Der Kunstwart: Rundschau über alle Gebiete des Schönen ; Monatshefte für Kunst, Literatur und Leben — 11,2.1898

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i>er Mvaltige Wert dcr ästhetischen Kultur beruht, das alles beachtet
Tolstoj mcht; er sieht daran n ur, .was reizt und entzückt", nie „was
sättigt und nährt."' Es sei denn, daß er dies in nicht ästhetischen Wirk-
ungen des Kunstwerks erkenne, in sittlichen.

Unsere abweichende Meinung über diesen allerwichtigsten Punkt
hindert uns aber selbstverständlich nicht, iu einem großen Teile der
Forderungen Tolstojs sehr viel Richtiges zu erkennen. Wir sind hier
wieder in eigentümlicher Lage, denn wieder finden wir von Tolstoj
manches ausgesprochen, wie wir's mit so unsern eigenen verwandten Wortcn
kaum irgendwo anders gehört haben. Das gilt auch von Einzelnem, was
Andree Bonnier in dem „Besuche bei Tolstoj" mitteilt, dessen Schilde-
rung der Schrift des alten Meistcrs angehängt ist. Tolstojs lebhaftes
Eintreten für die Volkskunst entspricht unsrer Ueberzeugung durchaus.
Nur, daß wir über der Volkskunst, der Güter ausbreiteuden, die Höhen-
kunst, die im Neuland Güter suchende, nicht verachtet wünschen. Und
man vergleiche mit unsrer letzten Weihnachtsbetrachtung Sätze wie diese:
„Jch verlange keineswegs, daß die Kunst die ausschließliche Nolle eines
moralisierenden Faktors spiele. Das Wesentliche besteht darin, daß sie
das Volk interessiere. Aber sie wird dasselbe, d. h. die ganze Mensch-
heit nur dann interessieren, wenn sie aufrichtig ist, wenn sie das aus-
drückt, was wir Tiefes, d. h. allgemein Menschliches in uns bergen.
Die Kuust bedarf dreierlei Dinge: „Aufrichtigkeit, Aufrichtigkeit und noch-
mals Aufrichtigkeit." Aufrichtigkeit über allem ist auch nach unsrer Ueber-
zeugung der große Wunsch an die Künstler, der immer und immer
wieder zwischen Kunstspiclerei und Kunstgigerltum hineinhallen muß.
Aber nicht nur im allgemeinen menschlichen Fühlen sehen wir das Tiefe.
das nachzufühlen uns frommt, sondern auch im Allerpersönlichsten.
Dürfen wir doch hoffen, gerade aus diesem ganz Eigenen eines Jeden
Neues zu gewinncn, das uns vorwärts hilft, wenn unsre eignen Persön-
lichkeiten gekräftigt genug sind, um die fremde Fähigkeit nur als Mittel
,zum Zweck in unscrn eigenen Dicnst zu stellen. A.

Vom literaturbiswrtscben Vrokrustesbette

Man hat mir neulich eine neue Ausgabe des bekannten Brandesschen
Werkes „Die Hauptströmungen der Literatur des neunzehnten Jahrhunderts"
jLeipzig, I. Barsdorf) ins Haus gesandt, und ich habe den sechsten Band,
„Das junge Deutschland", noch einmal gelesen. Jnteressant ist das Schluß-
wort: „Wenn auch dänische wie deutsche Kritiker den Plan dieses Werkes in
anmaßender und abfälliger Weise getadelt habcn, so ist sich der Verfasser doch
Lewußt, daß er heute, neunzehn Jahre, nachdem cr denselben gefaßt, keinen
andcren und bessercn finden würdc. Man hat mit Recht, doch ohne großen
Aufwand von Scharfsinn erklären können, daß die literarischen Pcrsönlichkeiten
und Werke derartig gruppiert, in solcher Reihenfolge, so in Gegensah zu
einander gestellt, sowie derartig hervorgehoben oder schattiert, nur kraft einer
persönlichen Betrachtungs- und Behandlungsweise hervortreten — wie man
auch mit geringcrem Rechte immerwührend ohne besonderen Auswand von
Erfindungsgabe an Prokrustes erinnert hat- Die Antwort hierauf ist, daß,
unpersonlich gesehen, die Litcratur eincs halbcn Jahrhunderts cincm Chaos
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