Heidelberger Zeitung — 1865 (Juli bis Dezember)

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Utidklberger Zkilung.

Kreislierkündigungsblatt für den Krcis Hcidclberg unü amtlichcs Berlündigungsblatt für üie Aüits-- und Amts-
Gerichtsbezirke Heidelberg und Wicsloch und dcn Amtsgerichtsbezirk Neckargemünü.

R» 2S7. Mittwoch, I- Novcmber 18SS.

22. Nov. in Mosbach, am 24. und 25. Nov.

Auf die „Heidelberger

'.L Zeitung" kann man sich

noch für die Monate
Aovember und December mit 42 Kreuzern abon-
niren bei allen Postanstalten, den Boten und
Zeitungsträgern, sowie der Expedition (Schiff-
gasseNr.4).

* Politische Umschau.

Als Grund der Entlaffung des Finanzmini-
sters v. Dehn - Notfelser von seinem Minister-
posten bezeichnet man das Verlangen des Fi-
nanzministerialchefs, daß dcr Hanauer Bahnhof
für die Bebra-Hanauer Bahn nun endlich die
landesherrliche Genehmigung erhalte, die aber-
mals versagt worden sei.

Der „Constitutionnel" bringt in seiner neue-
sten Nummer einen angeblichen Frankfurter
Brief über die großmächtlichen Drohnoten, worin
'es hcißt: „Was auch die künftige Haltung Preu-
ßens und Oesterreichs sein mag, ihr Schritt
kann einen heftigen Kampf heraufbeschwören,
und die Nothwendigkeit gcmeinsamer Vertheidi-
gung kann in kurzer Zeit eine Wiederaussöh-
nung der verschiedenen Fractionen der liberalen
Partei herbeiführcn, die seit der Herzogthümer-
angelegenheit gespalten ist, ebenso wie allc klei-
neren Staaten durch den Jnstinkt der Selbst-
erhaltung dazu getrieben sind, gegen eine Politik
sich zu wehren, welche ihren Bestand gefährdet."
Nicht mit so ruhiger Objectivität spricht sich der
gleichfalls officiöse „Pays" aus; er führt über
Preußen und Oesterreich eine Sprache, die selt-
sam mit dem Umstaud contrastirt, daß Drouyn
de LhuyS in diesen Tagen dem Grafen Bis-
marck zu Ehren ein diplomatisches Diner ver-
anstalten muß.

Die Verhandlungen zwischen Oesterreich und
Preußen in Bezug auf die weiteren bei dem
Frankfurter Senate zu unternehmendeu Schritte
haben bereits zu einer Verständigung geführt,
und es dürfte die zweite Note der beiden
Großmächte, welche dicseS Mal cine identische
sein wird, schon in nächster Zeit tn Frankfurt
übergeben wcrden.

Bahern, Sachsen und Hessen-Darmstadt ha-
ben i/? Wien einen in der Bundesversamm-
lung zu stellenden Antrag angemeldet: „Der
Bund wolle Oesterreich und Preußen um Ein-
berufung der holsteinischen Stände ersuchen.

Die Bereitwilligkeit SachsenS zur Anerken-
nung Jtaliens soll sich darauf beschränken, daß

Sachsen einen Handelsvertrag dem Königc von I
Jtalien gestatten wolle, wenn die auderen Zoll- j
vereinsregierungen zustimmen.

Das Gerücht, daß gegen den Professor Dr.
Brinz eine Anklage wegen seiner Theilnahme
am AbgeordneteNtage beabsichtigt werde, wird
osficiös als unrichtig bezeichnet.

Nach dem „Moniteur" hat der KaiscrNapoleon
den päpstlichen Nuntins, Hrn. Chigi, in einer
Privataudienz empfangen.

Briefen aus Rom zufolge wird die zwcite
Brigade im Frühjahr, der Nest der Occupa-
pationstruppen später nach Frankfurl zurück-
kehren.

Dic Wahlen inJtalien sind im Allgemeinen
zu Gnnsten der constitutioncllen liberalen Mei-
nung ausgefallen. Das neue Parlament wird
nur wenige „Katholiken" und Männer der Ac-
tivn zählen. Victor Emanuel kann sich bei
Napoleon III. btzdanken, denn ohne die Ent-
schließung deS KaiserS, mit der Zurückziehung
der Truppcn zu beginnen, wäre das Ergebniß
der Wahlen schwerlich so günstig gewesen.

Zn Florenz wurden gewählt: Nicasoli, Pe-
ruzzi, Rubieri, Cipriani; in Alexandria Ra-
tazzi; in Ancona General Bixio.

Jn Reggio wurde der dortige Prof. Volpi,
Redacteur deL Journals „L'Jtalia Centrale",
auf dem Heimweg übcrfallen, und erhiclt acht
Dolchstiche, von denen zwei gefährlich sind.
Nach allcm zu schließen dürfte es Nache an
Prof. Volpi sein, welcher in seinem Journal
gegen die andere Partei heftig polcmisirt hatte.
Thatsache ist, daß ganz Rcggio in der Verur-
theilung des meuchlerischen Attentats überein-
stimmt, da Volpi als ein tüchtiger Redacteur,
der es mit der Wahrheit ernst nahm, allgemcin
geachtet war.

D e u t f ch l a n d.

Voru Neckar, 26. Oktbr. Die für das
Jahr 1866 zur Ergänzung der Linie erforder-
liche Nckrutenqnote ist nach der im Regierungs-
blatt Nr. 49 enthaltenen Uebersicht auf 3706
Mann festgcsetzt. Der Rekrutirungsbezirk
Mannheim hat bereits die Aushebungstage fixirt
und stndet die Aushebung der Rckruten in den
Aemtern folgendermaßen statt: am 7. Nov. in
Eberbach, am 9. Nov. in Buchen, am ll.Nov.
in Walldürn, am 13. Nov. in Werthheim, am
15. Nov. in TauberbischofSheim, am 17. Nov.
in Boxberg, am 20. Nov. in Adelsheim, am

in L-inshenn, am 27. Nov. in Eppingen, am
29. Nov. in Bretten, am 1. und 2. Dez. in
Bruchsal, am 4. Dez. in Wiesloch, am 6.Dez.
in Schwetzingen, am 9. Dezbr. in Weinheim,
am 11. und 12. Dez. in Heidelberg und am
14. Dez. in Mannheim'. (M.J.)

Frankfurt, 30. Okt. Die in der gestrigen
Generalversammlunz des Nationalvereins vor-
genommene Ausschußwahl fiel auf die Herren
v. Bennigsen und Dr. Metz mit je 208, Dr.
Lang von Wiesbaden mit 207, Fries vonMei-
mar mit 206, Dr. Siegmund Müller von hier
mit 201, Schulze-Delitzsch mit 153, Dr.Bra-
ter von Erlangen, Löwe-Calbe, Wiggers von
Nendsburg mit je 151, v. Rochau aus Heidel-
berg mit146, Miquel aus Osnabrück mit 142
und v. Unruh aus Berlin mit 135 Stimmen
rc. Der Ausschuß hielt gestern Abend nach
L-chluß der Generalversammlung alsbald eine
constituirende Sitzung', in melchcr dersclbe dem
Vernehmen nach den Vorstand wieder wic seit-
her gewählt und sich einstweilen durch Coopti-
rung solgender auch seither schon dem Ausschuß
angehöriger Mitglicder verstärkt hat: Preeto-
rius, Jessen, Nagel, Lüning, F. Duncker, Cetto,
Jungermann. Heute Vormittag findet eine
weitere Sitzung deS Ausschusses statt.

Stuttgart, 25. Oktbr. Da der kürzlich
mitgetheilte württembergische „Corpsbefehl" ein
europäischeS Aufsehen gemacht hat, so ist es
von Wichtigkeit, leichtfertigen Dcmentirungell
seiner Echtheit, wclche jetzt durch die Blättcr
gehen, enkgegen zu treten. Ein hiesiges Blatt,
welches den Corpsbefehl hier zuerst veröffent-
licht hat, constatirt, daß uur in dem Namen
Corpsbefehl cin Jrrthum liege. Dagegen seien
jcne sechs Verordnungen wirkliche Einträge in
militärische Befehlbücher, alle ohne Ausnahme
in neuester Zeit erlassen oder in neuester Zeit
wiederholt.

Stuttgart, 27. Oktbr. Der Volksverein
in Göppingen hat in einer Adresse dem Frank-
furter Senat seinen Beifall zu der einstimmigen
und energischen Zurückweisung der Noten der
Großmächte und zugleich den Wunsch ausge-
sprochen, daß die Fürsten und Völker der deut-
schen Mittel- und Kleinstaaten mit dem hohen
Senat in dieser Beziehung zusammcnstehen und
cndlich erkennen möchtcn, was die Glocke ge-
schlagen und wessen sie stch zu den deutschen
Großmächten zu versehen haben.

Ein Walzer im Schnee.

nux Adelige einlud und sie aus dex ganzen Um-
gegend bertef. Sein Sohn, der in Kiel die Rechte
studirte, erschien mit 2 ntchtadeligen Universitäts-
treunden auf dem väterlichen Schloffe. Der alte
Herr machte zum bösen Spiele gute Miene und
hoffte, daß die beiden Studiosen als ebenbürttg
in der großen hochedlen Gesellschaft mitflattern
werdcn. Die 3 jungen Herren hattcn sich schon als
die flottesten Tänzer bewährt, da kam einer dcr
bürgerlichen Studenten zur Gräfin v. A.^ um fie
um den nächsten Walzer zu bitten. Diese maß den
iungen Herrn mit verächtlichem Blicke von oben
bis nnten und erwiederte: „Ich bedaure recht sehr,
^te find bürgerlich und ich tanze nur mit Edel-;
lluten." Das erboste die 3 Studcuten; auf Verab-
redung gtng auch der zweite bürgerliche Student
zur Gräfin und erhielt dieselbe Antwort. Es wurde
^ache ersonnen, aber der Ball sollte dadurch nicht
gkstört werden. Am zweiten Tagc nach dem Balle
fuhr die Gräfin A. mit ihrer Mutter in der wetten

Ebene in Pelz gehüllt aus, als aus einem Tan-
nenwäldchen 3 Männer geritten kamen und ein

bürgerlichen Studenten. Von dicsen öffnete der
Eine den Kutschenschlag und sprach: „GnädigsteS
Fräulein, Comtesse v. A., vorgestern Abend ver-
weigerten Sie mir und meinem Freunde im Ball-
saale des Grafen R. einen Tanz. Wir, als deutsche
Studenten, find aber nicht gewohnt, uns derartig
abspeisen zu laffen. Wir find deshalb gekommen
und ersuchen Ste jetzt hier, mit uns ein Tänzchen
zu machen." ES half nichts, dte Gräfin mußte
aus der Kutsche. Der Student machte zierlichst seine
Verbeugung, erfaßte die Gräfin und machte beim
Violinspiel deS gräflichen Freundes eine Rundtour
über und durch den Schnee der Haidefläcke rings
um den Wagen. Der andere bürgerliche Student
that hierauf deSgleichen, dann ward dte Dame
höflich wieder in ihren Wagen gchoben, und fie
fuhr unter den Verbeugungen ihrer betden Tänzer
nach der Stammburg zurück.

Von Versailles wird die Entdeckung deS Mör-
ders des Hrn. Thomas Lavergne berichtet, welche,
wie die Gazette des Tribunaur bemerkt, beinahe
durch die vorzeitigen Besprechungen der Journale
verritelt worden wäre. Hr. Lavergne war früherer
Civilcommissär von St. Maurizius und bezog alS
folcher von der Uiglischen Regierung eine Penfion
von 20,000 Frcs. Im Alter von 78 Iahren war
Lavergne nach Europa zurückgrkehrt, hatte fich in
London aufgehalten, wo, wie bei Robinson, die
Sehnsucht nach seiner alten Jnsel wieder in ihm
erwachte; er war auf der Durchreise durch Frank-
reich begriffen, um fich, in Beglcttung eines ein-
zigen Dieners, in Marseille wieder nach dem in-
dischen Ocean einzuschiffen.

Schon in London muß das Individuum, welcheS
später sein Mörder wurde, in seine Nähe gekom-
men sein und sich vergewiffert haben, daß der alte
Mann bedeutende Werthe bei fich trug. Gewiß ist,
daß er ihn auf der Kahrt nach PariS brgleitete,
ihm unterwegs die größten Aufmerksamkeiten erwteS
und fich sein vollständigcS Vertrauen erwarb. Dieser
Mensch nannte sich damalS Gabricl und gab vor,
am amerikanischen Krieg theilgenommen zu haben.
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