Der Kunstwart: Rundschau über alle Gebiete des Schönen ; Monatshefte für Kunst, Literatur und Leben — 11,2.1898

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Grabreden.

Awei in besonderem Sinne heilige Stunden hatte bei unsern heid-
nischen Altvordern das Jahr, Stunden, in denen Vergangenheit und
Zukunft mit geheimnisvollem Zauber in die Gegenwart traten. Um
die Mitte der längsten Winternacht tauchte die entrückte Sommerwelt im
Geisterleben wieder aus den Tiefen, und um die Mitte des längsten
Tages ging durch das ragende Korn im Sonnenbrande die Todesgöttin,
und leise begann von nun ab ihr Reich, das Reich des Welkens. Wir
Hcutigen aber schmücken am Johannistage unsre Gräber mit Blumen,
damit die Dahingegangenen teilhastig werden am reichsten Blühen, denn
auch uns erinnert das höchste Leben an den Tod.

Schreiten auch wir, wir vom Kunstwart, heute einmal zu den
Gräbern hinaus. Treten wir ein durch das Friedhofsthor, aber unter-
drücken wir sür heut die Gedanken, zu denen der Kirchhof selbst durch
Unwürdiges und Unschönes vielleicht uns stimmt, und über die wir uns
ja srüher schon mehr als einmal ausgesprochen haben. Dort drübcn
umsteht eine Trauerversammlung ein geöfsnetes Grab. Hören wir, was
der Redner spricht. Vielleicht, daß... ja, wir wissen es schon, wen sie
begraben. Eine arme, einsame alte Jungfer war's, die wir gekannt
haben, denn bei guten Menschen, die uns nahe gestanden, hatte sie noch
nach fünszig Jahren des Herumirrens in der Welt so etwas wie eine
Heimat gefunden, und nun rührte uns oft die innige Dankbarkeit und
das märchenhafte Glücksgefühl, das sie darüber empfand. Sie war früher
Erzieherin bei adligen Leuten gewesen, die ihr gütig ein Monatsgeld ge-
währten, von dem fie lebte. Aber von diesen Adligen, von diesen Wohl-
thätern spricht der Paftor allein, von dem „hochansehnlichen hochadligen
Hause"' allein, von denen, die das alte Vöglein bei sich hegten und
pflegten, bis es starb, und von dem sonderbaren Vöglein selber mit all
seinen Eigenarten spricht er kein Wort, und er hätt es so leicht gehabt,
davon zu erfahren. Jm übrigen der übliche Dogmentroft mit den üb-
lichen Wendungen. Hören wir lieber der Amsel zu, die dort auf derr
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