Der Kunstwart: Rundschau über alle Gebiete des Schönen ; Monatshefte für Kunst, Literatur und Leben — 11,2.1898

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mütlich himvcgsetzt, eine fcsselnde und unterhaltende Lektüre bieten. Freilich,
Menschliches, Allzumenschliches wird darin gerne festgehalten und der Verfasser
unterläßt es z. B. nicht, auch die Schwipse zu verzeichnen, die seine großen
Freunde in seiner Gesellschaft sich holten. Jn einem solchen Zustand hat sich
einmal auch Lassalle für seine Oper begeistert ....

Die Ausstattung des Buches ist ungeachtet seiner Billigkeit vornehm.
Ein Bildnis Weißheimers und faksimilierte Briefe von Wagner, Liszt und Bü-
low sind beigegeben; eino inmitten des broschierten Umschlags cingesetzte Me-
daille aus Metall mit den fein ausgeprägten Zügen Wagners macht einen
originellen Eindruck. Dagegen vermißt man, was bei einem Werk mit so
buntem Jnhalt nicht ungerügt bleiben darf, ein Register. B.

Tole und lebende Stile.

Man kennt den Unterschied zwischen toten und lebenden Sprachen und
rechnet zu diesen z. B. das heutige Dcutsch, das heutige Französisch, das hentige
(Neu-) Griechisch, zu jenen z. B. das Altdeutsche, das Lateinische, das (Alt-)
Griechische. Eine Sprache „lebt", so lange sie noch von mehr als Vereinzelten
im Umgang gesprochen oder wenigstens geschrieben wird; so war das Lateinische
in den ersten Jahrhunderten der Neuzeit, als ein übrigens gegen einst kaum
verändcrtes „Neu-Latein", einelebendeSprache, und selbst bis in unsereZeit hinein
sollman inUngarn und inSchottland Leute gefunden haben, die ohne denBesitz ge-
lehrter Bildung doch lateinisch zu sprechen wußten und zwar von irgend welchen
politischen oder sonstigen Gelegenheiten her, bei denen das Latcinische offiziell
gewesen- Noch mehr. Heute sind wenigstens Stücke von dieser und von der
griechischen Sprache lebendig, und zwar vorwiegcnd in der Fülle der Kunst-
ausdrücke, in der Terminologie; hier ist manches nicht nur noch erhalten, son-
dern geradezu materiell wie auch formell, neugebildet. Auch Redensarten und
Sprichwörter der klassischen Welt leben zum Teil noch weiter; und selbst Aehn-
lichkeiten unseres Redestils mit dem römisch-griechischen gehören hierher.

Um all dies nicht mißzuverstehen, beachte man zunächst folgendes. Was
einen fremden Ursprung hat, muß uns deswegen noch nicht fremd sein. Ein
Frcmdwort in der deutschen Sprache ist ein deutsches Wort, wenngleich etwa
französischen Ursprungs; umgekehrt ist „(le) woggoii" ein französisches Wort,
obschon von dem deutschcn „(der) Wagen" abgeleitet, während hinwider „(der)
Waggon" ein deutsches Wort von unmittelbar französischem und mittelbar
deutschem Ursprung ist. Das Verstchn und Anerkennen dieser Sachlage hängt
allerdings sehr von dem Grade der Anähnlichung des fremdgeborencn Wortes
an die eigene Sprache ab. Die Franzoscn haben „Wagen" sich bis zu dcm
ganz französisch klingenden »waggoM assimiliert und fühlen es schwerlich als
Fremdwort; die Deutschen haben diesem Worte fast ganz seine Form bclassen
und fühlen es demnach als Fremdwort. Man wird auch lcicht einsehen, daß
ein Fremdwort, je mehr es in einer Weise angeähnlicht worden ist, desto mehr
Wert für das gesamte weitere Leben der Sprache hat — gleichsam als eine
wirklich verdaute, nicht bloß gegessene Nahrung. Allerdings mag hier auch
das Paradoxon gelten, daß eine Nahrung unter Umständen ihren eigcnen Esser
aufessen kann; sowohl die lateinische wie auch die französische Sprache waren
nahe daran, es mit der deutschen Sprache so zu machen. Dies in der Neuzeit;
im Mittelalter hingcgen wurden die deutschcn Fremdwürter aus dem Lateini-
schen gut deutsch „einverleibt". Wir sehen: wenn fremde Sprachen mit irgend
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