Der Kunstwart: Rundschau über alle Gebiete des Schönen ; Monatshefte für Kunst, Literatur und Leben — 11,2.1898

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diese bedingt ist. Die herkömmliche Form bietet dem Verständnis aller-
dings keine Schwierigkeit, aber schon bei der Form, die ich die konstruk-
tive nennen möchte, weil sie der künstlerische Jntellekt nach gewissen
Grundsätzen ableitet oder zusammensetzt, gcht das Erfassen keineswegs
mehr so mühelos vor sich. Was man theoretisch sogar einräumen
möchte, wird noch in der Praxis geleugnet, und mancher klare Kopf er-
tappt sich da mitunter auf seltsamsten Widersprüchen. Selbst einfache
Uebertragungen von einer Kunstgattung auf die andere wollen uns erft
nach und nach in den Sinn, ja, dieselben Leute, die sich in der Sin-
fonie an thematischer Arbeit und Durchführung der Motive entzückten,
kanuten sich in Wagners Orchesterstil nicht aus, weil sie in der Oper
an die sogenannten „geschlossencn Formen" gewöhnt waren. Daß die
neuen Werkc in der Regel verwickelter, als die älteren und darum von
vornherein schwerer aufzufassen sind, kommt noch hinzu, so daß die
Klagen über die „zu vielen Noten und Jnstrumente" seit Mozarts Zeiten
kein Ende nehmen.

Gewiß liegt also keine besondere Verstandesschwäche vor, sondern
waltet nur ein psychologisches Gesetz, wenn das Neue in der Kunst so
selten willige Ohren und Augen findet. Es geht dies aus dem Um-
stande hervor, daß auch schr gescheidte und sonst gar nicht beschränkte
Geister sich ihm verschließen, während der Anhang des „der Zeit vor-
auseilenden" Genius keineswegs immer aus überlegenen Köpfen sich zu-
sammensetzt. Teils hat sie ein glücklichcr Zufall vor gewissen, der rich-
tigen Erkenntnis hinderlichen Vorurteilen bewahrt, teils erlagcn sie als
Werdende, als meiche Gemüter leichter dem suggestiven Einfluß der
Künstlerpersönlichkeit, gegen die fich gerade fertige, abgeschlossene, starke
Geister widerstandsfähiger erweisen.

Und der langen Rede kurze Moral? Daß das Verständnis für jedes
neue, bedeutende Kunftwerk langsam reift, und daß ein Urteil, am Tag
nach dem ersten Anhören zu Papier gebracht, unmvglich abschließend
und maßgeblich scin, daß es vielmehr in Lob wie in Tadel nur als
subjektivcs Stimmungsbild Wert haben kann. Erst nach wiederholtem
Anhören oder Sehen ist eine sicherere Schätzung denkbar, daher der
Vortcil unserer toten Meister. Jhre Werke sind in billigen Ausgaben
leicht zugänglich und vcrbreitet, werden darum oft, in verschiedenen
Zwischenräumen, in den verschiedensten Stimmungen vorgenommen und
studiert, indessen cin neuercs Werk meist vor oder nach dcr Erstauffüh-
rung aus der Musikalienlcihanstalt für ein paar Tage ins Haus kommt.
Wührend dieser Einquarticrung kann sich eine wirkliche Vertrautheit nicht
bilden. Und doch ist ein solche dic Vorbedingung dafür, daß sich
die obcn besprochcne Anpnssung entwickele. Nicht, wer ganze Büchereien
musikalischer Erzeugnisse durcharbeitet, sondern wer in eincm, wenn auch
kleincn Kreise erlcsener Kunstwerke heimisch ist, hat auf den Namen eines
Kenners Anspruch. Oder, wie das hübsche Tenion sagt:

Erst lesen, dann schelten,

Das lasscn ivir gelten.

Erst schelten, dann lesen
Verspricht noch Genesen.

Doch Lescn, Lesen nnd rviederum Lesen

Jst allemal noch das Beste gewesen. R. B.

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