Der Kunstwart: Rundschau über alle Gebiete des Schönen ; Monatshefte für Kunst, Literatur und Leben — 11,2.1898

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Kübnensänger als Gesanglebrer.

Man mutz dic Wahrheit fort u»d fort
wiederholen, da auch der Jrrtum uns fort
und fort geprcdigt Ivird, Goethe.

Die meisten unserer aktiven Bühnensänger erblicken in einem Gesanglehrer
einen weit unter ihnen stehenden Künstler, der ja notwcndig sei, wie der Ele-
mentarlehrer, wie die Kindsmagd, aber bald so überflüssig wie diese. Tritt nun
der Fall ein, daß ein Bühnenkünftler seiner Kunst valet sagen muß, aus Grün-
den, welche meistcns schon in der Studienzeit ihre Anfänge haben, dann wird
er entweder Restaurateur, Ladengeschäftsinhaber oder — Gesanglehrer. Auf
Grund welcher Fähigkeiten? Ja, das weitz der Herr vor der Hand selbst nicht.
Er war an der Bühne, an einer Königlichen sogar, und da mutz er's doch ver-
stehen, sagt das Publikum, und dieser Wahn ist die Stütze seines neuen Da-
seins. Datz an seiner „Methode" seine eigene Stimme zu Grunde ging, daran
denkt das Publikum nicht. Es bleiben ja noch Mätzchen, Finessen, guter Ab-
gang und sonstige Triks genug übrig, um seinen Schülern zu imponieren.
Findet sich nun gar ein Konservatorium, das die Bezeichnung: „Königl. Opern-
sänger" im Prospckt ausweisen möchte und ihn als „erste Lehrkraft", ich meine,
als Zugkraft anstellt, so kann die Massenzüchtung künftigen Sängerproletariats
beginnen.

Bevor ich die Frage, ob ein Bühnensänger so ohne weiteres zum Ge-
sanglehrer befähigt ist, erörtere, will ich an einige Bedingungen erinnern, die
zum allerwenigsten erfüllt sein müssen, falls jemand als Gesanglehrer ernst
genommen sein will.

Erstens mutz der Lehrer hören können. Wahrscheinlich I Aber es
genügt nicht, zu hören, ob ein Ton musikalisch rein ist, auch nicht, welche klang-
liche Qualität ein gesungener Ton besitzt, sondern das Ohr eines Gesanglehrers
mutz auch den Weg abschätzen können, wie weit ein Ton von deni Normalton,
welcher dem betreffenden Menschen entspricht, noch entfernt ist, ob bei der Ton-
gebung ein bestimmtes Prinzip bewahrt ist und wieweit die prinzipicllen Be-
dingungen erfüllt werden.

Ein bestimmtes häufig vorkommendeS Beispiel wird dies klarer machen.
Es handele sich um eine stumpfe Stimme.

Trotz ihrer Grötze trägt sie nicht und klingt immer einfarbig. Jhr soll
Metallklang gegeben werden durch Zuhülfenahme der Kopfresonanz. Dazu
werden z. B. die Nasalklinger m und o angewendct. Jetzt entstcht eine förm-
liche Revolution innerhalb der Stimme. Der Kampf gegen dic alte Tongebung
beginnt, ohne datz die neue schon das Feld behauptet. Der Durchbruch des
Tones in die oberen Schädelpartieen ist nicht von heute auf morgen zu ermög-
lichen- Kurz, die Stimme scheint jetzt günzlich in Unordnung zu sein. Wenn
nun dcr Lehrer in dieser Entwicklungsphase des Schülers nicht hören kann, ob
ein Ton, obgleich noch lange nicht richtig, schon auf dem Wege ist richtig zu
werden, oder ob er noch völlig falsch geführt ist, dann ist die erste Bedingung
zu einer wirklichcn Stimmenerziehung seitens des Lehrers unerfüllt, auch wenn er
sämtliche Gesangschulrezepte und Warnungstafelparagraphon am Schnürchen hat.

Zweitens mutz der Lehrer vormachen können. Und nicht nur
das, er mutz auch den fehlerhaften Ton des Schülers nachmachen und sogar
karikieren können. Es ist bekannt, datz ein in den Hals gedrückter Ton dem
Sänger selbst stets grotz und schön vorkommt. Dieser würde also nie eine
Ahnung bekommen, wie scheuhlich er singt, wenn der Lehrer ihn nicht sofort

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