweifle schr, ob aus unserer Zeit so viele gehaltvolle Briefwechsel spüter zu
Tage treten wcrdcn, wie wir sic jetzt schon aus der Zeit vor der Reichs-
gründung in so reichcr Fülle besitzcn. Die beiden Gclehrten, dic da ihre Ein-
loading ...