Der Kunstwart: Rundschau über alle Gebiete des Schönen ; Monatshefte für Kunst, Literatur und Leben — 11,2.1898

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und Eindrücke" (Berlin, S. Fischer, Verlag) eine begeisterte Charakteristik des
dänischen Schriftstellers. Doch ist der jüngere Mann durch die Schule der
Modernen gegangen, und in seiner Anschauung von der Kuust näherte er sich
der unsrigen: „Der Künstler ist das Ebenbild der Natur. Er ist schöpferisch
rvie diese, und ebenso rätselhaft. Es mag schlimm sein, daß die Natur sich
nicht um uns Menschen kümmert (übrigens: rvir gehören doch eigentlich auch
zu ihr) und um unsere wechselnde Moral, aber es ist Thatsache. Sie folgt
nur ihrem eigenen Gewissen, jenen großen, ehernen Gesetzen die nur einen
Zweck kennen, Leben schaffen. Und auch der Küustler kümmert sich nicht um
uns Menschen und nicht um die Moral von gestern, heute und morgen, son-
dern nur um sein cigenes Gewissen, um seine cigenen Gesetze, die ihn heißen,
der Kunst und nur der Kunst zu dienen." Das läßt sich immerhin hüren.
Diner-DLnes hat augenscheinlich gründliche philosophische Studien gemacht,
und er hat auch eigene Gedanken, er kann ferner Persönlichkeiten gerecht
werden, wenn er nicht, wie etwa bei Brandes und bei Jokai, voreingenommen
ist. Störend sind für mich bei ihm eine starke Selbstgefälligkeit und infolge
dessen eine etwas gesuchte Manier.

Manches mit Diner-Dsnes gemein hat Leo Berg, doch scheint er mir
oberflächlicher, mehr im Banne der „geistvollen" Phrase, die in Bcrlin ja stets
stark kultiviert worden ist. Bergs neues Werk hcißt ,Der Uebermensch in der
modernen Literatur. Ein Kapitel zur Geistesgeschichte des neunzehnten Jahr-
hunderts" (Albert Langen, München), und sein Verfahren ist nun allerdings
erft recht „prokrustisch", wcnn ich das schöne Wort bilden darf. Es darf am
Ende auch eine Literaturbetrachtung geben, für die, um ein Bild zu wieder-
holen, nicht der Kirschbaum in seiner Blütenpracht oder reich mit Früchten be-
hangen, sondern der Kirschgeist, den man aus den Kirschsteinen destilliert, das
Wesentliche ist. Aber der Destillator muß dann auch berufen sein, und ob
Berg das ist, erscheint mir sohr zweifelhaft. Namentlich die Pervrationen
seines Schlusses sind schrecklich. Doch kann man das Buch trotzdem mit
Nutzen lesen, es ist eine fleißige Arbeit und die Entwicklung im Ganzen, soll
heißen die Entwicklung des Stoffs mag richtig sein. Als ästhetischom Kritiker
— es wird ein Abriß der gesamten modernen Literatur gebotcn — fehlt
Bcrg das cigentliche iuäictum, wie einer meiner Lehrer zu sagen pflegte, die
Gabo, das Spezifische, ja nur den künstlerischen Rang sehen zu können; für
ihn ist im Grunde alles gleich klein und gleich groß, obschon er natürlich
lustig darauf loswertet. Adolf Bartels.

S

LiterÄrlscbe Atterkunst?

„Die Kunst kümmert sich nicht um die Moral, sondern folgt ihren eigenen
Gesetzen" — das ist ein Satz, der heuts bei allen, die nur einiges Kunstver-
ständnis haben, keinen Widerspruch mehr findet. Aber, muß man hinzufügen,
die Kunst schlägt der Moral auch nie ins Gesicht und versucht nie ihr ein Schnipp-
chcn zu schlagen; wo das, brutal oder frivol, bcwußt geschicht, ist keine Kunst
mehr, sondern die Verwendung künstlerischer Mittel zu unkünstlerischen Zwecken.
Für diese Afterkunst ist die auch an dieser Stelle neulich geforderte Freiheit
der Kunst nicht zu verlangen, es ist nur gerecht, wenn sie unterdrückt wird.
Kann man jedoch Kunst und Afterkunst immer unterscheidcn? Jch meine: Der
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