Der Kunstwart: Rundschau über alle Gebiete des Schönen ; Monatshefte für Kunst, Literatur und Leben — 11,2.1898

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sers „Lharakterstudie" „Nichr schlecht" zu bedeutcu (Dresdcn, Reißner), sieht
man eben genauer zu, so tritt doch auch hier ein Forlschritt hervor. Es roird
das Verbummeln eines jungen Kausmanns dargestellt, der vom Gymnasium
gegen seinen Willen in diesen Beruf hineingekommen, aber der Schwerpunkt
wird nicht mehr, wie das vor zehn Jahren sicherlich geschehen wäre, in die
Schilderung des verderbenden Milieus, sondern in die Charakteristik und
Stimmungswiedergabe verkegt, und so entsteht ein sehr ernstes, fast pädago-
gisch wirkendcs Buch. Nur das pathctische Hineinreden sollte sich der Verfasser
abgewöhnen.

Mancherlei gemäßigt naturalistische Elemente neben tendenziösen enthält
auch Frieda von Bülows Roman „Anna Stern" (ders. Verlag), im ganzen
aber haben wir's hier mit einem Unterhaltungsroman von gutem Durchschnitt
zu thun. Der größte Teil der Frauenliteratur ist ja heute tendenziös, was
man nach Belieben als gutes oder schlechtes Zeichen ansehen kann, als gutes,
insofern es die erwachte geistige Regsamkeit der Frauen, als schlechtes, insosern
es ihren Mangel an ästhetischer Bildung — oder auch größerer dichterischer
Begabung darthut. Sehr scharf gegen die intolerante Orthodoxie geht ein
Zeitroman von A. Pappritz vor, „Vorurteile" (Berlin, Max Nüger), — es
wäre dagegen nichts zu sagen, wenn die Verfasserin sich nicht in dem Wahn
befangen zeigte, mit Lessing, Fichtc und David Strauß (I) eine neue ethische
Bildung begründen zu können, und wenn nicht so sonderbare ästhetische Ur-
teile, wie, daß uns die Franzosen „auf dem Gebiete des Dramas, sowohl was
Bühnentechnik wie auch psychologische Entwicklung anbetrifft" so weit voraus
gewesen seien, mit unterliefen. Herr Gott, grade um die Bühnentechnik der
Franzosen und ihrer deutschen Nachahmer los zu werden und wieder ehrliche
psychologische Entwicklung zu erhalten, haben wir uns dvch in den Sturm und
Drang der achtziger Jahre hineingestürzt! Adolf Bartels.


Scbiller tn sernen Dramen.

Unter diesem Titel hat Carl Weitbrecht kürzlich bei Frommann in
Stuttgart ein Buch erscheinen lassen, das dem Schwäbischen Schillerverein ge-
widmet ist, wohl die erste literarische Gabe, die der junge Verein empfängt.
Weitbrecht meint, es sei an der Zeit, sich wieder eingehcnd mit Schiller, vor
allem mit dem Dramatiker Schiller, zu beschäftigen, nicht nur mit Rücksicht
auf den weit getriebenen Goethe-Kultus, sondern auch im Blick auf das Be-
streben gewisser Modernen, die sich im Gefühl, es herrlich weit gebracht zu
haüen, über die Klassiker als entbchrlich gewordene Größen hinwegsetzen. Nach
seiner ganzen Richtung und Anlage aber wendet sich das Buch Weitbrechts nicht
so sehr an diese Engherzigen und Gegenwartstolzen als an weitere Kreise, d. h.
an eben jenc Leute, die, gebildet oder ungebildet, jedenfalls aber nicht zünftig,
ihren Schiller noch immer verehren, und noch immer zu den Aufführungen
seiner Dramen ins Theater strömen. So sehr Weitbrecht diese Kreise anerkennt,
so scheint er ihnen doch — und mit Recht — „ein tieferes und eindringendcres
Verständnis Schillers" vielfach nicht zuzutrauen. So will er ihnen helfen, vor
allem cin „wirkliches ästhetisches und dramaturgisches Verständnis sciner
Dramen" zu gewinnen.

Wir hätten bei diesem Eingeständnis der Belehrungsbedürftigkeit der
ivcitcrcn Kreisc gcrn einige Worte über den innercn Wert des bestehenden
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