Der Kunstwart: Rundschau über alle Gebiete des Schönen ; Monatshefte für Kunst, Literatur und Leben — 11,2.1898

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laten Hohenlohe. Jn zwei grotzen Briefen (an Uhland 26- November >8^2,
an Therese Huber t82g) cntwickelt er seine mystischc Weltanschauung, der ge-
mätz er im Tod die innigste Vereinigung mit dem Geist der Natur erblickt.
Man kann das Unbehagen nachempfinden, das Uhland beim Lesen dieser Ge-
ständnisse crgreifcn mutzte. Die beiden so enge verbundcnen, öfters gemein-
same Dichtungen abfassenden Freunde sind durchauS entgegengesetzte Naturen.
Uhland, so cng cr als Dichter und Forscher mit dcr Romantik verbunden er-
scheint, steht nicht blotz in religiöscn Fragen aus naturalistischem Standpunkt-
Wie überlcgen spottet er im Vorwort zur ersten Auslage seiner Gcdichte* über
die kläglichen Thränen, während Kerner den Schmcrz für die Quelle aller
Poesie erklärt. Aber die romantische Strömung hatte in ihrer Jugendzeit die
beiden Freunde ergriffen; ihr Zusammenwirken gibt den Anfängen der schwä-
bischen Schule ihr Geprägc. Jm Vergleich zu dem stets überströmendon Kerner
erscheint Uhland auch in der Zeit eifrigsten Briefoerkehrs als Kerner in Ham-
burg und Wien, er selbst in Paris weilte, der zurückhaltcndere. Den Brief-
wechsel ergänzt aber in glücklicher Weise das gleichzeitig zur Voröffentlichung
gelangte Tagebuch Uhlands**. Das Jahrzehnt t8io—20 ist daS wichtigste
in Uhlands Leben. Jn Paris lcgt er den Grund für seine gcrmanistisch-roma-
nistischcn Studien; tSN verbündet er sich mit Kerner, um ein literarisches
Organ zu schaffen, das „zum Vereinigungspunkt dessen dienen könnte, was
jeder unserer Freunde jährlich hervorgebracht"; i8ts gelingt es ihm nach
mehreren vergeblichen Versuchen, endlich cinen Verleger für eine Sammlung
sciner eigenen Gedichte zu finden. Gleichzeitig fördert seine Teilnahme an dem
württembergischen Verfassungskampf die Gruppe der „Vaterländischen Gedichte*
zu Tage. Aus der Fülle dramatischer Plüne gedeihen „Herzog Ernst" und
„Ludwig der Baier* t8i8 und tsiy zur vollen Reife, und die zweite seiner
großen wissenschaftlichen Arbeiten, das Leben Walthers von der Vogelweide
reiht sich ;82> dem bahnbrechonden Aufsatze über das altfranzösische Epos
<st8i2) an. Gerade für diese wichtigen Jahre habcn wir nun nebcn denBriefen
an den vertrautesten Frcund Kerncr auch dic Auszeichuungen des Tagebuchs
erhaltcn, welche über das Entstehen von Gedichtcn und Dramcn, ihre Quellen
und Anregungen reichen und vielfach neuen Aufschlutz geben. Für die Ge-
schichte dcr schwäbischen Dichterschulc und die Entwicklung ihrcs gefciertsten
Führcrs sind hier von den Hauptpersonen selbst die wichtigsten Belegstücke ge-
geben. Uhlands Tagebuch entspricht vollständig der wortkargen zurückhaltenden
Art Uhlands. Aber dem, der seine ticfe Eigenart kennt, dem bcleben sich diese
trockenen Aufzeichnungen, und der Einblick in des Dichters Leben wird ihm
zu cinem tiefen Einblicke in die Dichtkunst selbst. lll a x Aoch.

Oeue Drunren.

Bei dem grotzen Bedarf unserer Bühncn an Neuigkeitcn und bei dem
noch größeren Eifer unserer Dichter, auf die Bühne zu kommen, könnte man
nachgerade darnn zweifeln, ob denn den Klagen derer, dcnen die Bühnenprobe

* Unter den zahlreichen neueren Ausgaben vcrdient die tresfliche ame-
rikanische rühmende Erwähnung: Uoems ok Q'KIrmck sdcutschcr Tcxt mit rcich-
haltigen cnglischen Erläuterungcn) selecteck snck eckiteck b/ VVatermann 1. ble-
wett, Urokessor in Lornell Universit^. Ncw-Pork, Macmillan und Co. t8yb.

** Aus des Dichtcrs handschriftlichem Nachlatz herausgegeben von
I. Hartmann. Zweite Auflagc. Stuttgart, Verlag der I. G. Cottaschen Buch-
handlung Nachfolger I8Y8.

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