Der Kunstwart: Rundschau über alle Gebiete des Schönen ; Monatshefte für Kunst, Literatur und Leben — 11,2.1898

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genug sieht, brauche ich nicht zu reden. Ein Perserteppich kann oft
ein wundervolles Kunstwerk sein und auch die minder wertvollen Stücke
zeigen noch den ganzen künstlerischen Takt einer alten Kultur. Dah sie
aber in diese schlichten Räume, wie ich sie hier als aus den Ver-
hältnissen gegeben schildere, besonders gut hincinpaßten, kann ich nicht
sinden. Ein aufsallend schönes Stück wird gerade keinen Mißklang er-
geben — denn das thut ein wirkliches Kunstwerk nie —- wohl aber wird
man die Empfindung haben, daß beide Dinge ein getrenntes Empfindungs-
Dasein führen. Dic satte Glut des orientalischen Teppichs erfordert neben
sich eine gewisse Ueppigkeit, und die Harmonie in der Einfachheit wird
kaum gestcigert durch prächtige Stücke, die vereinzelt neben ihr stehen.

Wo man einen Bodenbelag überhaupt wünscht, wird man, wenn
man dadurch den Eindruck der Gemütlichkeit sucht, diesen am stärksten er-
halten, wenn man das ganze Zimmer mit einem Teppichstoff auslegen
läßt. Stimmt der dann in der Farbe, so läßt sich auch auf ihm jedes
Muster entbehren. Daß durch solche Bodenbelage der Säuberung
Schwierigkeiten entstehen, ist ein Schicksal, das bei allen Stoffen natür-
lich stets wiederkehrt. Auch abgepaßte große Teppiche, die ja auch in
einer Farbe gehalten sein können, vielleicht mit einer unauffälligen Borte
umgeben, erhöhcn die Staubfreiheit dcr Luft nicht, und das Wegnchmen
eines mit in den Boden eingelassenen ösenbefestigten Bodenbelags ist
nicht so sehr schwierig.

Die Teppichindustrie hat sich bei uns bedeutend gehoben. Man
sindet in guten Geschüften schon ziemlich häufig feinfarbige abgepaßte
Stücke, die bei mäßigen Preisen ganz den Zweck erfüllen: den Schritt
zu dümpfen, ein schlechter Wärmeleiter zu sein und nebenbei dem Auge
einen angenehmen Eindruck zu geben.

Dort, wo man kleine Stücke sucht, wie z. B. als Bett- oder
Divanvorlagen, wird man häufig Felle gut verwenden können. Die
japanischen Ziegenfelle sind durch ihren billigen Preis sehr in Mode ge-
kommen, und es wäre nichts gegen sie einzuwenden, so lange die Jmi-
tatoren den harmlosen Ziegen nicht cin Leopardengescheck auf das Fell
malcn.

Auch Mattenstoffe eignen sich oft sehr gut für dcn Bodcnbelag.
Linolcum ist eine praktische Erfindung, die ich aber noch uie auf dem
Gebiet des Aesthetischen in erträglicher Weise ausgebildet gesehen habe.
Würden sich die modernen dekorativen Künstler einmal diesem Stoff zu-
wenden, so fänden sie gewiß cin gutes Feld der Bethätigung, denn für
manche Näume, und wären es nur Badezimmer und Korridore, ist das
schrittdämpfende, leicht sauber zu erhaltende Material sehr geeignet.

2 chnltze -Naumburg.

„MLder die Llaque!"

Bekannrlich hat Gustav Mahlcr, der ncue Wiener Hofoperndirektor,
diesen „Kreuzzug" ueulich gepredigt und den Kampf mit dem Drachen behcrzt
aufgcnommen durch einen Erlasz an die Mitglieder der ihm unterstellten Bühne,
wonach sie die ehrenwörtliche Errlcirung: „jede wie auch immer geartete Verbin-
.dung mit der Clague aufzugeben", unterschriftlich vollzogon wurde. Man wird

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