Der Kunstwart: Rundschau über alle Gebiete des Schönen ; Monatshefte für Kunst, Literatur und Leben — 11,2.1898

Page: 325
DOI issue: DOI article: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/kunstwart11_2/0335
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
Trergärten.

H!)an sagt ja, die Liebe zu den Tieren liege der germanischen
Rasse im Blut. Der Romane, heißt es, beschäftige sich mit ihnen nur
des Nutzens halber und schreite beispielsweis während der Wanderzeiten
zum Massenmorde der Vögel so kühlen Herzens, wie man Beeren pflückt.
Der Germane dagegen sehe in ihnen so etwas wie Brüder von min-
dcrer Begabung, die aber doch „liebe Kerle" sind und ein Rccht haben
auf ihre Plätze in der Welt, die sie sehr wohl ausfüllen. Abgesehen da-
von, daß es doch immerhin eine eigentümliche Bruderliebe ist, die gelegent-
lich die Geschwister mästet oder jagt und aufißt, so glaube ich auch
nicht, daß sich Liebe und Gleichgültigkeit gegen Tiere so einfach nach der
Nassengrenze verteilen läßt. Eine Erscheinung aber gibt es, die beweist,
daß etwas wahres an jener Rede doch wohl sein muß. Wie unver-
gleichlich mehr haben sich die zoologischen Gärten in den germa-
nischen Ländern entwickelt als in den romanischen! Sehen wir von
Paris ab, so spielen sie bei den Romanen überhaupt keine Rolle, und
auch in Paris entsprechen sie nicht der Entwicklungsstufe, die sonst öffent-
liche Schaustellungen dort erreichen.

Zumal bei uns in Deutschland aber sind die Tiergärten längst
ein „Bildungsinstitut" geworden, das als solches gar nicht mehr, son-
dern als allgemeines Vergnügungsinstitut empfunden wird. Und es ist
nicht wahr, daß dies nur in dem Sinne gelte, daß Konzerte, Ballon-
aufsticge oder Feuerwerke dazu kommen müssen, den Bürger zum Besuch
zu bewegen. Manch einer aus dem Mittelstand, sogar manchcr „kleine
Mann" ist stolz auf den zoologischcn Garten seiner Stadt, liebt ihn,
hat Teilnahme für jeden Todesfall und für jedes freudige Familien-
creignis darin. Die Aufnahme von Bildung ist ihm hier mit mannig-
faltiger gemütlicher Erheiterung verquickt und ist selber ihm zum Ver-
gnügcn geworden. Bildend aber wirkt der zoologische Gartcn ganz ge-
wiß aufs Volk. Es fragt sich nur, ob er das nicht in noch viel höherem
Maße thun könntc, ohne minder erfreulich zu sein.

Z2S
loading ...