Der Kunstwart: Rundschau über alle Gebiete des Schönen ; Monatshefte für Kunst, Literatur und Leben — 11,2.1898

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ist im Hochiand« vorgeschweöt und in der k'is-LloU-Sonate op. 2 habe er zur
Melodie des zweiten Satzes die Worte eineS altdeutschen Liedes zugrunde ge-
legt: »Mir ist lcide, daß der Winter beide, Wald und auch die Haide hat ge-
machet kahl«." Dic Konservativen, die Brahms so gern als absolut musikalischen
Musterknaben vordemonstrieren möchten, der nie fremde, poetische Elemente in
die heilige Tonkonst zu tragen sich erdreistet hätte, verunglücken vor solchen
Bekenntnissen. Auch sür das, was Dietrich über die Stimmung der Schumann-
gemeinde während der letztcn düsteren Lebenssahre des unglücklichen Meisters
und über die Erstaussührung des .deutschen Rcguiems" berichtet, wird er ohne
Zweifel dankbare Leser findcn.

Eine wcrtvolle Gabe für allc Brahmsverehrer ist schließlich das „Neu-
jahrsblatt der Allgemeinen Musikgesellschaft in Zürich auf das Jahr t8y8^,
nicht bloß wegen dcs überaus schönen Bildnisses (Kupferstich von R. Leemann),
sondern auch wcgen dcs in hingebender Bewunderung, ohne tückische Ausfälle,
sich genügenden, mit reincr Liebe geschriebcnen und zahlreiche Briefe Brahm-
sens wiedcrgebenden Nekrologs aus dcr Feder A. Steiners, in den auch Er-
innerungen HegarS an den Verblichenen aufgenommen sind. Die Absichten,
die Brahms bei der Herausgabe seiner „Deutschen Volkslieder mit Klavicr-
begleitung" leiteten, gehen aus einer Briefstelle an Bächtold bei Ueberscndung
der betreffenden Heste hervor: „Falls Sie sich für die Musik unscrer Volks-
liedcr interessiert haben, roerden Erk und jetzt Böhme Jhre Führer gcwescn
sein. Diese gaben seit langem den (sehr philiströsen) Ton an und meine
Sammlung steht ihnen geradezu entgegen." Aus Hegars Mittcilungen hebe
ich die Stelle heraus: „Für Carmen schwärmte er geradezu und hielt diese
Opcr neben Wagners Meistersingern für das bedeutendste Werk in der Jnstru-
mentierungskunst". Da ist es denn bezeichnend für den Unterschied zwischcn
Brahms und seinem Wiener Anhang, datz Hanslick, als er neulich über das
Zürichcr Neujahrsblatt refericrte (N. fr. Pr. i2c>n), daraus wohl Brahmsens
Borliebe sür „Carmen", aber nicht auch jene für die „Meistcrsinger"' mitteilte.
Sollte, waS er weise verschwieg, hier den „Meister des Stiles" zeigen?

Ungern nur rührt man an den alten, nur scheinbar beruhigten Streit
der Parteien. Abcr es scheint doch nötig, zu betonen, daß die Wagnerianer,
deren Fanatismus man so gern an den Pranger stellt, nicht den vierten Teil jener
Sünden auf dcm Kerbholz haben, in deren Maienblüte dic Brahminen mit der
unschuldsvollstcn Miene von der Welt dahinwandeln. W o die Neigung zu ver-
sühnlicher Gercchtigkeit vorwaltete, ist offenkundig für jedermann der erwägt,
wie intensiv Brahmssche Musik gerade in dem „neudeutschen" Heerlager, in dem
von Liszt als Parteiverband gestifteten Allgemeinen Musikoerein gcpflegt wird.
Mögen die „Andern" jetzt, wo man von beiden Seiten sich vernünftigerweise
anschickt, die Streitaxt zu begraben und billige Urfehde zu schwören, dieses
Verhältnisses nicht vergessen. R- B.

'Aeber Ikruirstpüege tm /Oittelstande.

6.

Daß zu einer geschmackvollen Einrichtung wenn nicht kostbare, so
doch auf ornamentale Ausgestaltung nicht ganz verzichtende Möbel ge-
hören, ist auch eines jener Vorurteile, die einem Fortschritte, man künnte
auch sagen: der Wiedereroberung einer einstigen Höhe stets hindernd im
Wege stehen. Die Eltern gehen mit den besten Vorsätzen zum Möbel-

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