Heidelberger Zeitung — 1865 (Juli bis Dezember)

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Ueidelbi'rglr Zeilung.

Kreisvcrkündigmgsblatt fitt den Kreis Hcidclüerg und aintliches Äerkündigungsblakt für dic Amls- und Amts-
Gcrichtsdczirkc Heidelberg und Wicsloch nnü den Amtsgcrichtsbezirk Neckargemünü.


Bestellungon anf die „Heidelberger
Zeitung" nebst Beilnge „Heidelber-
ger Fnmilieiiblättsr" für das mit 1.
October 18ESS begonnene 4. Qunrtal
werden fortliväiirend nngenommen.

Die Gxpedition

* Politifche Umfchau

* Die auswärtige Presse beschäfligt sich
neuerdings mit dcr Russell'schen Note über
den Gasteiner Vertrag. Es wir,d ver.sichert,
daß dcr edle Lord eine Szene mit der Königin
gehabt habc, die bei ihrcr Sympathie für Preu-
ßen von jenem Äctenstücke unangenehm berührt
worden ist. Jnteressanter ist eine andere Be-
haupjung, daß Russell mit eincr starken Be-
tonung des Aufrechthaltens der Vcrträge von
181Ä nicht nur Preußen, sondern auch Frank-
reich einen Hieb versetzt habe,. dem Letztern na-
mentlich wegen den immer uoch in der Luft
schwebenden Annerionsgelüsten auf Belgien. —
Auch die Gasteiner Convention liefert noch Stoff
zu, verschiedenen politischen Speculationcn. Ein
Pariser Blatt bcmüht sich auScinanderzusctzen,
daß Frankreich Angesichts disser Uebereinkunft
nicht länger temporisiren dük fe; die Verhältnjssc
seien derart, daß die Frage: „Congreß oder
Krieg" sich vcrhängnißvoll gcstalte. Die in
Frankfurt ericheinende „Europe" gcht sogar so
weit, daß sie ganz rückhaltlos die Abtretung
des linkcn Rheinufers an Frankreich als un-
abweiöbare Folge deS Gasteincr Vertrags be-
zeichnet.

Das Abendblatt der Wiener „Presse" hört,
Hcrr v. Hübner dürfle Bach'S Nachfolger auf
dem Botschafterposten in Nom werden.

Nach der „Mittelrh. Ztg." werden die, nas-
sauischen Abgeordneten, auch ohne einen be-
sonderen Beschluß gefaßt zu haben, fast ohne
Ausnahme beim Abgeorduetentag erscheinen.

Nach Berichten aus Rio de Janeiro hat auf
dem Uruguayflusse ein Schiffsgefecht zwischen
Paraguiten und Brasilianern stattgefundey, in
dem Letztere siegten und dem Feind Kanonen,
Fahnen und 1700 Mann als Gefangene ab-
nghmen.

Die Bank von England hat ihren Disconto
auf 41/2 erhöht.

Der Ausjchuß des deutschen Nationalvercins
hat beschlossen, die diesjährige Generalversamm- t

Sonntag, I Octoker

lung Sonntag, den 29. und Montag, den 30.
October in Frankfurt abzuhalten.

Die „Morningpost" sagt: Eine Note Oester-
reichs erklärt, daß e§ die Repräsentativform bei-
behalten werde.

Zn den meisten Staaten Süd- und Mittcl-
amerika'S herrscht große Gährung. Jn Pern
behaupten sich die Znsurgenten im L>üdcn und
halten die Chincha-Znseln besetzt; in Neu-Gra-
nada crwartcl man den Ausbruch einer neuen
Nevolutiou; in Panama ist ein Aufstaudsver-
such unterdrückt wordcn. Ein schrecklicher Or-
kan hat anf Guadeloupe große Zerstörungen
angerichtet. Man verans'chlagt die Zahl der
Artrunkenen auf 300. — Jn Chili bereitet
man eine Vergrößerung der Seemacht vor.

Wahlberichte.

§ Eberbach, 28. Sept. Bei der durch
die Kreisabgeordueten heute hier vorgenomme-
nen Wahl wurde als Vertreter der GeMeinden
Herr Amtmann v. Feder mit allen gegen
2 Stimmen gewählt.

Wolfach, 28. Sept. Nach Beendigung
oer Wahl ver Gemeindeabgeordneten zur Kreis-
versammlung im hiesigen Amtsbezirk benach-
richtige ich L>ie. daß bei dcr heutigen Wahl, so
wie bei der am 25. d. M. nur treue Verfas-
sungssreunde, und zwar 5 Abgeordnete und 3
Ersatzmänne'r gewählt worden sind. Von 126
Stimmen gehörtennurlbdem Neukatholicismus.
Die Fichtennadeln sind doch so übel nicht?

Am FuHe -es Belchen, 28. Sept.
Die am 25. d. M. in den 3 Wahlbezirken
stattgefundene Kreisabgeordnetenwahl der Wahl-
männer des Bezirks Staufen hatte das trau-
rige Resultat geliefert, daß drei Clericale
und drei ebenbürtige Gesinnungsge-
nossen zur L)chande und zum Aerger unseres
BezirkeS aus der Wahlurne hcrvorgingen, und
dic Wahlmänner in O. und U. M., G. und B.
sich des errungenen Sieges nicht gar zu sehr
zu freuen haben mochlen, wenn sie nur etn
klein wenig um sich sehen, und betrachten würden,
an welchen Gebrechen die Urwahlen laboriren,
und wie jene zu Stapde gebracht worden sind.
Wills Gott, daß es anderwärts freundlicher
und heller aussieht (allerdings ist's so,
und wenn sich auch einige Gimpel dort im
ultramontancn Netze fangen ließen, so herrsckt
der gesunde und verfassungslreue Sinn im übrigen
Thcile unsercs Landes überall vor. D. R.), als

18«S

in den bezeichneten Orten, wo der größere Thei
des Volkes, welches anßer dcm „Mainzer kach.
Volksblatt" kcine anvereZeituugliestund
lesen darf, fortwährenv von der Kanzel und
im Beichtstuhl fanatisirt wird. Jst es da zu
wundern, wenn man über dic Tagesfrage die
simple und boshaftc Antwort erhält, als: „d ie
Religion laß ich mrr nicht nchmen, ich
unterschreibc auch nichts"?

Wirklich weilt der eine der Hauptagitatoreu
in St. Peter bei den geistlichen Exercitien, seineu
Köcher für kommenden Feldzug mit neuen
Pfeilen zu bespicken, womit er den Ungläubigen,
Freimaurer und Zuden, den Garaus zu macheu
gedenkt. — Ein anveres und freundlicheres Bild
entrollt sich aber vor unsern Augen, indem
heute am 28. d. M. die Vertreler der Ge-
meinden des Bezirks Staufen zwei Männer
aus ihrer Mitte wählkn, die des in sie gesetzten
Vertrauens sich stets würdig gezeigt haben, e§
sind: Bürgermeister Burstert von hier, unö
der Landtagsabgcordnete Jos. Federer, Gerber
von Ehrcnstetten; beide haben sich auch sogleich
erklärt, die Wahl ännehmen zn wollen, und
wirklich verkündet der Donner der Geschütze
vom Schloßberge Staufens Bewohnern dic fröh-
liche Kunde, daß die Fortschrittspartei rühmlich
gesiegt habe!

* Heidelberg, 30. Sept. Bei der heuto
durch den hiesigen Gemeinderath und Ausschuß
vorgenommenen Wahl eines Kreisabgeordneten
wurdc Herr Nechtsanwalt Mays gewählt.

* Her'belberg, 30. Septbr. Die Nach-
rrchten übcr die Wahlresultate vom 25. d. M.
nähern sich allmählig ihrem Ende; heute licgen
uns, außer den oben mitgetheilten, nur noch
die Ergebnisse der in Oberkirch abgehaltenen
Wahlen vor, welche als der liberalen Sache
nur günstig bezeichnet wcrden können. — Die
Wahlen der Vertreter der Gemeinden in den
Kreisversammlungen bieten ein höchst erfreu-
liches Bild. Fast durchweg sind die Gewähl-
ten Anhänger des Fortschritts; es werven diese
Wahlen nicht wenig dazu beitragen, die Majo-
rität der liberalen Partei in dcn Kreisver-
sammlungen zu verstärken. Frei von jesuitischer
Beeinflussnng stchen diese Wahlen oft in grel-
lem Widerspruch zu den Ergebnissen vom 25.
d. in Bezirken, wo unter starkcr Mitwirkung
der klerikalen Partei die Wahlcn mehr oder
weniger ultramontan gefärbt ausfielen. Wir
erwähnen beispielsweise der Bezirke Buchen,


Einc schreckliche Nacht

Lerlxbte vor wenigen Wochen ein Badegast auf den
Hochpyrenärn unweit des Mineralbades CauteretS
in Frankrcich. Das am letztgenannten Orte crschei-
nende Ayiirnal berichtet darüber, wie folgt:

Am Dienstag Nachmittag um vier Uhr machte
etner der Badegäste mtt seinem sechS Aahre alten
Sohn einen Spaziergang durch die Berge, ohne
einen Führer mitzunehmen. Sie waren durch Camp-
BaSque durchgekommen, und settdem hatte man fie
nicht mehr gesehen. Die Nacht brach herein, und
die Mutter deS Kindes, deren Unruhe aufs Höchste
gestiegen war, schickte zehn Führer aus, die fich
mit Laternen, Haken, Tauwerk und allrn Ret-
tungsgeräthschaften versehen auf den Weg machten
jur Aufsuchung der Verschwunvenen, für dte man
bas Schlimmste befürchtete.

Vier von den Führern schlugen den Weg zur
Sette des Monnö ein, in welcher Rtchtung einige
Versonen die Spazicrgänger gesehen dabcn wollten;
bir übrigen vertheilten fich nach allen Richtungen
bin über den Berg. Tie Durcksuchung deö Berges
wurde mit vem größten Gtfer betrieben, keine

umhüllte, doppelt ntederdrückend und beängstigend.

Um fünf Uhr MorgenS trafen dic Führcr bei
Mamelon-Vert zusammen, und es zeigte sich, daß
alle thre biSherigen Anstrengungen umsonst gewesen
waren.

Doch während fie jetzt berathschlagtrn, was ihnen
noch zur Rettung der Verunglückten zu thun übrig
bliebe, sah Einer von ihnen, alS er den Pouros-
Wald auf dem Bsguöre mit den Augen absuchte,
gerade über der Prinzesfinnenhütte etwas Weißes
fich hin- urid herbewegen. Es war der unglückliche
Vater, welcher durch Winken mit einem Taschentuch
die.Leute zu setner Hilfe herbrizurufen suchte. Aber
war das Kind noch am Leben?

Die Führrr kletterten den Berg hinan und waren
bald in der Rähe deS Letchtfinntgen, welcher sich

Er stand auf einem Felsbruch, der rings von
Abgründen umgeben war, und konnte weder einen
Schritt vorwärts noch rückwärts, noch rechts oder
links machen. Das Kind stand an der Seite deS
Vaters, der es mit seinem Mantel bedeckt hatte,
dstser bleich und zitternd vor Aufregung, jenes un-
bekümmert um die Gefahr, die eS nickt zu fassen
vermochte. Gin wahreS Wunder, daß sie fich die
ganze Nacht hindurch auf dem Felsen hatteu balten
können.

Der Weg, den die Führrr einschlageu mußten,
war so schwierig, daß fie fich genöthigt sahen, dte
Sckuhe auszuziehen, um einen besseren Halt auf
dem glatten Felsen zu gewinnen.- Endlich waren
fie da: der kleine Knabe wurde zuerst aufgehoben
und in Sicherheit gebrächt. Dann wurde der Vater
an Seilen befesttgt und mit der ganzen Geschick-
lichkeit, von der die dortigeu Führer schon in ähn-
lichen schwierigen Lagen so oft Proben gegeben
haben, von seinem gefährltchen Standpunkt in die
Höhe gezogen.

Um sechs Uhr Morgrns war daS Kind den Ar-
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